Donnerstag, 17. September 2020

Grundsatztreue kann manchmal falsch sein

 In den Oberösterreichischen Nachrichten vom 14.9.2020 erschien dieser Gastkommentar von Christian Schacherreiter

Die Weigerung der regierenden ÖVP, in Österreich ein paar Dutzend minderjährige Flüchtlinge aufzunehmen, ist nicht nur ein Akt stumpfer Empathielosigkeit, sondern auch ein Ausdruck politischen Unvermögens. Kurz, Schallenberg & Gefährt/innen begründen ihre kompromisslose Haltung damit, dass das Abfackeln von Flüchtlingslagern nicht mit einer Eintrittskarte nach Europa belohnt werden dürfe. Dieses Argument ist zum Teil nachvollziehbar. Nachvollziehbar ist auch eine Grundsatzpolitik, die ein Migrationschaos, wie es 2015/16 entstanden ist, verhindern will. Darin ist man sich aber in der EU mittlerweile ohnehin einig.

Und eines ist auch richtig: Politisches Handeln kann sich nicht in erster Linie von emotionalen Augenblicksstimmungen bestimmen lassen. Politik würde damit unberechenbar, und die Folgen könnten völlig kontraproduktiv sein. Nebenbei bemerkt sind nicht nur Mitleid, Solidarität und Liebe Emotionen, sondern auch Machtgier, Neid und Hass.

Rationale Grundsätze sind allerdings eine Sache, die nicht immer absehbaren Herausforderungen des täglichen Lebens sind eine andere. Nur die Stahlhelm-Fraktion der Antimigrations-Liga würde die Aufnahme weniger Minderjähriger als unverzeihlichen Verrat an „heiligen“ oder eher unheiligen politischen Grundsätzen verurteilen. Die große Mehrheit der Menschen in diesem Land – diese Hypothese riskiere ich – hätte Sympathie für eine moralische Entscheidung, die einigen jungen Leuten die Chance auf ein menschenwürdiges Leben eröffnet.

Prinzipien zu haben und das tägliche Handeln regelmäßig an ihnen zu messen, ist einerseits wichtig, denn ein Politiker, der sich um sein Grundsatzprogramm gar nicht schert, verliert jede Glaubwürdigkeit. Andererseits kann aber das allzu starre Festhalten am Grundsätzlichen auch politisch falsch sein, starrsinnig, dogmatisch, unflexibel, kleinkariert, dumm. Den wohltemperierten Ausgleich zwischen konkreter Alltagssituation und abstrakter Programmtreue zu finden, darin besteht Führungsqualität, nicht nur in der Politik.

Die Türkisen haben ihrem grünen Regierungspartner bisher nicht nur einmal die Relativierung eigener Grundsätze, sei es humanitärer oder ökologischer, zugemutet. Das geht auch nicht anders, wenn eine Koalitionsregierung handlungsfähig sein will. Diesmal wäre es aber hoch an der Zeit, selbst Flexibilität und menschliche Großzügigkeit zu beweisen. Der Zweck, ein in hohem Maß humanitärer, wäre die vergleichsweise kleine Anstrengung wert. Es wäre aber auch ein Akt politischer Klugheit, denn grenzenlos ist die Geduld der Grünen sicher auch nicht. Und was dann, Herr Bundeskanzler?

Samstag, 29. Februar 2020

Im Heizhaus der sozialen Wärme. Das Wartungsprotokoll des Linksliberalismus

"Im Heizhaus der sozialen Wärme. Das Wartungsprotokoll des Linksliberalismus" ist ein soeben erschienener politische Essay von Christian Schacherreiter

Ein armer Hund geht um in Europa und Amerika – der Linksliberalismus. Aufgestiegen aus der Kulturrevolution 1968, großzügig genährt auf den blühenden Diskursfeldern der Postmoderne, schwächelt er heute zahnlos vor sich hin und ist vor allem eines: gekränkt und wütend. Wie konnte man es wagen, ihm, dem Avantgardisten einer besseren Welt, dem Heizmeister der sozialen Wärme, die Nachfolge zu verweigern?!
Christian Schacherreiter hält nichts von Selbstmitleid und noch weniger von der linksliberalen Unart, Andersdenkende und Gegner reflexartig zu provinziellen Idioten oder amoralischen Bös-Menschen zu erklären. Verlierer tun gut daran, sich selbst unangenehme Fragen zu stellen, nicht in hysterischer Selbstanklage, sondern mit den Mitteln der Aufklärung: nüchtern, analytisch, undogmatisch – und nie ohne Humor, also menschenfreundlich.
Ob Sozialpolitik oder Migration, Bildungs- oder Genderthemen, Demokratieverständnis oder Menschenbild, im linksliberalen Heizhaus der sozialen Wärme leuchten viele rote Warn-Lämpchen. Schacherreiter riskiert ein persönliches Wartungsprotokoll.

