Samstag, 10. Dezember 2016

PISA und das Murmeltier

Am Freitag, 9. Dezember, erschien in den OÖN mein Kommentar zur Qualität der österreichischen PISA-Diskussion. Hier zum Nachlesen:

Und täglich grüßt das Murmeltier. Das Drehbuch zur österreichischen PISA-Diskussion folgt dem Muster des bekannten Films, in dem Hauptdarsteller Bill Murray in der Zeitschleife hängen bleibt und Tag für Tag denselben Ablauf erleben muss. PISA gibt es zwar (noch) nicht täglich, aber alle drei Jahre wieder erfahren wir, dass Österreichs Fünfzehnjährige nur durchschnittliche Leistungen erzielen und dass ihre Leseleistung sogar unter dem OECD-Schnitt liegt. Daraufhin läuft der bekannte Film: Auftritt Bildungsministerin (besorgt und entschlossen): Ich bin entsetzt. Wir werden umfassende Maßnahmen ergreifen! – Auftritt Bildungsexperte von links (glutäugig): Gesamtschule! Unbedingt Gesamtschule! – Auftritt emeritierter Bildungsexperte: Weg mit dem Frontalunterricht! (mit verklärtem Blick nach oben) Lustvolles, offenes Lernen mit allen Sinnen… – Auftritt Stammtischrunde (von links bis rechts, analog und digital): De Lehra, de stinkfaul‘n Trottel mit eanare Ferien!
Auch die Kommentatoren aus dem Profi-Journalismus greifen gerne zu ihrem Standardtext: „Schluss mit dem Stillstand!“ Dieser Vorwurf trifft aber das Problem nicht. Es gibt keinen Stillstand. An Österreichs Schulen wird seit Jahren reformfreudig herumgebastelt. Jährlich messen wir die nationalen Bildungsstandards. Die neue, standardisierte Reifeprüfung hat den Unterricht in der Oberstufe maßgeblich verändert. Die Lehrerausbildung wurde vereinheitlicht. Und das mit naiven Heilserwartungen überfrachtete Claudia-Schmid-Prestigeprojekt Neue Mittelschule zeigt mittlerweile, dass es nicht halten kann, was eine beratungsresistente Ministerin versprochen hat.
Das Problem besteht nicht darin, dass nichts getan wird zur Verbesserung der Schule, sondern darin, dass oft das Falsche getan wird. Offensichtlich gelingt es nicht, die Schwachstellen der Schüler sachlich zu analysieren und ideologiefrei taugliche Strategien zu deren Behebung zu entwickeln. Dabei wäre manches einfacher, als man glaubt. Man muss nicht immer gleich „das System“ revolutionieren. Lesen lernt man nicht durch Revolutionen, sondern einzig und allein durch Lesen, möglichst oft, möglichst genau. Das finden nicht alle Kinder lustig, aber nach dem pädagogischen Spaßfaktor fragt man bei PISA-Siegern wie Japan, Singapur und Südkorea nicht, und disziplinierter Frontalunterricht ist dort das Übliche. Diese lästige Wahrheit verdrängen wir gerne.

Wer nicht oder nur schlecht Deutsch spricht, braucht zuerst einmal einen systematischen Deutschunterricht, und zwar zum größeren Teil außerhalb des Normalunterrichts. Dass man von den Mitschülern am besten Deutsch lernt, ist schlicht und einfach falsch. Und wenn unsere Schüler bessere Leistungen in den Naturwissenschaften erbringen sollen, kann man ja deren Stellenwert als Leistungsfach in der Primarstufe und Sekundarstufe 1 aufwerten. So einfach könnte Bildungsreform manchmal sein. 

