Mittwoch, 10. April 2019

Im Februar erschien Christian Schacherreiters neuer Roman "Lügenvaters Kinder". Dazu schrieb Peter Grubmüller in den OÖN vom 30. März:

Die Liebesbeziehung von Lüge und Sehnsüchten


Die Liebesbeziehung von Lüge und Sehnsüchten
OÖN-Kolumnist und Kulturkritiker Christian Schacherreiter hat ein Werk vorgelegt, das zu kurzen Nächten führt. Bild: Wolfgang Fischerlehner Photograp
Jungen Männern wie Fritz Güllich aus seinem Roman "Lügenvaters Kinder" mag Christian Schacherreiter während seiner Zeit als Lehrer und Direktor eines Linzer Gymnasiums in Kohorten-Stärke begegnet sein.
Es sind mittelmäßig begabte Typen, die von der Mutti glorifiziert werden. Es wachsen verschissene Buben aus derlei Genies, die von aller Welt verkannt werden. Erst recht, wenn sie ihren Vornamen von dem 1966 mit 36 Jahren zu Tode gestürzten Übertenor Fritz Wunderlich geerbt haben, für den Mutti schwärmt.
Güllich ist sich seiner Mittelmäßigkeit bewusst, aber beim Werben um Liebe und Anerkennung hat er Techniken entwickelt, um alles Unbrauchbare zu kaschieren. Als er Schauspieler werden will, scheitert er an der Aufnahmeprüfung. Er studiert Psychologie, versumpft aber in Beisln. Schacherreiter fädelt den psychologisch seherischen Plot aus unterschiedlichen Richtungen ein. Wie zwei Parallelen, die sich in der Unendlichkeit schneiden, ist da zu Fritz Güllichs erfundener Wirklichkeit das Leben des Deutschen Bruno Wieland zur Seite gestellt. Er kann sich auf einer prächtigen Terrasse in Apulien ein Dolce Vita schmecken lassen, weil sich die Tomaten seiner Veronika blendend verkaufen, obwohl er von Laura träumt.

Bis die Lügenblase platzt

Auf Seite 108 führt Schacherreiter den vermeintlichen Theatermacher Hanns Dieter Eisler ein, der vor Fritzchens Kommilitonen über Brecht und DDR-Dramatik schwadroniert. Ein Theaterstück wollen sie auf die Bühne bringen, etwas Radikales. Später taucht Eisler erneut auf, als Chef einer Finanzagentur, die den finanziell in die Enge getriebenen Güllich zum Narren hält. Schacherreiters Text offenbart, wie verführbar der Lügner selbst für den Betrug ist, als bedinge das System die Blendung eines Charakters, der sich als Täter und Opfer gefällt. Fritz erhält die Chance, mit seiner Lebensgefährtin Marlies, die ebenfalls bei Eisler angeheuert hat, den Pyramidenspiel-Abzocker zu überführen. Die Erzählstränge verweben sich zu einer verblüffenden Ebene.
Es kommt zum Showdown, über dem die Lüge wie eine Blase zerplatzt. Doch ist eine Welt ohne die Lüge so fern wie eine ohne Sehnsüchte. Die Wahrheit ist: Dieses Buch führt zu einer kurzen Nacht.




Dienstag, 8. Januar 2019

Stark ist die Versuchung zur Dichtkunst


Robert Menasses Umgang mit Zitaten und historischen Fakten sind Diskussionsthema geworden. Meine Meinung dazu kann man in den Oberösterreichischen Nachrichten vom 8.1.19 nachlesen (und hier auf meinem Blog)

