Sonntag, 13. Oktober 2019

Zum Nobelpreis für Peter Handke (OÖN 11.10.19)

"IST DAS WAHR?" 

Mit diesen drei Worten nahm Peter Handke die Nachricht vom Gewinn des Literaturnobelpreises 2019 auf. Eine Würdigung des Lebenswerks des 76-Jährigen.

Peter Handke erhält den Nobelpreis für Literatur 2019. Und das ist gut so! Denn die Begründung stützt sich in seinem Fall nicht auf Kriterien, die mehr mit politischer Korrektheit zu tun haben als mit literarischer Wertung. So gut die Entscheidungen der Juroren in den letzten zwei Jahrzehnten gemeint waren, nicht immer stand die künstlerische Qualität der Ausgezeichneten im Vordergrund. Bei Handke ist das anders.
Schon seine frühen Arbeiten aus den sechziger Jahren überzeugten nicht durch zeitgeistige Wendigkeit oder ideologische Anbiederung, sondern vor allem durch ein bewundernswertes Form- und Sprachbewusstsein und eine gewisse Kompromisslosigkeit, wenn es darum ging, eigene poetologische Vorstellungen umzusetzen. Durch die Erwartungshaltung von Publikum und Kritik war er nur selten zu verunsichern.
In seinem Debütroman „Die Hornissen“ (1966) durchkreuzte Handke alle Erwartungen, die der durchschnittliche Romanleser hat. Man kann keiner linear aufgebauten Handlung folgen, die Figuren erhalten kein psychologisches Profil. Mit Mühe, aber ohne letzte Sicherheit entnimmt man den 67 Kurzabschnitten dieses – nun ja – „Romans“, dass es um zwei Brüder gehen könnte, von denen einer ertrunken ist. Der andere dürfte das Augenlicht verloren haben. Aber damit noch nicht genug. Handke schildert das Geschehen aus der Perspektive des erblindeten Bruders, der sich daran erinnert, vor seiner Erblindung einen Roman gelesen zu haben, in dem es um zwei Brüder geht, von denen einer ertrinkt… Ist also das Geschehen nur literarische Fiktion?
Verärgerung und Faszination
Die einen waren verärgert über diese Literatur, die anderen von ihr fasziniert. Handke war immer ein Autor, der polarisierte, aber kalt ließ er niemanden, auch nicht die renommierten Autorinnen und Autoren, die sich im Jahr 1966 zur traditionellen Tagung der berühmten Gruppe 47 in Princeton trafen. Plötzlich stand da ein 24-jähriger, langhaariger Nachwuchsautor aus Kärnten auf und kritisierte frech die „Beschreibungsimpotenz“ der Anwesenden. Dass diese Tagung die letzte der Gruppe 47 war, signalisiert das Finale der Nachkriegsliteratur. Etwas Neues entstand – und Handke war einer der Pioniere.
Zu einem handfesten Theaterskandal führte die Uraufführung von Handkes Sprechstück „Publikumsbeschimpfung“ in der Regie des jungen Claus Peymann (Frankfurt, Theater am Turm 1966). So wie Handke mit „Die Hornissen“ den Erzählrealismus des traditionellen Romans ausgehebelt hatte, so missachtete er mit der „Publikumsbeschimpfung“ wieder einmal alle Prinzipien einer Dramatik, die als Nachahmung einer tragischen oder komischen Handlung das Publikum berühren oder erheitern will. Es gibt keine Figuren, sondern Sprecher, die mit dem Publikum in Interaktion treten. Thema des Stücks ist das Publikum selbst.
Dennoch ging es Handke, obwohl er von der Pop-Kultur der sechziger Jahre beeinflusst war, nicht um vordergründige Provokation. Als die „Publikumsbeschimpfung“ zum erfolgreichen Klamauk zu verkommen drohte, untersagte er weitere Aufführungen (bis 1983). Und ab den frühen Siebzigern ließ er die aufsehenerregenden Experimente hinter sich. Mit dem Roman „Der kurze Brief zum langen Abschied“ (1972) griff er wieder auf das Erzählen zurück und erwies sogar dem traditionellen Bildungsroman seine Referenz: Goethes „Wilhelm Meister“, Kellers „Grünem Heinrich“. Als der Zeitgeist von 68 das „politische Engagement“ der Autoren forderte, schrieb Handke „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“.