Freitag, 7. Oktober 2016

Rechter Feminismus und linke Burkatoleranz

Eines muss man dem Hardcore-Islam schon lassen: Unsere gewohnten ideologischen Fronten mischt er ordentlich auf. Dieselben Feministinnen, die Texte „weißer Männer“ streng daraufhin überprüfen, ob eh jedes Anführungszeichen ordnungsgemäß gegendert ist, fühlen sich plötzlich gedrängt, die Vollverschleierung zu verteidigen – und zwar als Freiheitsrecht der muslimischen Frau. SJ-Vorsitzende Julia Herr hat sich kürzlich in dieser originellen Form positioniert.
Manche begründen ihre Toleranz damit, dass betroffene muslimische Frauen von ihren sittenstrengen Gatten keine Ausgeherlaubnis mehr bekämen, würde der Gesetzgeber Niqab und Burka verbieten. Ist den Verteidigern kultureller Differenz eigentlich bewusst, welch bizarre Art von „Freiheit“ das ist, die sie da verteidigen? Man nehme einmal das kulturelle Gegenbeispiel eines rechten Recken, der seine Ehefrau darauf verpflichtet, sich in der Öffentlichkeit nur mehr in blut- und bodenständiger Tracht zu zeigen. Und wenn sie nicht folgt, gibt’s eben Karzer!
Apropos rechte Recken. Mich erstaunt, dass sich einige Herren, die das Wort „Emanze“ nur als Schimpfwort kennen, im Kampf gegen das muslimische Patriarchat neuerdings in die erste Reihe stellen, um dort scheinheilig als Verteidiger von Frauenrechten herumzufuchteln. Ausgerechnet diese Leute, die sich noch nie für Gleichberechtigung stark gemacht haben und jede doofe Zote grinsend genießen, treten plötzlich als Feministen der späten Stunde auf.
So plausibel ihre Position nach außen hin erscheinen mag, die Motive dahinter sind weniger ehrenhaft, als es aussieht, denn „Ehre“ ist leider ein unsolider Begriff. Ich bezweifle, dass es diesen Ehrenmännern vorrangig darum geht, die Freiheit der Frau gegen patriarchalische Bevormundung und männliche Gewalt zu verteidigen. Hören wir ihnen genau zu. Verdächtig oft sprechen die konvertierten Neufeministen von „unseren Frauen“, die sie gegen Angriffe lüsterner muslimischer Barbaren verteidigen werden. Diese Formulierung „unsere Frauen“ beruht auf derselben patriarchalischen Logik wie die der „Barbaren“.
Vergewaltigungen im Krieg werden meist nicht aus sexueller Gier begangen. Vielmehr wollen die Vergewaltiger ihre männlichen Feinde demütigen, indem sie deren Frauen sexuell in Besitz nehmen. Und die Rache der Gedemütigten besteht darin, den Frauen des Feindes dasselbe anzutun. Es geht hier um etwas ziemlich Übles, nämlich um eine männliche „Ehre“, für die Frauen benützt werden.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Selbstverständlich müssen Frauen vor Übergriffen aller Art geschützt werden, weil eine Frau, so wie jeder Mensch in einem Rechtsstaat, Anspruch auf persönliche Integrität, Selbstbestimmung und Schutz vor Gewalt hat. Nur Männer, die aus diesem Motiv Frauen schützen, können für sich beanspruchen, Verteidiger von Frauenrechten zu sein. 

Donnerstag, 12. Mai 2016

Computer als Prüfer?


Replik auf ein Interview mit Christa Koenne (Die Presse, 7. Mai 2016)