Pressestimmen zum Buch (Auswahl):
„Schacherreiters unnachahmliche Art, komplexe Themen verständlich, humorvoll und faktisch präzise zu formulieren kommt immer gut an und bürgt für qualitativen Input.“
Jutta Kleedorfer, Bibliotheksnachrichten
Veröffentlichung: 02/2020
ISBN: 978-3-7013-1278-8
208 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Preis: € 20,00
E-Book: € 15,99

Mittwoch, 5. Februar 2020

Josef Haslingers "Fall"

Heute ist in den OÖN meine Rezension zu "Mein Fall" von Josef Haslinger erschienen - leider erheblich gekürzt. Die Vollversion kann man hier nachlesen:


Josef Haslingers neues Buch „Mein Fall“ ist ein autobiografischer Text, halb Bericht, halb Essay. Der Autor schreibt darin über Kindesmissbrauch, wie er ihn als 11-jähriger Sängerknabe im Internat des Stifts Zwettl erdulden musste. Haslinger stellt ein Machtsystem dar, in dem es an Kontrolle fehlt, unter anderem deshalb, weil in der Landbevölkerung der sechziger Jahre die Autorität des Geistlichen nicht hinterfragt wurde.
Josef Haslinger sucht aber auch Antworten auf die Frage, wie er fünf Jahrzehnte lang mit dem Erlittenen umgegangen ist. Er macht den Missbrauch nicht zum ersten Mal zum Thema seines Schreibens. In der Kurzgeschichte „Die plötzlichen Geschenke des Himmels“ schilderte er in fiktiver Form, wie ein Religionslehrer einen Schüler missbraucht.
Als 2010 die Klasnic-Kommission gegründet wurde, an die sich alle wenden konnten, die in kirchlichen Institutionen sexuelle und/oder körperliche Gewalt erlitten hatten, schaltete sich Josef Haslinger mit einem autobiografischen Essay in die mediale Diskussion ein. In „Jetzt bloß keine Hexenjagd“ versuchte er die ambivalenten Gefühle darzustellen, welche die Annäherung eines Paters bei ihm als Elfjährigem ausgelöst hatte. „(…) ich bin solchen Annäherungen nicht ausgewichen“, schrieb Haslinger, „sondern ich habe sie in gewisser Weise als Auszeichnung empfunden.“
Der Soziologe Gerhard Amendt – und nicht nur er – beurteilten Haslingers Darstellung als problematisches Beispiel für eine dauerhafte Identifikation des Opfers mit dem Täter. Das Opfer verharre „im kindlichen Zustand der seelischen Ohnmacht gegenüber dem Vergangenen.“ Die bewundernswerte Größe des Menschen Josef Haslinger besteht darin, dass er in seinem neuen Buch auch solch kritischen Stimmen Raum gibt und sie zur Grundlage einer selbstkritischen Befragung macht. Es sei ihm klar geworden, dass sein Essay auch als Verharmlosung von Kindesmissbrauch gelesen werden konnte, obwohl das natürlich nicht die Intention war.
Erst acht Jahre nach Gründung der Klasnic-Kommission entschloss sich Josef Haslinger, seinen „Fall“ anzuzeigen. Ein Akt der Rücksichtnahme? Die Täter waren nämlich mittlerweile verstorben, vor allem der übergriffige Pater Gottfried, und auch Pater Bruno, der rituelle Prügelstrafen im Internat zum System gemacht hatte.
Wie skrupulös Haslinger um Gerechtigkeit ohne Rache bemüht ist, beweist er im letzten Kapitel von „Mein Fall“. Explizit würdigt er jene Patres aus dem Stift Zwettl, mit denen er keinerlei negative Erfahrungen gemacht hat. Die anderen, vor allem Pater Gottfried oder der brutal zuschlagende Pater Bruno, bildeten zwar nur „eine ganz kleine Gruppe, aber eine, die mir die Kindheit versaut hat.“
Fast zeitgleich mit „Mein Fall“ erschien im Leipziger Verlag Faber & Faber „Child in Time“, ein bibliophiles Bändchen mit autobiografischen Kindheitstexten von Josef Haslinger und fotografischen Arbeiten von Maix Mayer – eine empfehlenswerte Ergänzungslektüre zu „Mein Fall“.

