Dienstag, 8. Januar 2019

Stark ist die Versuchung zur Dichtkunst


Robert Menasses Umgang mit Zitaten und historischen Fakten sind Diskussionsthema geworden. Meine Meinung dazu kann man in den Oberösterreichischen Nachrichten vom 8.1.19 nachlesen (und hier auf meinem Blog)

In der Medienwelt werden derzeit zwei Problemfälle diskutiert, die aus textwissenschaftlicher Sicht einiges miteinander zu tun haben: die „Spiegel“-Blamage mit Reportagen von Claas Relotius, die keine richtigen Reportagen sind, und Robert Menasses Hallstein-Zitat zu einem Europa ohne Nationalstaaten, das kein richtiges Zitat ist.
Die Literaturwissenschaft unterscheidet zwischen referentiellen Sachtexten und fiktionaler Literatur, also Romanen, Erzählungen, Dramen. Der Unterschied besteht darin, dass Autoren fiktionaler Texte eine eigenständige Welt hervorbringen und nicht den Anspruch erheben, Realität dokumentarisch wiederzugeben, auch dann nicht, wenn es sich um literarischen „Realismus“ handelt. Der realistische Roman beruht – im Unterschied zu Märchen und Sage – auf der Prämisse: So ist es zwar nicht, aber es hätte so sein können. Er folgt bestenfalls dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit, nicht dem der Wirklichkeit. Das gilt auch für sogenannte Geschichtsdramen. Friedrich Schillers Maria Stuart hat mit der schottischen Mary nur wenig zu tun.
Wenn Robert Menasse in „Die Hauptstadt“ den EWG-Kommissionspräsidenten Walter Hallstein in Auschwitz eine Rede halten lässt, geht der Einwand, der historische Hallstein habe diese Rede so nicht gehalten, ins Leere, denn um Faktentreue geht es hier nicht. Der Romancier ist kein Historiker. Anders liegt die Sache allerdings, wenn Menasse in seinem Essay „Der europäische Landbote“ eine Aussage von Hallstein unter Anführungszeichen setzt.
Der Essay gehört – ähnlich wie Tagebuch und Autobiografie – nicht zur fiktionalen, sondern zur faktualen Literatur. Auf Fiktionalität, also poetische Freiheit der Darstellung, kann sich der Autor in diesem Fall nicht berufen. Setzt er im Essay den Satz einer historischen Persönlichkeit unter Anführungszeichen, dann erweckt er sehr wohl den Anschein einer wörtlichen Wiedergabe. Und der Vorwurf, Menasse habe seiner politischen Position zuliebe die Wirklichkeit zurechtgebogen, ist gerechtfertigt. Robert Menasse hat sich dafür mittlerweile auch entschuldigt.
Zu den faktualen Texten zählt die Literaturwissenschaft auch die Reiseliteratur. Reisereportagen beziehen ihren Reiz nicht zuletzt aus erzählerischen Elementen und aus einem kräftigen Schuss Subjektivität. Die Versuchung zur Dichtkunst ist daher bei der Reportage immer stärker als beim nüchternen Bericht. Je klarer sich Journalisten dieser Versuchung bewusst sind und je besser sie ihren subjektiven Zugang zum Thema transparent machen, umso ehrlicher ist es. Denn für die Reisereportage gibt es sehr wohl Grenzen der erzählerischen Freiheit. Erfundene Interviews und fiktive Ereignisse liegen eindeutig jenseits dieser Grenzen.