Aus dieser Zeit kommt auch das wahrscheinlich meistgelesene Werk des Autors, die Erzählung „Wunschloses Unglück“ (1972), in der Handke den Freitod seiner Mutter zum Thema machte. Die überragende Bedeutung dieser Erzählung, die sie aus der Fülle der autobiographischen Literatur der siebziger Jahre heraushebt, besteht darin, dass ausgerechnet Handke, dieser Meister der Worte, nachvollziehbar macht, wie schwer es ist, eine Sprache und eine Erzählform für die Beschreibung eines nur scheinbar unauffälligen Frauenlebens zu finden. Die Kärntner Provinz, der Nationalsozialismus, die Hoffnungen der Jugend und ihre Enttäuschungen, das Fiasko einer Ehe, die Einsamkeit einer Frau mit ihrer ungewollten Schwangerschaft – welche Worte, welche Sätze werden dieser Wirklichkeit gerecht?
Poesie des Erzählens
Peter Handke ist ein dermaßen produktiver Autor, dass man das umfangreiche und vielfältige Werk aus den letzten Jahrzehnten nur durch einige exemplarische Hinweise würdigen kann. Zu erwähnen sind die Tagebücher und Journale (u.a. „Die Geschichte des Bleistifts“), die Theaterstücke, die Romane und Essays (u.a. „Versuch über den geglückten Tag“). Im Laufe der Siebzigerjahre entwickelte Handke einen unverwechselbaren Stil, weder Sprachexperiment noch Realismus, sondern eine einzigartige Poesie des Erzählens für Buch und Bühne, die gerne ins Mythische greift, ohne trivial und esoterisch zu werden. Die umfangreichen Romane „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994), „Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos“ (2002) und „Die morawische Nacht“ (2008) repräsentieren diese originale Handke-Poetik. Ihr Erlebniskern ist, ähnlich wie bei den Romantikern, oft der des Verlusts von Ursprünglichkeit, Erlebnistiefe und mystischer Einheit, von Geheimnis und Zauber, ein Preis, den wir für den zivilisatorischen Fortschritt zahlen.
Peter Handke ist aber kein Realitätsverweigerer, kein Weltflüchtling. Wie bestimmt er sich ins tagespolitische Geschehen einschalten kann, zeigte sein öffentliches Auftreten während der Balkankriegs in den neunziger Jahren. Mit seinem Essay „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ wandte er sich kritisch gegen die seiner Meinung nach einseitige Verurteilung Serbiens durch westeuropäische Medien. Seiner medienkritischen Analyse konnte man durchaus noch folgen, ratlos hinterließ er aber auch viele gutwillige Leser mit seiner eindeutigen Parteinahme für politische und militärische Machthaber, deren Verbrechen nicht mehr ernsthaft bestritten werden konnten. Wieder einmal hatte der Poet einen Skandal ausgelöst, der das Feuilleton wochenlang beschäftigte.
Möglicherweise hat Peter Handke seinen Hang zum Mythisieren, der in der fiktionalen Literatur völlig legitim ist, auf die politische Wirklichkeit übertragen, ohne sich der daraus resultierenden Problematik bewusst zu werden. Das alte Jugoslawien, der Vielvölkerstaat der Slawen, war für Handke immer schon etwas Besonderes gewesen, ein Land, auf das er auch soziale Utopien projizierte. Poesie ist aber eine Sache, Politik eine andere.