In der Medienwelt werden derzeit zwei Problemfälle diskutiert, die aus textwissenschaftlicher Sicht einiges miteinander zu tun haben: die „Spiegel“-Blamage mit Reportagen von Claas Relotius, die keine richtigen Reportagen sind, und Robert Menasses Hallstein-Zitat zu einem Europa ohne Nationalstaaten, das kein richtiges Zitat ist.
Die Literaturwissenschaft unterscheidet zwischen referentiellen Sachtexten und fiktionaler Literatur, also Romanen, Erzählungen, Dramen. Der Unterschied besteht darin, dass Autoren fiktionaler Texte eine eigenständige Welt hervorbringen und nicht den Anspruch erheben, Realität dokumentarisch wiederzugeben, auch dann nicht, wenn es sich um literarischen „Realismus“ handelt. Der realistische Roman beruht – im Unterschied zu Märchen und Sage – auf der Prämisse: So ist es zwar nicht, aber es hätte so sein können. Er folgt bestenfalls dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit, nicht dem der Wirklichkeit. Das gilt auch für sogenannte Geschichtsdramen. Friedrich Schillers Maria Stuart hat mit der schottischen Mary nur wenig zu tun.
Wenn Robert Menasse in „Die Hauptstadt“ den EWG-Kommissionspräsidenten Walter Hallstein in Auschwitz eine Rede halten lässt, geht der Einwand, der historische Hallstein habe diese Rede so nicht gehalten, ins Leere, denn um Faktentreue geht es hier nicht. Der Romancier ist kein Historiker. Anders liegt die Sache allerdings, wenn Menasse in seinem Essay „Der europäische Landbote“ eine Aussage von Hallstein unter Anführungszeichen setzt.
Der Essay gehört – ähnlich wie Tagebuch und Autobiografie – nicht zur fiktionalen, sondern zur faktualen Literatur. Auf Fiktionalität, also poetische Freiheit der Darstellung, kann sich der Autor in diesem Fall nicht berufen. Setzt er im Essay den Satz einer historischen Persönlichkeit unter Anführungszeichen, dann erweckt er sehr wohl den Anschein einer wörtlichen Wiedergabe. Und der Vorwurf, Menasse habe seiner politischen Position zuliebe die Wirklichkeit zurechtgebogen, ist gerechtfertigt. Robert Menasse hat sich dafür mittlerweile auch entschuldigt.
Zu den faktualen Texten zählt die Literaturwissenschaft auch die Reiseliteratur. Reisereportagen beziehen ihren Reiz nicht zuletzt aus erzählerischen Elementen und aus einem kräftigen Schuss Subjektivität. Die Versuchung zur Dichtkunst ist daher bei der Reportage immer stärker als beim nüchternen Bericht. Je klarer sich Journalisten dieser Versuchung bewusst sind und je besser sie ihren subjektiven Zugang zum Thema transparent machen, umso ehrlicher ist es. Denn für die Reisereportage gibt es sehr wohl Grenzen der erzählerischen Freiheit. Erfundene Interviews und fiktive Ereignisse liegen eindeutig jenseits dieser Grenzen.