Ich erinnere mich noch an die skurrile Zeit, in der die Bildungsdiskussion vom Spaßfaktor dominiert wurde. Lernen hatte stets mit allen Sinnen stattzufinden, Unterricht wurde auf das Lustprinzip verpflichtet. Gehör in den Medien fanden jene „externen Bildungsexperten“, die sich zum „Edutainment“ bekannten und mit magischen Formeln wie „verkopft“ und „aus dem Bauch heraus“ jonglierten. Ich stand in meinem Verständnis von Unterricht dieser Libido-Pädagogik nie besonders nahe, sie war mir aber – rein menschlich betrachtet – sympathischer als die pädagogischen Wortführer der Gegenwart, die ihr Vokabular der Betriebswirtschaftslehre und der Psychometrie entnehmen und ihren pädagogischen Eros auf Maßnahmen wie diese konzentrieren: standardisieren, zentralisieren, reglementieren, kontrollieren – und vor allem: vermessen!
Christa Koenne ist mit dem Ausmaß an Zentralisierung, das uns die „standardisierte, kompetenzorientierte Reifeprüfung“ derzeit bietet, nicht zufrieden und spricht sich im Presse-Interview dafür aus, dass Aufgaben für eine „echte“ Zentralmatura den „Charme der Schlichtheit“ versprühen sollen. Dieser Charme soll sich auf den erotisch hochprozentigen Umstand stützen, dass Auswertung und Beurteilung nicht mehr durch das rechnungstechnisch unzuverlässige Wesen Mensch, sondern durch einen Computer erfolgen sollen. Anders als „schlicht“ können solche Aufgaben wohl auch nicht sein. Dass sich die maschinelle Beurteilung auf „bestanden“ und „nicht bestanden“ beschränken muss, ist Frau Koenne auch klar. Welche Aussagekraft und welchen Wert solch eine schlichte Computer-Matura für dressierte (pardon, „gecoachte“) Nicht-Denker noch haben wird, dazu schweigt die Expertin allerdings. Und sie schweigt auch zu den Auswirkungen auf die inhaltliche Qualität der Aufgaben.
Wie, bitte, soll eine Aufgabenstellung für das Fach Deutsch beschaffen sein, die ein Computer beurteilen kann? Welche inhaltlichen und sprachlich-stilistischen Merkmale müssen Texte haben, deren Qualität ein Blechtrottel beurteilen kann? Es könnte sich beim gegebenen Stand der Technik nur um vollstandardisierte Textstrukturen handeln, und die „Kompetenz“ der Maturantinnen und Maturanten bestünde darin, einen sprachlichen Formelkanon auswendig zu lernen. Für solch charmante „Texte“ benötigte man allerdings auch im Entstehungsprozess keine Menschen mehr, denn Computerprogramme können so etwas besser. Das menschliche Maß besteht nun einmal in individuellen Abweichungen, in der Vielfalt, nicht in der Uniformität. Nur dadurch entfaltet sich das kreative Potenzial von Sprache und, so nebenbei bemerkt, auch der Reichtum des Lebens.
Verabschieden wir uns doch von der Vorstellung, Aussagekraft und Gerechtigkeit kämen durch landesweite formale Gleichheit zustande. Wenn man sich von dieser theoretisch falschen und praktisch schädlichen Vorstellung leiten lässt, muss man die Inhalte und Lernziele (um die es eigentlich gehen soll) so rabiat zurichten, dass sie fast unkenntlich werden. Erhellend erscheint mir in diesem Zusammenhang die Parabel vom Gärtner, der einem Lehrling aufträgt, ein Bäumchen in Kugelform zu schneiden. Der Lehrling schnipselt ziemlich lange herum, bis endlich die Kugelform entsteht. Und was sagt der Gärtner? Gut, Junge, wir haben jetzt eine Kugel, aber wo ist der Baum geblieben?