Josef Haslinger: „Mein Fall“. S.Fischer, 140 Seiten, 20,60 Euro
Josef Haslinger: „Child in Time. Ein literarisches Bilderbuch“. Fotografisch eingerichtet von Maix Mayr. Faber & Faber, 120 Seiten, 20,60 Euro

Veranstaltung: Lesung „Mein Fall“ mit Josef Haslinger, Moderation: Günter Kaindlstorfer, StifterHaus Linz, Dienstag, 11. Mai 19.30 Uhr

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Festrede 100 Jahre Linzer Konzertverein


Werte Ehrengäste, meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freunde des Linzer Konzertvereins!

Wenn Literaten Festreden halten – zu welchem Anlass auch immer - , dann erwartet man zuerst einmal kritische Sätze zum Weltzustand im Allgemeinen und zur österreichischen Politik im Besonderen, sozusagen einen hitzigen Parforceritt von Washington über Brüssel und Wien bis nach Ibiza. Sie gestatten mir, dass ich diese rhetorische Pflichtübung überspringe und gleich zum Hauptthema komme: Der Linzer Konzertverein im Besonderen und die Freude an der Musik im Allgemeinen.
Freudvoll war das Jahr 1919, das Gründungsjahr unseres Vereins, wahrlich nicht. Das Kriegsende hatten viele Menschen gewiss herbeigesehnt, aber die Friedensjahre, die jetzt folgten, waren für viele eine Zeit der Armut, der materiellen Sorge und der Zukunftsangst, obendrein eine politisch unberechenbare Zeit, in der Extremisten aus allen Lagern die junge, noch sehr labile demokratische Republik gefährdeten.
Es gehört aber zu den Stärken des Menschen, dass er gerade in bedrückenden Zeiten emotionale Kräfte entwickeln kann, die ihm helfen, Möglichkeiten für das Gute und Schöne zu erkennen und Chancen der Verbesserung zu nützen. Ich denke, es waren das Bedürfnis nach harmonischer Geselligkeit und die Freude an musikalischer Harmonie, die einige junge Männer nach Kriegsende in einer Hausmusikrunde zusammenführten. Sie trafen sich regelmäßig in der Wohnung eines Linzer Kaufmanns in der Pfarrgasse.
Man bevorzugte die sogenannte leichte Muse, die oft gar nicht so leicht ist, wie es scheint – Walzer, Märsche, Tanz- und Operettenmelodien – und man beschloss, unter dem Namen „Tonzunft“ Linz öffentlich aufzutreten. So wurde aus der Hausmusikrunde schon bald ein beliebtes Salonorchester, und aus dem Salonorchester wurde ein sinfonisches Orchester, das seit 1925 unter dem Namen „Linzer Konzertverein“ wirkte.
Konzertverein. Nomen est omen. Der künstlerische Ehrgeiz wuchs. Man wagte sich mutig an große klassische Orchesterliteratur heran. Diese selbstbewusste Haltung wurde traditionsbildend und wirkt bis heute nach. Ehrgeizige Programmgestaltung ohne falsche Bescheidenheit gehört bis heute zu den Kennzeichen unserer Vereinstätigkeit. Von Schubert bis Schumann, von Beethoven bis Brahms, von Mendelssohn bis Dvorak – kein großer Komponist der klassisch-romantischen Epoche ist vor unserem beherzten, couragierten Zugriff sicher.
Der erfolgreiche Weg, den der Linzer Konzertverein in der Ersten Republik eingeschlagen hatte, wurde durch die politischen Katastrophen der dreißiger und vierziger Jahre erheblich behindert. Zwischen 1939 und 1945 hatte der Vorstand den Verein „ruhend gestellt“, aber unmittelbar nach Kriegsende zeigte sich ein ähnliches mentales Phänomen wie schon im Jahr 1919. Die schrecklichen Zerstörungen, die Nationalsozialismus und Krieg hinterlassen hatten, konnten den Willen, eine neue, eine bessere und lebenswerte Gesellschaft aufzubauen, nicht auslöschen. Und eine wesentliche Quelle der Hoffnung und der Erneuerung war wieder einmal die Freude an der Kunst. Dazu trug auch der wiederbelebte Konzertverein das Seine bei, und es war kein unwesentlicher Beitrag, denn das erste Vereinskonzert in der Nachkriegszeit war das einzige sinfonische Konzert, das man in Linz im Jahr 1947 zu hören bekam.