Samstag, 2. Juni 2018

Matura: Die Prüfungsformate sind das Problem


Gastkommentar in den Oberösterreichischen Nachrichten vom 29.5.18

Die Ergebnisse der Mathematik-Matura fügen sich diesmal nicht der vorberechneten Wunschnorm, und schon explodiert der öffentliche Diskurs. Allzu spontane Reaktionen mehr oder weniger Berufener und ein überzogenes Alarmklima der Aufgeregtheit stehen einer sachlichen Klärung und konstruktiven Problemlösung eher im Weg, als diese zu ermöglichen. Da ich einige Jahre lang selbst in diversen Gremien zum Thema Reifeprüfung als kritisches Korrektiv tätig war (mit geringem Erfolg!), wage ich aufgrund meiner Erfahrungen folgende These:
Die kompetenten und alles in allem sehr bemühten Fachleute, die für die Erstellung der Maturaaufgaben zuständig sind, trifft der geringste Teil der Schuld. Das Hauptproblem sind die vorgegebenen Prüfungsformate, die weder der Eigengesetzlichkeit der Fachbereiche (Mathematik, Philologie etc.) folgen noch der fachdidaktischen und pädagogischen Klugheit, sondern den Vorgaben der Psychometrie. Ihr bestimmendes Prinzip ist die Gesamtvermessung der globalen Bildungswelt. Man nennt das dann „faktenbasierte Bildungsforschung“ und dünkt sich nach Vorliegen der Messergebnisse im Besitz der objektiven Wahrheit. Rührend!
Tatsächlich muss man, um solche Zahlen zu bekommen, sowohl die Unterrichtsinhalte als auch die pädagogischen Prozesse erst einmal messbar machen, also verbiegen und zurechtstutzen. In Mathematik zeigt sich dies zum Beispiel daran, dass es zwischen „richtig“ und „falsch“ keine Nuancen mehr gibt. Das erleichtert natürlich die angeblich „objektive“ Messung. Ob diese Vorgangsweise zu einer gerechten Beurteilung der Schülerkompetenzen führt, ziehe ich stark in Zweifel.
Im Fach Deutsch müssen die Aufgabenstellungen zur Matura einem starren Schematismus folgen, der die eigenständige sprachliche Entfaltung dermaßen einbremst, dass mittlerweile fast nur mehr fade, standardisierte Texte zu Allerweltthemen geschrieben werden. Gerade die schreibbegabten Maturant/innen können ihr kreatives Begabungspotenzial in diesem Käfig aus Regeln und Richtlinien nicht entfalten.
Man muss nicht die zentralisierte Reifeprüfung grundsätzlich in Frage stellen. Aber man soll die Prüfungsformate, in denen sie realisiert wird, gründlich revidieren. Ich würde mutig und beherzt die Reset-Taste drücken, die Psychometrie und ihren Vermessungsunfug ganz weit weg schicken und dann noch einmal von vorne beginnen – diesmal mit fachdidaktischem Augenmaß. Ein Kinderspiel ist das natürlich nicht, da man ja mittlerweile auch die Schulbücher in einem schulpolitischen Gewaltakt in das enge Korsett der neuen Anti-Didaktik gepresst hat. Diesmal wäre es aber – im Gegensatz zur letzten Maturareform – eine Anstrengung, die sich lohnt. Im Interesse der Schülerinnen und Schüler, und im Interesse einer Bildung, die diesen Namen verdient.

Sonntag, 25. März 2018

Lesetipp: Ferdinand von Schirach: Strafe


Meiner OÖN-Rezension ist meine uneingeschränkte Bewunderung für "Strafe" zu entnehmen:

Mit seinem neuen Buch beweist Ferdinand von Schirach, dass er nicht aus purem Zufall in die erste Reihe der deutschen Literaturprominenz vorgerückt ist. Nach seinen zwei Romanen („Der Fall Collini“, „Tabu“) und seinen Erzählbänden („Verbrechen“, „Schuld“) folgt jetzt „Strafe“, eine Sammlung von 12 großartigen Erzählungen, deren verbindendes Motiv die Gerechtigkeit ist.
Ferdinand von Schirach ist ein sokratischer Autor. Seine Texte konfrontieren uns mit beunruhigenden Fragen, die scheinbar gesicherte Urteile und Sichtweisen ins Trudeln bringen. Man verrät nicht zu viel, wenn man eine Geschichte herausnimmt und sie exemplarisch darstellt: Menschen, die den subjektiven Eindruck haben, einem schweren Unrecht hilflos ausgeliefert zu sein, verändern sich. Emotionale Kräfte treten zu Tage, die bisher verborgen waren. Den ebenso verzweifelten wie verbissenen Kampf um ihr Recht (oder was sie dafür halten) betreiben sie kompromisslos bis zur Selbstzerstörung. Das ereignet sich mit einem einsamen Mann, der mit großer Anhänglichkeit das „Seehaus“ seines verstorbenen Großvaters bewohnt und der mit einem touristischen Bauprojekt in seiner Nachbarschaft konfrontiert wird. Seine Wut ist grenzenlos, sein Opfer wählt er ziellos.
Bislang unauffällige Bürgerinnen und Bürger werden in Schirachs Geschichten durch ungünstige Umstände, dumme Zufälle oder unglückliche Dispositionen zu Straftätern. Die meisten Gewaltverbrechen ereignen sich bekanntlich im engeren Familienkreis. Die Liebe kann gerade dann zur Hölle werden, wenn sie vorher zur Himmelsmacht stilisiert worden ist. Nicht jedes Verbrechen kann aufgeklärt werden, und umgekehrt landen bisweilen Unschuldige im Gefängnis. Das liegt auch daran, dass in einem Rechtsstaat für Polizei und Justiz nicht jedes Mittel erlaubt ist. „Der Rechtsstaat“, lässt Schirach einen Richter sagen, „unterscheidet sich vom Unrechtsstaat dadurch, dass er die Wahrheit nicht um jeden Preis ermitteln darf. Er setzt sich selber Grenzen.“
Als anthropologisches Resümee drängt sich der berühmte Satz aus Georg Büchners Woyzeck auf: „Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.“ Das Leben kennt die Kategorie Gerechtigkeit nicht. Vielmehr handelt es sich um Versuche des Menschen, etwas mehr moralische Ordnung in die Welt zu bringen. Oft misslingen sie.
Die Geschichten in „Strafe“ wirken vordergründig einfach. Schirach bevorzugt beim Satzbau die schlichte Parataxe. Klarheit und Eindeutigkeit sind durchgehende Stilmerkmale. Das scheinbar „Einfache“ kommt aber durch bewundernswerte Genauigkeit in der Wortwahl und ein unaufdringlich raffiniertes Arrangement der Erzählelemente zustande. Und meisterhaft versteht es Ferdinand von Schirach, die Hauptkonturen bedrückender Ereignisse und Biografien auf wenigen Seiten zu konzentrieren. Spannung, Anschaulichkeit, Herausforderung zur Reflexion - Diese „Stories“ bieten alles.
Ferdinand von Schirach: „Strafe. Stories“, Luchterhand, 190 Seiten, 18,50 Euro