Sonntag, 24. April 2016

Lesetipp: Wieso Heimat, ich wohne zur Miete

Selim Özdogan, Sohn türkischer Eltern, wurde 1971 in Köln geboren. Er hat mehrere Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht. Sein neuer Roman „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ ist während eines längeren Schreibaufenthalts in Istanbul entstanden und gehört zum Witzigsten, das wir im reich bestückten Laden der neueren Migrationsliteratur finden. Wobei der Begriff Witz hier in jener traditionellen Bedeutung zu verstehen ist, die Intelligenz mit Humor verknüpft. Würden alle dem Thema Interkulturalität so entspannt begegnen wir Selim Özdogan, hätten wir viele Probleme gelöst.
Dass die Hauptfigur den ungewöhnlichen Namen Krishna Mustafa trägt, ist erklärbar. Seine Mutter, eine Deutsche mit Indien-Affinität, hat auf einer ihrer Reisen den Türken Recep kennengelernt. 1990 wird das Söhnchen aus dieser internationalen Begegnung geboren. Mutter Maria besteht auf der Übersiedlung nach Deutschland, weil sie dem türkischen Bildungssystem nicht traut. Die Ehe scheitert, Vater Recep geht zurück nach Istanbul, als sein Sohn zwölf Jahre alt ist. Dass Krishna Mustafa weitere zwölf Jahre später eine längere Reise in die Türkei antritt, ist weniger seinem eigenen Antrieb zu verdanken als dem Drängen seiner Freundin Laura. Denn Laura – typisch deutsche Gründlichkeit! – kann unmöglich mit einem Mann zusammen sein, der seine ethnischen Wurzeln ignoriert!
Was nun folgt, ist ein Istanbul-Aufenthalt, von dem Selim Özdogan in 30 Episoden erzählt. Dabei wählt er sowohl die Form als auch den epischen Gestus des guten alten Schelmenromans. Wie in Grimmelshausens „Simplizissimus“ werden uns am Beginn eines jeden Kapitels die Handlungshöhepunkte angekündigt: „Vierzehntes Kapitel, in dem Emre einen Akzent hat, die Miete nicht gezahlt wird und Polizisten aus Eiern schlüpfen“. Krishna Mustafa ist ein mehr oder weniger naiver Held, der von der Welt, in die er gerät, irritiert ist. So erwartet er in Istanbul die Dauerpräsenz des Islam, findet aber zunächst nur Kirchen und eine Art Weihnachtsbeleuchtung, die aus Geschäftsgründen das ganze Jahr leuchtet. Das Türkei-Bild, mit dem Krishna Mustafa aus Deutschland angereist ist, wir durch die Wirklichkeit dekonstruiert. Und er muss auch erfahren, wie schnell man im Internet zum Ex-Rapper erklärt wird, der zum Islamismus konvertiert ist. Märchen werden eben immer und überall erzählt.
Kurzweiligkeit, Einfallsreichtum und Komik machen die Lektüre dieses Romans zum Dauervergnügen, so zum Beispiel, wenn Özdogan seinen Antihelden an „Hymnosomnie“ leiden lässt-. Sobald eine Nationalhymne erklingt, schläft Krishna Mustafa sogar im Stehen ein. Mit dieser verdächtigen Krankheit schrammt man in Erdogans Türkei nur knapp am Hochverrat vorbei. Aber nicht nur das türkische Leben, auch das deutsche schildert der Autor aus ironischer Perspektive. „In der Türkei glauben wir ja, dass alles in Deutschland seine Ordnung hat. Aber wir wissen nicht, dass diese Ordnung genau so wenig Logik hat wie unser Chaos.“


Selim Özdogan: „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete.“ Roman, Haymon, 244 Seiten, 20,60 Euro

Oberösterreichische Nachrichten, 19. April 2016

Montag, 11. April 2016

Wenn Bildungspolitik kreativ wird

Wenn österreichische Bildungsministerinnen ankündigen, man werde „kreative Lösungen“ finden, dann läuten in den Schulen die Alarmglocken, denn von Elisabeth Gehrer über Claudia Schmied bis hin zu Gabriele Heinisch-Hosek zieht sich mittlerweile diese ebenso lange wie breite Kreativspur durch Österreichs ganzjährigen Bildungsfasching. Derzeit ist das Hauptproblem des Ministeriums ein Budgetloch in der Höhe von 550 Millionen Euro. Werner Faymann war letzte Woche schon als Vordenker kreativ, und Frau Heinisch-Hosek hat seinen Genieblitz aufgenommen. Die kreative Lösung besteht darin, die Lehrerarbeitszeit zu erhöhen! Also, ehrlich, auf diese Jahrhundertidee wäre wirklich niemand gekommen! Ist schon ein Teufelskerl, der Werner!
Aber damit nicht genug! In einem Interview mit einer österreichischen Tageszeitung orakelte die Bildungsministerin auch über die Ganztagsschule, die in Zukunft schlechte Messergebnisse bei den Bildungsstandards verhindern werde. Die Ministerin räumte ein, dass Lehrer, wenn sie den ganzen Tag in der Schule sein müssen, dort auch Korrekturen, Vorbereitungen und Nachbereitungen erledigen müssen. Ein durchschnittlicher Kopf wie ich denkt da einen Schreibtisch mit PC und an ein einigermaßen geräumiges Kastl für den nach wie vor unentbehrlichen Papierkram. Falsch! Die kreative Lösung sieht so aus: „Der eigene Arbeitsplatz spielt keine so große Rolle, wenn es eine gescheite Ablage gibt. Dann können sich Lehrer Platz zum ungestörten Arbeiten suchen – etwa in einem Ruheraum.“ Raffiniert! Mir macht nur eines ein bisserl Sorge: Es gibt keinen Ruheraum an meiner Schule.
Zurück zu den Bildungsstandards. Auch da hat Gabriele Heinisch-Hosek eine originelle Idee. Sie könnte ja, meint sie, Schulen, die gute Ergebnisse erzielen, Geld wegnehmen, um es den Armen und Bedürftigen zu schenken, die schlechter abgeschnitten haben. Da kommt in der AHS ein leichtes Magengrummeln auf. Wird Frau Heinisch-Hosek, wenn sie sich ans große Umverteilen macht, wohl auch bedenken, dass ein Schulplatz in der Neuen Mittelschule ohnedies schon viel teurer ist als einer in der AHS-Unterstufe? Und wird sie bedenken, dass unsere Budgets für den Sachaufwand so knapp bemessen sind, dass wir froh sind, wenn wir am Jahresende noch die Stromrechnung zahlen können? Gehen dort, wo allzu helle Köpfe sitzen, dann die Lichter aus?