Seit diesem denkwürdigen Ereignis erfreut sich der Linzer Konzertverein einer ungebrochenen Kontinuität und einer jugendlichen Frische, die für einen Hundertjährigen nicht selbstverständlich ist. Das verdankt der Verein natürlich vielen Musikerinnen und Musikern, Dirigenten und Solisten, aber auch dem ehrenamtlichen Einsatz von Menschen, die im Laufe der Jahrzehnte Vereinsfunktionen übernommen haben. Stellvertretend für alle möchte ich unserem amtierenden Präsidenten Johann Lißberger für sein bewundernswertes Engagement herzlich danken.
Die ambitionierten Konzertprogramme, die ich schon angesprochen habe, sind in dieser Qualität nur aufgrund der speziellen Zusammensetzung unseres Orchesters möglich. Ein Ensemble, das sich ausschließlich aus Hobbymusikern zusammensetzt, könnte diese Leistung nicht erbringen. Möglich wird sie nur durch eine wohltemperierte Mischung aus Profis und Amateuren, auch durch eine Mischung der Generationen.
Bis weit ins 19. Jahrhundert nannte man Instrumentalensembles, die sich zumindest zum größeren Teil aus Amateuren zusammensetzten, „Dilettantenorchester“. Das Wort Dilettant hatte damals nicht diesen jämmerlichen Beigeschmack von Stümperei, den man heute meist damit verbindet. Das Wort kommt vom lateinischen Verbum delectare, was so viel bedeutet wie „sich ergötzen“ und im Fremdwort „sich delektieren“ erhalten ist. Der Dilettant ist also jemand, der sich an einer Sache zweckfrei ergötzt, in unserem Fall der Musikliebhaber, der sich aus reiner Freude an der Musik musizierend betätigt - und dafür auch einiges auf sich nimmt.
Wenn ich Freunden mitteile, wie viele Übungsstunden ich benötige, um – zum Beispiel – die Akademische Festouvertüre von Brahms, die wir in wenigen Minuten spielen werden – unfallfrei ins Ziel zu bringen, dann ernte ich manchmal mitleidige Blicke und einfühlsame Fragen: „Warum tust du dir das an? In deinem Alter könntest du doch ein schönes Leben haben.“ Ich beantworte diese Frage gerne mit einem Ausdruck, den ich Heinrich von Kleist verdanke: Es ist eine „schöne Anstrengung“. Eine beglückende Bemühung um das musikalische Werk, für die man sich freiwillig entschieden hat.
In diesem Zusammenhang bin ich versucht, Friedrich Schiller zu zitieren. Die Kunst, meinte er, sei eigentlich das Reich der Freiheit, das sich über dem Reich der materiellen Notwendigkeiten unseres Lebens erhebt. Und der Mensch sei nur dann im Vollbesitz seiner menschlichen Würde, wenn er in kreativer Freiheit lebt. Ich gehe aber diesem Gedanken nicht weiter nach, weil er mich zur Schlussfolgerung verführen könnte, nur der künstlerische Dilettant sei im Vollbesitz der menschlichen Würde, und so weit wollen wir das Lob der Orchestermitglieder nun auch wieder nicht treiben.
Maßgeblich für unsere Motivation – das soll keinesfalls unerwähnt bleiben – ist zweifellos der persönliche Gewinn, den wir daraus ziehen, mit versierten Dirigenten wie Marc Reibel professionelle Probenarbeit zu erleben.
Denn wenn etliche von uns auch nur Dilettanten sind, so sind wir es doch mit Ernst. Wäre es anders, dürften wir uns nicht auf diese Bühne wagen. Im Rahmen unserer Möglichkeiten das Beste zu geben, gebietet uns allein der Respekt vor Ihnen, unserem Publikum. Ich schließe den Bogen der Reden dort, wo ihn Johann Lißberger bei der Begrüßung begonnen hat: Wir freuen uns bei jedem Konzert, dass uns hier im Großen Saal des Brucknerhauses so viele Menschen zuhören wollen, zum Teil auch solche, die nur selten in Konzerthäuser gehen, aber hier gerne mit dabei sind, weil eine Nichte, eine Tante, ein Schwager, ein Freund unter den Musizierenden sind. Auch diese Form von erlebter Gemeinschaft durch Musik ist bereichernd für uns alle.
Daher steht am Schluss meiner Rede der freundliche Appell an unser Publikum. Meine Damen und Herren, bleiben Sie uns gewogen. Bleiben Sie dem Linzer Konzertverein treu. Wir danken es Ihnen mit den musikalischen Ergebnissen unserer „schönen Anstrengungen“.