Es gibt Autorinnen und Autoren, die Leser haben, und es gibt solche, die Lesergemeinden haben. Peter Handke hat eine Gemeinde, denn seiner Person und seinem Werk haftet eine Aura des Außergewöhnlichen an. Person und Werk verschmelzen zum kulturellen Phänomen. Das schaffen nur wenige Künstler, und nur solche, die auf der Grundlage ihrer Hochbegabung konsequent ihren Weg gehen. Weil er solch ein Künstler ist, erhält Peter Handke den Nobelpreis für Literatur 2019. Und deshalb ist das ist gut so!

Oberösterreichische Nachrichten, 11.10.2019

Montag, 16. September 2019

Termine 2019

Freitag, 20.9.19, 20 Uhr, Posthof Linz: C.S. moderiert die Lesung von Didi Drobna aus "Als die Kirche den Fluss überquerte"

Dienstag, 24.9., ab 18 Uhr, Alte Schmiede Wien, C.S. im Gespräch mit Günter Kaindlstorfer über dessen Roman "Edelweiß"

Mittwoch, 2.10.19, 20.00 Uhr, Pfarre St. Leopold, Landgutstraße 31b, Linz, Lesung aus "Lügenvaters Kinder"

Donnerstag, 10.10.19, 19.30, Pfarrsaal Bad Leonfelden, Lesung aus "Lügenvaters Kinder"

Dienstag, 15.10.19, 20.00 Uhr Kunst im Keller, Ried/Innkreis, Lesung aus "Lügenvaters Kinder"

Donnerstag, 17.10.19, 19.30, Galerie im Gwölb, Enns, Lesung aus "Lügenvaters Kinder"

Freitag, 18.10.19, 19.30, Pfarrhaus Spital am Pyhrn, Lesung aus "Lügenvaters Kinder"

Donnerstag, 7.11.19, 19.30, Stiftervilla Kirchschlag, Lesung aus "Lügenvaters Kinder"

Sonntag, 10.11.19, 12.00 Buch Wien 19, Messe, Halle D, Bühne 2, Lesung aus "Lügenvaters Kinder"

Donnerstag, 14.11.19, Österreichische Botschaft Oslo, Lesung aus "Lügenvaters Kinder"

Montag, 25.11.19, Posthof Linz, C.S. moderiert die Buchpräsentation von Sven-Eric Bechtolf

Mittwoch, 4.12.19, Brucknerhaus Linz, Großer Saal, Festkonzert 100 Jahre Linzer Konzertverein. C.S., der seit vielen Jahren im Orchester des Konzertvereins erste Geige spielt, hält die Festrede.

Samstag, 29. Juni 2019

Mittwoch, 10. April 2019

Im Februar erschien Christian Schacherreiters neuer Roman "Lügenvaters Kinder". Dazu schrieb Peter Grubmüller in den OÖN vom 30. März:

Die Liebesbeziehung von Lüge und Sehnsüchten


Die Liebesbeziehung von Lüge und Sehnsüchten
OÖN-Kolumnist und Kulturkritiker Christian Schacherreiter hat ein Werk vorgelegt, das zu kurzen Nächten führt. Bild: Wolfgang Fischerlehner Photograp
Jungen Männern wie Fritz Güllich aus seinem Roman "Lügenvaters Kinder" mag Christian Schacherreiter während seiner Zeit als Lehrer und Direktor eines Linzer Gymnasiums in Kohorten-Stärke begegnet sein.
Es sind mittelmäßig begabte Typen, die von der Mutti glorifiziert werden. Es wachsen verschissene Buben aus derlei Genies, die von aller Welt verkannt werden. Erst recht, wenn sie ihren Vornamen von dem 1966 mit 36 Jahren zu Tode gestürzten Übertenor Fritz Wunderlich geerbt haben, für den Mutti schwärmt.
Güllich ist sich seiner Mittelmäßigkeit bewusst, aber beim Werben um Liebe und Anerkennung hat er Techniken entwickelt, um alles Unbrauchbare zu kaschieren. Als er Schauspieler werden will, scheitert er an der Aufnahmeprüfung. Er studiert Psychologie, versumpft aber in Beisln. Schacherreiter fädelt den psychologisch seherischen Plot aus unterschiedlichen Richtungen ein. Wie zwei Parallelen, die sich in der Unendlichkeit schneiden, ist da zu Fritz Güllichs erfundener Wirklichkeit das Leben des Deutschen Bruno Wieland zur Seite gestellt. Er kann sich auf einer prächtigen Terrasse in Apulien ein Dolce Vita schmecken lassen, weil sich die Tomaten seiner Veronika blendend verkaufen, obwohl er von Laura träumt.