Ha, jetzt hab ich eine kreative Lösung! Ich werde, wenn am 20. April die Bildungsstandards für Deutsch gemessen werden, unsere Schüler um gebremste Leistungsbereitschaft ersuchen. Wenn wir es schaffen, die schlechteste AHS zu sein, dann kriegen wir einen Patzen Geld – und davon finanziere ich dann einen Zubau mit Ruheraum, wo die Lehrkräfte unserer ganztägigen Schulzukunft ihre Arbeitsplätze haben! Na? Kreativ muss man halt sein! 

Oberösterreichische Nachrichten, 8. April 2016

Dienstag, 8. März 2016

"Deutschpflicht". Unsere Begeisterung für Nebenschauplätze


Der öffentliche Diskurs bringt es mit sich, dass wichtige Herausforderungen und Aufgaben der Gesellschaft an kunstvoll aufgeblasenen Nebenthemen abgehandelt werden. Nebenthemen sind oft einfacher zu verstehen und besser zu präsentieren als die allzu komplexen Hauptsachen. Als in Österreich über das Jahrhundertprojekt EU diskutiert wurde, stellte Jörg Haider ein spanisches Fruchtjoghurt vor die TV-Kamera und behauptete, dieses mit Läusen versetzte Zeug müssten die Österreicher in Zukunft essen. Joghurtlaus oder nicht Joghurtlaus, das war plötzlich die entscheidende europäische Frage!
Derzeit hören und lesen wir viel vom pädagogischen Jahrhundertprojekt „Deutsch als Pausensprache“. Da sind nun, wie das so geht hienieden, Urteil und Ansichten sehr verschieden. Befürworter erwarten sich nicht nur ein netteres Kommunikationsverhalten in der Pausenhalle, sondern auch verbesserte Deutsch-Kenntnisse von Kindern mit Migrationshintergrund, und angeblich soll der Schulversuch „Deutsch als Pausensprache“ in einer Berliner Schule sogar zur Besänftigung von Aggressionen geführt haben. Naja, wenn man ganz fest dran glaubt…

Umgekehrt stilisieren empörte Gegner das von ihnen unerwünschte Maßnamerl zum groben Verstoß gegen die Menschenrechte und fuchteln mit ihrer Lieblingsvokabel „Rohrstockpädagogik“ herum. Zugegeben, die deutsche Grammatik ist kompliziert, Italienisch klingt eleganter, und Arabisch ist exotischer. Aber so schlimm ist es nun auch wieder nicht, Deutsch sprechen zu müssen! Schon gar nicht, wenn man in Österreich leben will, dessen Landessprache nun einmal Deutsch ist.

Hand auf’s Herz, liebe Landes-ÖVP! „Deutsch als Pausensprache“ ist ein lästiges Anhängsel der Integrationsdebatte, ein Zugeständnis an den blauen Koalitionspartner, der reale Probleme gerne auf populistische Pointen reduziert. „Deutsch als Pausensprache“, diese Forderung versteht jeder, sie bedient das heimatliche Wir-Gefühl und ist stilistisch auf den schlichten Aufforderungssatz „Red’s deitsch!“ reduzierbar. Man wird ohnedies den Eindruck nicht los, die ÖVP folge ihrem Zugeständnis an die FPÖ eher halbherzig. Von einer „Verpflichtung“ kann man kaum reden, da es ja keine greifbaren Sanktionen gibt, wenn Schüler von der „Empfehlung“, in der Pause Deutsch zu sprechen, abweichen.