Das Festkonzert zum 100-jährigen Bestehen des Linzer Konzertvereins fand am Mittwoch, 4.12.2019 im Großen Saal des Brucknerhauses Linz statt. www.linzer-konzertverein.at



Montag, 9. Dezember 2019

Bildung ist nicht nur eine Systemfrage


Oberösterreichische Nachrichten, 6.12.2019

Die PISA-Daten sind da und mit ihnen – wieder einmal – „Bildungsnotstand“, „Misere“, „Katastrophe“, denn Österreich ist – ausgenommen in der Mathematik – nur Durchschnitt! Überdurchschnittlich ist nur die Aufregung darüber, und das seit zwanzig Jahren. Denn so lange gibt es PISA und so lange liegen österreichische Schülerinnen und Schüler konstant im Mittelfeld des Starterfelds. Auch an den Details hat sich wenig geändert: Kinder mit Migrationshintergrund können zum Beispiel nicht so gut Deutsch wie die Muttersprachler. Welch packende Neuigkeit!
So konstant und bekannt die Daten sind, so erwartbar sind auch die Requisiten aus dem kleinen bildungspolitischen Notfallpaket. Seit 20 Jahren wird die österreichische Schule „reformiert“: Die zentrale Reifeprüfung und die Bildungsstandards wurden eingeführt. Das Jahrhundertprojekt „Neue Mittelschule“ ersetzte die alte Hauptschule (die vielleicht besser war als ihr Ruf). Die Schulen wurden zum „Qualitätsmanagement“ verpflichtet. Überhaupt drang allerlei betriebswirtschaftliches Gehabe ins Schulleben ein, und die Landesschulräte heißen jetzt „Bildungsdirektionen“.
Seit drei Jahren gibt es die gemeinsame Lehrerausbildung für die gesamte Sekundarstufe. Ob sie zu besseren Schülerleistungen führen wird, kann man noch nicht sagen. Offen ist auch, ob separierte Deutschklassen die Sprachkompetenz verbessern werden. Die einen (eher schwarz-türkisen) sagen so, die anderen (eher rot-grünen) sagen das Gegenteil. Letztere sagen auch, dass nur die Gesamtschule den großen Sprung nach vorne bringen kann, aber stimmt das? Es gibt auch Länder mit Gesamtschulsystem, die bei PISA schlechter abschneiden als Österreich.
Abgesehen davon, dass ich die Aussagekraft von PISA ohnedies für überschätzt halte, krankt der österreichische Bildungsdiskurs daran, dass er sich auf einen System- und Strukturdiskurs beschränkt und andere Komponenten ignoriert, vor allem kulturelle und subjektive Komponenten. In Österreich wird es vermieden, die Mitverantwortung von Eltern und Schülern für den Schulerfolg auch nur zu erwähnen. Für den progressiven Mainstream ist im Fall einer holprigen Schullaufbahn immer die Lehrkraft oder „das System“ Schuld, nie der Schüler oder seine Erziehungsberechtigten.
Leistungs- und Lernbereitschaft und den Willen zur Bildung als hilfreiche Sekundärtugenden auch nur zu erwähnen, gilt im progressiven Diskursfeld als Ausdruck einer repressiven „Rohrstockpädagogik“. Gleichzeitig blickt man bewundernd auf das Leistungsniveau in einigen asiatischen Ländern, die solche Tugenden ziemlich bedingungslos einfordern. Österreich soll zwar Shanghai werden, aber bitte ohne Aufwand für die Betroffenen.

Montag, 11. November 2019

Österreichische Buchpreis 2019: Ein Juror gratuliert!

Als einer von fünf Juroren des Österreichischen Buchpreises 2019 freue ich mich sehr mit den beiden Autoren, die wir ausgezeichnet haben. Meine Wertschätzung der Romane "Als ich jung war" (Norbert Gstrein) und "Vater Unser" (Angela Lehner, Preis Debütroman) habe ich in den Rezensionen für die Oberösterreichischen Nachrichten ausgedrückt.