Bis die Lügenblase platzt

Auf Seite 108 führt Schacherreiter den vermeintlichen Theatermacher Hanns Dieter Eisler ein, der vor Fritzchens Kommilitonen über Brecht und DDR-Dramatik schwadroniert. Ein Theaterstück wollen sie auf die Bühne bringen, etwas Radikales. Später taucht Eisler erneut auf, als Chef einer Finanzagentur, die den finanziell in die Enge getriebenen Güllich zum Narren hält. Schacherreiters Text offenbart, wie verführbar der Lügner selbst für den Betrug ist, als bedinge das System die Blendung eines Charakters, der sich als Täter und Opfer gefällt. Fritz erhält die Chance, mit seiner Lebensgefährtin Marlies, die ebenfalls bei Eisler angeheuert hat, den Pyramidenspiel-Abzocker zu überführen. Die Erzählstränge verweben sich zu einer verblüffenden Ebene.
Es kommt zum Showdown, über dem die Lüge wie eine Blase zerplatzt. Doch ist eine Welt ohne die Lüge so fern wie eine ohne Sehnsüchte. Die Wahrheit ist: Dieses Buch führt zu einer kurzen Nacht.




Dienstag, 8. Januar 2019

Stark ist die Versuchung zur Dichtkunst


Robert Menasses Umgang mit Zitaten und historischen Fakten sind Diskussionsthema geworden. Meine Meinung dazu kann man in den Oberösterreichischen Nachrichten vom 8.1.19 nachlesen (und hier auf meinem Blog)

In der Medienwelt werden derzeit zwei Problemfälle diskutiert, die aus textwissenschaftlicher Sicht einiges miteinander zu tun haben: die „Spiegel“-Blamage mit Reportagen von Claas Relotius, die keine richtigen Reportagen sind, und Robert Menasses Hallstein-Zitat zu einem Europa ohne Nationalstaaten, das kein richtiges Zitat ist.
Die Literaturwissenschaft unterscheidet zwischen referentiellen Sachtexten und fiktionaler Literatur, also Romanen, Erzählungen, Dramen. Der Unterschied besteht darin, dass Autoren fiktionaler Texte eine eigenständige Welt hervorbringen und nicht den Anspruch erheben, Realität dokumentarisch wiederzugeben, auch dann nicht, wenn es sich um literarischen „Realismus“ handelt. Der realistische Roman beruht – im Unterschied zu Märchen und Sage – auf der Prämisse: So ist es zwar nicht, aber es hätte so sein können. Er folgt bestenfalls dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit, nicht dem der Wirklichkeit. Das gilt auch für sogenannte Geschichtsdramen. Friedrich Schillers Maria Stuart hat mit der schottischen Mary nur wenig zu tun.
Wenn Robert Menasse in „Die Hauptstadt“ den EWG-Kommissionspräsidenten Walter Hallstein in Auschwitz eine Rede halten lässt, geht der Einwand, der historische Hallstein habe diese Rede so nicht gehalten, ins Leere, denn um Faktentreue geht es hier nicht. Der Romancier ist kein Historiker. Anders liegt die Sache allerdings, wenn Menasse in seinem Essay „Der europäische Landbote“ eine Aussage von Hallstein unter Anführungszeichen setzt.
Der Essay gehört – ähnlich wie Tagebuch und Autobiografie – nicht zur fiktionalen, sondern zur faktualen Literatur. Auf Fiktionalität, also poetische Freiheit der Darstellung, kann sich der Autor in diesem Fall nicht berufen. Setzt er im Essay den Satz einer historischen Persönlichkeit unter Anführungszeichen, dann erweckt er sehr wohl den Anschein einer wörtlichen Wiedergabe. Und der Vorwurf, Menasse habe seiner politischen Position zuliebe die Wirklichkeit zurechtgebogen, ist gerechtfertigt. Robert Menasse hat sich dafür mittlerweile auch entschuldigt.
Zu den faktualen Texten zählt die Literaturwissenschaft auch die Reiseliteratur. Reisereportagen beziehen ihren Reiz nicht zuletzt aus erzählerischen Elementen und aus einem kräftigen Schuss Subjektivität. Die Versuchung zur Dichtkunst ist daher bei der Reportage immer stärker als beim nüchternen Bericht. Je klarer sich Journalisten dieser Versuchung bewusst sind und je besser sie ihren subjektiven Zugang zum Thema transparent machen, umso ehrlicher ist es. Denn für die Reisereportage gibt es sehr wohl Grenzen der erzählerischen Freiheit. Erfundene Interviews und fiktive Ereignisse liegen eindeutig jenseits dieser Grenzen.