Dienstag, 16. Januar 2018

Trump entlastet! Dummheit gibt es gar nicht

Man wird ihn ja nie recht los, den Blick des Pädagogen. Vierzig Jahre lang habe ich damit die Schule betrachtet – und so nach und nach auch den Rest der Welt. Im Grunde mache ich mir täglich Sorgen, wie es denn nun steht um das „Wahre, Gute und Schöne“. Als Pädagoge fragt man sich beim BUWOG-Prozess: Wo bleibt das Wahre, Herr Grasser? Man liest Untergründiges über Peter Pilz & Vergleichbare und denkt: Sittlich schön im Sinne Platons ist das nicht! Und wenn man sich mit der aktuellen Diskussion um das Donald Trump-Bild in „Fire and Fury“ konfrontiert, vermisst man irgendwie das Gute.
Denn ist es wirklich gut, so bedenkenlos „Dummheit“ zu sagen, wenn man Trump meint? Erstens kann der US-Präsident ökonomische Erfolge nachweisen, die ein ganz Blöder so nicht hinkriegen würde. Vor allem aber ist „dumm“ eine Vokabel, die aus dem pädagogischen Sprachschatz verschwunden ist. Es gibt nämlich keine dummen Kinder mehr, es gibt nur mehr unfähige Lehrer und falsche Schulsysteme. Erinnern wir uns an die Wahlwerbung der Grünen vor den letzten Nationalratswahlen. „Jedes Kind ist sehr gut“, war da zu lesen. Naja, das ist vielleicht nicht wahr, aber gut ist es schon, denn in meiner Schulzeit sind Schüler schnell einmal von den Lehrern explizit als Deppen abgestempelt worden – und zwar vor der grinsenden Mitschülerschaft.
Heute müssen sich Lehrer, die sich solche verbalen Ausritte erlauben, warm anziehen, denn die Eltern lassen sich demütigende Abwertungen ihrer Kinder mit gutem Recht nicht mehr gefallen. Mich irritiert allerdings, dass gerade progressive Menschen, die in jedem Kind den optimierten Weltgeist wirken sehen, recht schnell und sorglos das Attribut „dumm“ hervorziehen, wenn sie Mitmenschen kategorisieren, die ihnen ein Ärgernis sind, zum Beispiel FPÖ-Wähler – oder eben Donald Trump. Wann, so grüble ich, war wohl der Tag, an dem das „sehr gute“, das zweifellos hochbegabte Kind Donald plötzlich zum Trottel Trump mutiert ist?