"Norbert Gstrein ist der Experte für den Verlust vermeintlicher Sicherheiten. Das Motiv der Ungewissheit zieht sich als roter Faden durch sein erzählerisches Werk, das mittlerweile fünfzehn Titel umfasst. Zuletzt war Gstrein mit seinem Roman „Die kommenden Jahre“ erfolgreich, in dem er das Thema Migration jenseits von naiver Willkommenskultur einerseits, dumpfer Fremdenangst andererseits kritisch abhandelte. Zu seinen fein gesponnenen, subtilen Geschichten mit Grauzone kann man auch seinen neuen Roman „Als ich jung war“ legen.
Franz, Protagonist und Ich-Erzähler, stammt – so wie sein Schöpfer – aus Tirol. Franz‘ Eltern betreiben ein Hotel, das gerne für Hochzeitsfeierlichkeiten gebucht wird. Franz findet im Familienbetrieb seine Rolle als Hochzeitsfotograf. Doch dann passiert das Unglück. Eine exzentrische Braut, die vielen auf die Nerven fällt, auch den eigenen Schwiegereltern, stürzt in den frühen Morgenstunden über eine Felswand. Ein Unfall? Ein Mord? Der Vorfall kann nicht geklärt werden, aber mit den Hochzeiten im Schlosshotel ist es vorbei, und Franz verschwindet als Schilehrer in die USA.
Einer seiner Schüler ist der aus der ehemaligen Tschechoslowakei in die USA emigrierte Raketenphysiker Moravec. Zwischen Schilehrer und Schüler entwickelt sich über die Jahre eine Art Freundschaft, die mit dem grauenhaften Selbstmord des Professors endet. Er rast auf seinen Schiern, den Kopf voran, gegen einen Baum. Beklemmende Fragen über die möglicherweise abgründige Vergangenheit von Moravec bleiben vorläufig offen.
Franz kehrt in das Elternhaus zurück, das mittlerweile sein Bruder übernommen hat. Die Bruchstellen der Familiengeschichte, die Kontinuität der Aversionen und Verletzungen setzen sich fort. Und Franz wird von jenem Vorfall eingeholt, der ihn vor 13 Jahren aus dem Haus getrieben hat: der Tod der Braut. Daran knüpfen sich Fragen zu Franz‘ Innenleben, die vor allem sexuelle Erfahrungen betreffen. Scham, Schuld und Begehren vermengen sich in dieser Männerseele zu einer seltsamen, vielleicht bedrohlichen Mischung.

„Als ich jung war“ steht auf der Shortlist zum Österreichischen Buchpreis, der am 4. November vergeben wird. Nicht nur aufgrund der formalen und stilistischen Qualität des Romans. Die leise, aber bestimmte Stimme des Skeptikers Norbert Gstrein ist wichtig in einer Zeit, in der schnelles Urteilen und Verurteilen, einfache Erklärungen und ahnungslose Klugscheißerei zum täglichen Social-Media-Geschäft gehören." (OÖN 28.10.2019)

"Es gibt immer wieder Debütromane, die man schon während der Lektüre spontan als „genialen Wurf“ würdigen kann. Die Formel ist nicht besonders originell, aber treffend. „Vater Unser“, das Debüt von Angela Lehner, geboren 1987 in Klagenfurt, ist solch ein genialer Wurf. Die gegenwärtig in Berlin lebende Autorin erzählt darin eine problembeladene Familiengeschichte. Um welche Probleme es sich handelt, bleibt aber ungewiss, denn Eva, die Tochter der Familie Gruber, ist eine unzuverlässige Erzählerin. Täuschung und Irreführung beherrscht sie perfekt.
Der Beginn des Romans ist spektakulär. Eva erzählt, dass sie in die Psychiatrie gebracht wird, weil sie eine ganze Kindergartengruppe getötet hat. Bald merkt man aber, dass dieses unfassbare Verbrechen nur in Evas Fantasie existiert. Vielmehr scheint es, als habe sie die Tat erfunden, um in die psychiatrische Anstalt eingewiesen zu werden, in der ihr magersüchtiger Bruder Bernhard behandelt wird. Eva hat zu ihrem Bruder eine enge, intensive Beziehung. Sie glaubt, dass sie ihm hilfreich zur Seite stehen muss. Bernhard weicht aber den Begegnungen mit der exzentrischen Schwester aus.
Liegt dem bedenklichen Gemütszustand von Eva und Bernhard ein Missbrauch zugrunde? Im Gespräch mit Doktor Korb, dem Psychiater, behauptet Eva, dass sie selbst und ihr Bruder vom Vater missbraucht worden sind. Aber Korbs sarkastischer Reaktion ist zu entnehmen, dass er der Darstellung seiner Patientin nicht glaubt. Und stimmt es wirklich, dass der Vater einen kleinen Heimaltar errichtet hat, auf dem neben einem Rosenkranz und einem Jesus-Bild auch ein Porträtfoto von Jörg Haider liegt? Öffnet die Erzählerin hier die Bodenklappe zum Seelenkeller der Kärntner? Spielt so vielleicht nur mit makabren Topoi der Anti-Heimat-Literatur? Oder ist sie einfach eine notorische Lügnerin?
Eva Gruber ist eine bedrohlich kraftvolle Figur, die fasziniert und erheitert, aber auch abstößt und Angst macht. Man weiß einfach nicht, wie man dran ist bei ihr und welche Gefahr von ihr ausgehen könnte. Gebannt folgt man dem flotten Sprachduktus von Angela Lehner bis zur letzten Seite, auf der uns die Autorin im Zustand allgemeiner Verunsicherung zurücklässt. Und wie sie das macht, ist einfach großartig!" (OÖN)