Die künstlich erhitzte Diskussion über dieses Nebenthema lenkt nur vom Hauptthema ab. Ein möglichst schneller und qualitativ überzeugender Spracherwerb ist die entscheidende Voraussetzung für die so oft beschworene Integration. Die Sprache ist das Medium der Verständigung, aber nicht nur das, sie ist auch das Herz der Kultur, die eine Region prägt. Wer sich an dem einen beteiligen und das andere verstehen und mitgestalten will, muss der Landessprache mächtig sein. Darum geht es. Halten wir uns also nicht allzu lange auf Nebenschauplätzen auf.
Oberösterreichische Nachrichten, 4. März 2016

Sonntag, 28. Februar 2016

Altmünster und das griechische Drama

So mancher Bildungsreformer stellt gerne die „verstaubten Klassiker“ an den Pranger, die „entrümpelt“ gehören. Diese lautstarke Fortschrittsrhetorik klingt recht schneidig, erweist sich aber bei genauer Betrachtung der Dinge meist als falsch, denn das Wesen eines Klassikers besteht eben darin, nicht „verstaubt“ zu sein, sondern eine Botschaft anzubieten, die über die Entstehungszeit hinaus interessant geblieben ist.
Derzeit kann man dies am Beispiel der Tragödie „Antigone“ nachweisen, die der griechische Dramatiker Sophokles im 5. Jahrhundert v. Chr. geschrieben hat. Sophokles zeigt darin das Schicksal der jungen Antigone, die ihren im Bürgerkrieg gefallenen Bruder Polyneikes begraben will, obwohl König Kreon dies per Gesetz verboten hat. Polyneikes gilt im Stadtstaat Theben als Hochverräter. So einer kriegt kein Grab. Das Hauptmotiv des Dramas ist der Konflikt zwischen dem staatlichen Gesetz und geschwisterlichem Mitgefühl, das sich auf göttliches Recht beruft. Hier Kreon, dort Antigone.
Die überragende Qualität des Dramas „Antigone“ besteht neben der künstlerischen Form darin, dass Sophokles keine simplen Freund-Feind-Bilder erzeugt. Antigones Schicksal berührt uns zwar, aber wir verstehen auch, dass Kreon einen verdammt harten Job hat. Nach dem Bürgerkrieg hat er die Aufräumungsarbeiten übernommen: Revolutionsschutt entsorgen, die Autorität des Staates sichern. Gesetze sind einzuhalten! Das ist eine Kernbotschaft seiner Regierung, und wer würde ihr leichtfertig die Zustimmung verweigern!
Was haben der mythische König Kreon und sein Sorgenfall Antigone mit Altmünster im Februar 2016 zu tun? Sehr viel. Das „Hauptmotiv“ ist nämlich das gleiche. Im Fall des Asylverfahrens einer armenischen Frau geht es um den Konflikt zwischen staatlichem Recht und menschlichem Mitgefühl, das sich auf göttliches Recht beruft („Kirchenasyl“). Formalrechtlich ist zwar der Anspruch auf Kirchenasyl bedeutungslos, der symbolische Wert ist aber nicht zu unterschätzen, auch nicht in einer säkularen Gesellschaft. Bewaffnete Polizisten, die eine weinende Frau aus einem Gotteshaus zerren – ein schlimmes Bild!

Der Kernfrage auszuweichen ist aber auch keine Lösung. Räumen wir der staatlichen Justiz in unserer Demokratie jene Autorität ein, die ihr laut Verfassung zusteht? Oder sollen richterliche Entscheidungen eher Vorschlagscharakter haben, während die letzte Entscheidung vom sozialen Umfeld der Betroffenen gefällt wird, vom Gerechtigkeitsgefühl der Freunde, Gemeindemitglieder, Arbeitskollegen? Ich weiß, solche Fragen sind unangenehm. Aber wir werden einer Antwort nicht ausweichen können. Entscheiden heißt in diesem Fall verzichten. Auf die Autorität des Rechtsstaats oder auf die humanen Ansprüche des zivilen Ungehorsams. Daran hat sich seit Sophokles nichts geändert. Altmünster ist ein Klassiker.