Samstag, 2. Juni 2018

Matura: Die Prüfungsformate sind das Problem


Gastkommentar in den Oberösterreichischen Nachrichten vom 29.5.18

Die Ergebnisse der Mathematik-Matura fügen sich diesmal nicht der vorberechneten Wunschnorm, und schon explodiert der öffentliche Diskurs. Allzu spontane Reaktionen mehr oder weniger Berufener und ein überzogenes Alarmklima der Aufgeregtheit stehen einer sachlichen Klärung und konstruktiven Problemlösung eher im Weg, als diese zu ermöglichen. Da ich einige Jahre lang selbst in diversen Gremien zum Thema Reifeprüfung als kritisches Korrektiv tätig war (mit geringem Erfolg!), wage ich aufgrund meiner Erfahrungen folgende These:
Die kompetenten und alles in allem sehr bemühten Fachleute, die für die Erstellung der Maturaaufgaben zuständig sind, trifft der geringste Teil der Schuld. Das Hauptproblem sind die vorgegebenen Prüfungsformate, die weder der Eigengesetzlichkeit der Fachbereiche (Mathematik, Philologie etc.) folgen noch der fachdidaktischen und pädagogischen Klugheit, sondern den Vorgaben der Psychometrie. Ihr bestimmendes Prinzip ist die Gesamtvermessung der globalen Bildungswelt. Man nennt das dann „faktenbasierte Bildungsforschung“ und dünkt sich nach Vorliegen der Messergebnisse im Besitz der objektiven Wahrheit. Rührend!
Tatsächlich muss man, um solche Zahlen zu bekommen, sowohl die Unterrichtsinhalte als auch die pädagogischen Prozesse erst einmal messbar machen, also verbiegen und zurechtstutzen. In Mathematik zeigt sich dies zum Beispiel daran, dass es zwischen „richtig“ und „falsch“ keine Nuancen mehr gibt. Das erleichtert natürlich die angeblich „objektive“ Messung. Ob diese Vorgangsweise zu einer gerechten Beurteilung der Schülerkompetenzen führt, ziehe ich stark in Zweifel.
Im Fach Deutsch müssen die Aufgabenstellungen zur Matura einem starren Schematismus folgen, der die eigenständige sprachliche Entfaltung dermaßen einbremst, dass mittlerweile fast nur mehr fade, standardisierte Texte zu Allerweltthemen geschrieben werden. Gerade die schreibbegabten Maturant/innen können ihr kreatives Begabungspotenzial in diesem Käfig aus Regeln und Richtlinien nicht entfalten.
Man muss nicht die zentralisierte Reifeprüfung grundsätzlich in Frage stellen. Aber man soll die Prüfungsformate, in denen sie realisiert wird, gründlich revidieren. Ich würde mutig und beherzt die Reset-Taste drücken, die Psychometrie und ihren Vermessungsunfug ganz weit weg schicken und dann noch einmal von vorne beginnen – diesmal mit fachdidaktischem Augenmaß. Ein Kinderspiel ist das natürlich nicht, da man ja mittlerweile auch die Schulbücher in einem schulpolitischen Gewaltakt in das enge Korsett der neuen Anti-Didaktik gepresst hat. Diesmal wäre es aber – im Gegensatz zur letzten Maturareform – eine Anstrengung, die sich lohnt. Im Interesse der Schülerinnen und Schüler, und im Interesse einer Bildung, die diesen Namen verdient.