Sonntag, 13. Oktober 2019

Zum Nobelpreis für Peter Handke (OÖN 11.10.19)

"IST DAS WAHR?" 

Mit diesen drei Worten nahm Peter Handke die Nachricht vom Gewinn des Literaturnobelpreises 2019 auf. Eine Würdigung des Lebenswerks des 76-Jährigen.

Peter Handke erhält den Nobelpreis für Literatur 2019. Und das ist gut so! Denn die Begründung stützt sich in seinem Fall nicht auf Kriterien, die mehr mit politischer Korrektheit zu tun haben als mit literarischer Wertung. So gut die Entscheidungen der Juroren in den letzten zwei Jahrzehnten gemeint waren, nicht immer stand die künstlerische Qualität der Ausgezeichneten im Vordergrund. Bei Handke ist das anders.
Schon seine frühen Arbeiten aus den sechziger Jahren überzeugten nicht durch zeitgeistige Wendigkeit oder ideologische Anbiederung, sondern vor allem durch ein bewundernswertes Form- und Sprachbewusstsein und eine gewisse Kompromisslosigkeit, wenn es darum ging, eigene poetologische Vorstellungen umzusetzen. Durch die Erwartungshaltung von Publikum und Kritik war er nur selten zu verunsichern.
In seinem Debütroman „Die Hornissen“ (1966) durchkreuzte Handke alle Erwartungen, die der durchschnittliche Romanleser hat. Man kann keiner linear aufgebauten Handlung folgen, die Figuren erhalten kein psychologisches Profil. Mit Mühe, aber ohne letzte Sicherheit entnimmt man den 67 Kurzabschnitten dieses – nun ja – „Romans“, dass es um zwei Brüder gehen könnte, von denen einer ertrunken ist. Der andere dürfte das Augenlicht verloren haben. Aber damit noch nicht genug. Handke schildert das Geschehen aus der Perspektive des erblindeten Bruders, der sich daran erinnert, vor seiner Erblindung einen Roman gelesen zu haben, in dem es um zwei Brüder geht, von denen einer ertrinkt… Ist also das Geschehen nur literarische Fiktion?
Verärgerung und Faszination
Die einen waren verärgert über diese Literatur, die anderen von ihr fasziniert. Handke war immer ein Autor, der polarisierte, aber kalt ließ er niemanden, auch nicht die renommierten Autorinnen und Autoren, die sich im Jahr 1966 zur traditionellen Tagung der berühmten Gruppe 47 in Princeton trafen. Plötzlich stand da ein 24-jähriger, langhaariger Nachwuchsautor aus Kärnten auf und kritisierte frech die „Beschreibungsimpotenz“ der Anwesenden. Dass diese Tagung die letzte der Gruppe 47 war, signalisiert das Finale der Nachkriegsliteratur. Etwas Neues entstand – und Handke war einer der Pioniere.
Zu einem handfesten Theaterskandal führte die Uraufführung von Handkes Sprechstück „Publikumsbeschimpfung“ in der Regie des jungen Claus Peymann (Frankfurt, Theater am Turm 1966). So wie Handke mit „Die Hornissen“ den Erzählrealismus des traditionellen Romans ausgehebelt hatte, so missachtete er mit der „Publikumsbeschimpfung“ wieder einmal alle Prinzipien einer Dramatik, die als Nachahmung einer tragischen oder komischen Handlung das Publikum berühren oder erheitern will. Es gibt keine Figuren, sondern Sprecher, die mit dem Publikum in Interaktion treten. Thema des Stücks ist das Publikum selbst.
Dennoch ging es Handke, obwohl er von der Pop-Kultur der sechziger Jahre beeinflusst war, nicht um vordergründige Provokation. Als die „Publikumsbeschimpfung“ zum erfolgreichen Klamauk zu verkommen drohte, untersagte er weitere Aufführungen (bis 1983). Und ab den frühen Siebzigern ließ er die aufsehenerregenden Experimente hinter sich. Mit dem Roman „Der kurze Brief zum langen Abschied“ (1972) griff er wieder auf das Erzählen zurück und erwies sogar dem traditionellen Bildungsroman seine Referenz: Goethes „Wilhelm Meister“, Kellers „Grünem Heinrich“. Als der Zeitgeist von 68 das „politische Engagement“ der Autoren forderte, schrieb Handke „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“.