Oberösterreichische Nachrichten, 26.2.2016 

Dienstag, 2. Februar 2016

Nachruf auf meinen Freund Walter Wippersberg

„Ich bin ein Schriftsteller, der, damit ihm nicht langweilig wird, gern Ausflüge in benachbarte künstlerische Gebiete macht.“ Das sagte Walter Wippersberg in einem Interview, das ich vor vierzehn Jahren mit ihm führte. Wir saßen an einem Sommertag im Garten des Hauses, das die Familie Wippersberg in Losenstein bewohnt. Seine Frau Tonja Grüner kam dazu, selbst Autorin und für Walter fast fünf Jahrzehnte lang eine loyale, empathische, hilfreiche Gefährtin.
Walter Wippersberg war damals noch gesund, ideenreich, voller Pläne. Kurz nach seinem sechzigsten Geburtstag erlitt er den ersten gesundheitlichen Knick. In den zehn Folgejahren gab es dann bessere und schlechtere Phasen, aber so ganz hat ihn die Krankheit nie mehr verlassen. Eine lästige Hausgenossin, mit der man sich eben abfinden muss. So empfand er es wohl.
Ich habe mich, als ich die ernste Aufgabe übernommen habe, diesen Nachruf auf meinen Freund zu schreiben, sofort an seinen Satz aus diesem lange zurückliegenden Interview erinnert, denn kein Begriff bezeichnet diese Künstlerpersönlichkeit treffender als „Vielseitigkeit“, einerseits seine Neugier auf so vieles, andererseits auch seine Fähigkeit, seine Zeitgenossen in verschiedenen künstlerischen Sprachen und Medien anzusprechen, zu berühren, zu provozieren: Drama, Roman, Essay, Zeitschrift, Hörfunk, Foto, Film.
Walter Wippersberg war Dramatiker, Autor von Theaterstücken und Hörspielen. Vom Medium Rundfunk führte sein Weg zum Film. Er schrieb Drehbücher, vor allem für das Fernsehen, unterrichtete Dramaturgie und Drehbuch an der Wiener Filmakademie, und seine Doku-Fake „Das Fest des Huhnes“ (1992) ist längst Kult geworden. Walter Wippersberg war aber auch ein lebhafter Erzähler. Vor allem seit den Siebzigerjahren, als seine Tochter Julia und sein Sohn Marcus noch Kinder waren, schrieb er eine ganze Reihe erfolgreicher Kinderbücher, unter anderem „Der Kater Konstantin“. In den späten Neunzigern publizierte er eine spannende Romantrilogie („Die Irren und die Mörder“, „Ein nützlicher Idiot“, „Die Geschichte eines lächerlichen Mannes“), die man als literarische Bestandsaufnahme zur politischen Lage Österreichs bezeichnen kann.
Damit spreche ich eine weitere Facette des Autors, Regisseurs, Filmemachers und Fotokünstlers Walter Wippersberg an. Ohne jemals eine politische Funktion anzustreben, verstand er sich explizit als politischer Mensch, der sich einmischte, dem Geist der Aufklärung verpflichtet. Man denke an seine vielen Essays und Reden. Ich erinnere auch an sein Engagement für den Steyrer Wehrgraben oder an seine führende Rolle in der Interessengemeinschaft der Autor/Innen.

Nicht zuletzt seinem Selbstverständnis als engagierter Zeitgenosse verdanken das „Neue Forum Literatur“ (zu dem neben Wippersberg Tonja Grüner, Margit Schreiner, Thomas Baum und ich gehören) und die Zeitschrift „99“ ihre erstaunlich hartnäckige Existenz. Am Sonntag hat Walter Wippersberg für immer Abschied genommen. Auf so vielen Seiten setzte der Vielseitige markante Akzente, an allen Ecken und Enden wird er uns fehlen. Als Künstler. Als Bürger. Als Freund.
(Oberösterreichische Nachrichten 2.2.2016)