Letztlich ist das Wahre, Gute und Schöne auch eine Frage der Sprachregelung. Und da hat uns Trump selbst schon einmal vorgelebt, wie man die Dinge korrekt und feinfühlig formulieren kann. Anstelle der garstigen Vokabel „Lüge“ verwendete er das schöne Synonym „alternative Fakten“. Dadurch angeregt schlage ich vor, Donald Trump nicht als „dumm“ zu bezeichnen, sondern als „alternative Hochbegabung“, zumal er sich ja auch selbst für ein „stabiles Genie“ hält. Als Pädagoge weiß man: Man kann das positive Selbstbild eines Menschen nicht zerstören, ohne den Betroffenen damit schwer zu kränken. Wer weiß, wozu der Gekränkte dann im Stande wäre, verfügt Trump doch nach eigener Aussage über einen noch größeren – ähh, Atomknopf als sein gestörtes politisches Gegenüber. O Verzeihung, ich meinte: sein „nordkoreanisches Intelligenzäquivalent“. 

(OÖN, Sicht der anderen, 16.1.2018)

Lesetipp Jänner: Olga Flor. Klartraum

Versuchsmodelle der Liebe (OÖN-Rezension vom 5.1.2018)

Die Ausgangssituation kommt uns bekannt vor. Eine Frau, nicht mehr ganz jung, Ehefrau und Mutter, verliebt sich ziemlich schwer in einen Mann, auch nicht mehr ganz jung, Ehemann und Vater. Wie schwer seine Liebe wiegt, wird nicht ganz klar. Anfangs scheint sie stark zu sein, aber dieser Art von Anfängen wohnt bekanntlich immer ein Zauber inne, der misstrauisch macht. Denn wie lange er anhält, ist schwer zu sagen. Irgendwann werden dem Mann die Heimlichkeiten des Fremdgehens zur Last. An einer Kreuzung in Berlin verlässt er seine Geliebte. Die Frau kann es nicht fassen und versucht nun, indem sie ihre Erinnerungen rekonstruiert und reflektiert, das Unbegreifliche verständlicher zu machen.
Wer nun glaubt, er hätte es mit einem Liebesroman aus einer Standardkategorie zu tun, weiß nicht, wer Olga Flor ist. Mit Standards und Routine begnügt sich diese Autorin nie. Das beginnt schon damit, dass sie zögert, das Erzählen einer Ich-Erzählerin anzuvertrauen. Immer wieder wechselt sie zur distanzierten Sie-Form und ihre Darstellungsweise folgt keinem Plot, sondern eher der Modellstruktur von Versuchsanordnungen. (Olga Flor ist studierte Physikerin!) Ihre weibliche Hauptfigur nennt sie P (wie Protagonistin), die männliche Figur ist A (wie Antagonist) und die Frau des Geliebten bekommt den Buchstaben C zugeordnet.
Robert Musil meinte, die Menschheit brauche weder mehr Gefühl noch mehr Verstand, sondern mehr Verstand in Sachen Gefühl. Diese Prämisse könnte als Motto über dem Roman „Klartraum“ stehen, denn schon der Titel beinhaltet die schwierige Synthese von Ratio und Emotion. Über Träume kann nicht einmal die Psychoanalyse letzte Klarheit schaffen.
Der Traum der Protagonistin besteht darin, die heftige, ja absolute Leidenschaft, die sie in den wenigen Stunden mit ihrem Geliebten erlebt, als eine Art romantisches Reservat zu schützen, ohne dabei das moderate Alltagsleben mit Mann und Kind zu gefährden. P versucht auch zu verstehen, was sie dermaßen stark mit A verbindet, körperlich und emotionell. Vielleicht könnte es ihr dadurch gelingen, sich zu „entlieben“.
Das Großartige, in dieser Qualität Einzigartige an Olga Flors Roman ist nicht das Thema, sondern die Sprache. Ihren Liebesschmerz bearbeitet die Protagonistin mit allen stilistischen Mitteln, die ihr Olga Flor zur Verfügung stellt, und die scheinen grenzenlos zu sein, angefangen von naturwissenschaftlichem Vokabular über aphoristische Ironie bis hin zu einer Metaphorik des Liebens und Begehrens ohne jedes Klischee. Seit Ingeborg Bachmann hat man Derartiges nicht mehr gelesen. Ohne Übertreibung kann man Olga Flor als größte Stilistin der österreichischen Gegenwartsliteratur würdigen.