Aus dieser Zeit kommt auch das wahrscheinlich meistgelesene Werk des Autors, die Erzählung „Wunschloses Unglück“ (1972), in der Handke den Freitod seiner Mutter zum Thema machte. Die überragende Bedeutung dieser Erzählung, die sie aus der Fülle der autobiographischen Literatur der siebziger Jahre heraushebt, besteht darin, dass ausgerechnet Handke, dieser Meister der Worte, nachvollziehbar macht, wie schwer es ist, eine Sprache und eine Erzählform für die Beschreibung eines nur scheinbar unauffälligen Frauenlebens zu finden. Die Kärntner Provinz, der Nationalsozialismus, die Hoffnungen der Jugend und ihre Enttäuschungen, das Fiasko einer Ehe, die Einsamkeit einer Frau mit ihrer ungewollten Schwangerschaft – welche Worte, welche Sätze werden dieser Wirklichkeit gerecht?
Poesie des Erzählens
Peter Handke ist ein dermaßen produktiver Autor, dass man das umfangreiche und vielfältige Werk aus den letzten Jahrzehnten nur durch einige exemplarische Hinweise würdigen kann. Zu erwähnen sind die Tagebücher und Journale (u.a. „Die Geschichte des Bleistifts“), die Theaterstücke, die Romane und Essays (u.a. „Versuch über den geglückten Tag“). Im Laufe der Siebzigerjahre entwickelte Handke einen unverwechselbaren Stil, weder Sprachexperiment noch Realismus, sondern eine einzigartige Poesie des Erzählens für Buch und Bühne, die gerne ins Mythische greift, ohne trivial und esoterisch zu werden. Die umfangreichen Romane „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994), „Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos“ (2002) und „Die morawische Nacht“ (2008) repräsentieren diese originale Handke-Poetik. Ihr Erlebniskern ist, ähnlich wie bei den Romantikern, oft der des Verlusts von Ursprünglichkeit, Erlebnistiefe und mystischer Einheit, von Geheimnis und Zauber, ein Preis, den wir für den zivilisatorischen Fortschritt zahlen.
Peter Handke ist aber kein Realitätsverweigerer, kein Weltflüchtling. Wie bestimmt er sich ins tagespolitische Geschehen einschalten kann, zeigte sein öffentliches Auftreten während der Balkankriegs in den neunziger Jahren. Mit seinem Essay „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ wandte er sich kritisch gegen die seiner Meinung nach einseitige Verurteilung Serbiens durch westeuropäische Medien. Seiner medienkritischen Analyse konnte man durchaus noch folgen, ratlos hinterließ er aber auch viele gutwillige Leser mit seiner eindeutigen Parteinahme für politische und militärische Machthaber, deren Verbrechen nicht mehr ernsthaft bestritten werden konnten. Wieder einmal hatte der Poet einen Skandal ausgelöst, der das Feuilleton wochenlang beschäftigte.
Möglicherweise hat Peter Handke seinen Hang zum Mythisieren, der in der fiktionalen Literatur völlig legitim ist, auf die politische Wirklichkeit übertragen, ohne sich der daraus resultierenden Problematik bewusst zu werden. Das alte Jugoslawien, der Vielvölkerstaat der Slawen, war für Handke immer schon etwas Besonderes gewesen, ein Land, auf das er auch soziale Utopien projizierte. Poesie ist aber eine Sache, Politik eine andere.

Es gibt Autorinnen und Autoren, die Leser haben, und es gibt solche, die Lesergemeinden haben. Peter Handke hat eine Gemeinde, denn seiner Person und seinem Werk haftet eine Aura des Außergewöhnlichen an. Person und Werk verschmelzen zum kulturellen Phänomen. Das schaffen nur wenige Künstler, und nur solche, die auf der Grundlage ihrer Hochbegabung konsequent ihren Weg gehen. Weil er solch ein Künstler ist, erhält Peter Handke den Nobelpreis für Literatur 2019. Und deshalb ist das ist gut so!

Oberösterreichische Nachrichten, 11.10.2019