Olga Flor: Klartraum. Roman. Jung und Jung Verlag, 280 Seiten, 23 Euro

Montag, 9. Oktober 2017

Lesetipp Oktober: "Die Hauptstadt" von Robert Menasse

Robert Menasses EU-Roman braucht zwar meine Werbung nicht mehr, dennoch möchte ich den außergewöhnlichen Roman auch auf diesem Weg empfehlen. Hier meine Rezension aus den OÖN:

Robert Menasse beschäftigt sich seit Jahren mit den Problemen der europäischen Einigung. Seine Sichtweisen hat er bislang vor allem in Essays und Reden dargelegt (u.a. „Der europäische Landbote“). Jetzt hat er das Thema Europa in Romanform bearbeitet. „Die Hauptstadt“ ist ein herausragendes Meisterwerk, kenntnis- und ideenreich, politisch klug und auch in literaturästhetischer Hinsicht überzeugend; denn dieses Buch beweist, dass die Form des großen Gesellschaftsromans auch in unserer so komplex gewordenen Welt nach wie vor geeignet ist, maßgebliche Zeitfragen auf erhellende Weise zu vermitteln.
Allein die Komposition dieses Romans ist eine handwerkliche Großtat. Um der Vielschichtigkeit des Europa-Themas gerecht zu werden, eröffnet und verknüpft Robert Menasse mehrere Handlungsstränge, die an den Handlungsort Brüssel gebunden sind und an verschiedene Figuren, zum Beispiel an Martin Susman. Der österreichische EU-Beamte soll einen Beitrag zu einem „Jubilee Project“ der Europäischen Kommission liefern, das in erster Linie die Karriere von Susmanns Chefin Fenia Xenopoulous fördern soll. Die Idee, dieses Projekt mit Auschwitz zu verbinden, weil doch das Ziel einer europäischen Friedensordnung nach 1945 darin bestanden habe, in Europa Krieg, Terror und Diktatur zu verhindern, stößt nicht überall auf ungeteilte Begeisterung. Ein Räderwerk aus Intrige, Eitelkeit und Karrierismus setzt sich in Bewegung.
Martin Susmans älterer Bruder Florian hat einen großen Schweinemast-Betrieb und versucht die europäischen Partner von einer gemeinsamen Handelspolitik zu überzeugen, aber der Nationalismus ist stärker. Das ist überhaupt ein Kernproblem, das sich leitmotivartig durch den Roman zieht. Im Zweifelsfall siegen nationale und persönliche Interessen über europäische Solidarität. Darüber ärgert sich auch der emeritierte Professor Alois Erhart, der bisweilen noch zu einem „Think Tank“ eingeladen wird, wo seine Appelle auf fruchtlosen Boden fallen.
Auch einen Kriminalkommissar lässt Robert Menasse auftreten. Émile Brunfaut soll einen mysteriösen Mordfall klären, der sich im Hotel Atlas ereignet hat. Plötzlich wird die Untersuchung eingestellt, was Brunfaut nicht so einfach hinnehmen will. Und nicht zuletzt gibt es da noch David de Vriend, eine besonders berührende Figur. Er ist einer der letzten Auschwitz-Überlebenden, die noch am Leben sind - zumindest am Beginn des Romans.
Menasse entwickelt die Biografien dieser und anderer Figuren und eröffnet durch gelungene Perspektivenwechsel ein breites Spektrum der Persönlichkeiten, Haltungen und Sichtweisen. So wird auch die Vernetzung des Privaten mit dem Politischen und Historischen anschaulich. Geschichte, so heißt es einmal in „Die Hauptstadt“, sei nicht nur „die Erzählung davon, was war, sondern auch die stetige Verarbeitung der Gründe, warum Vernünftigeres nicht sein konnte.“ Ähnliches könnte man auch über dieses großartige Buch sagen.


Robert Menasse: „Die Hauptstadt“. Roman, Suhrkamp, 457 Seiten, 24,70 Euro