Sonntag, 1. Dezember 2013

Volksschädling AHS-Lehrer!

Ich, Christian Schacherreiter, geboren 1954 in Linz, arbeitend daselbst, wohnhaft in Gallneukirchen, gebe zu Protokoll: Ich gehöre einer bösartigen, charakterlich minderwertigen Verschwörergruppe an, die das österreichische Bildungssystem in Geiselhaft hält und auf diese Weise jede Verbesserung verhindert. Ich gehöre zur terroristischen Gruppe der AHS-Lehrer und bin als AHS-Direktor ein Rädelsführer. Ich teile mit allen anderen meiner Berufsgruppe, besonders aber mit deren Gewerkschaftsvertretern, folgende Charaktermerkmale: Ich zeichne mich durch Obstruktion aus. Mir muss jeder Handgriff mit Euro aufgewogen werden. Ich bin blind für die Veränderungen der Gesellschaft und taub für nationale und internationale Bildungsexpertisen. Ich bin behaftet mit Standesdünkeln und stemme mich gegen jeden Modernisierungsversuch des Bildungssystems. Dass mein Image im Keller ist, verdanke ich mir und meiner Gewerkschaft. Ich neige zu Selbststigmatisierung und Wehleidigkeit und habe zurecht kein Sozialprestige. Ich verbringe meine Nachmittage privatisierend in den eigenen vier Wänden und arbeite, wie 74% der Österreicher bestätigen, weniger als andere Erwerbstätige. Ich lüge aber hinterhältig, wenn ich nach meiner Arbeitsbelastung gefragt werde, und will vor allem eines: mehr Geld. Immer mehr Geld! Ich bin besonders dünkelhaft und verhalte mich Pflichtschullehrern gegenüber ignorant. Ich habe aus Interesse an meinen Fächern und nicht aus Liebe zu den Kindern Deutsch und Geschichte studiert, aber der Hauptgrund, den Lehrberuf zu ergreifen, waren ohnedies die langen Ferien, in denen ich meinen Selbstverwirklichungstrips nachgehe. Dass die guten, fleißigen, unter harten Bedingungen arbeitenden Pflichtschullehrer zu so einem wie mir mittlerweile auf Distanz gehen, habe ich verdient! Ich bekenne mich schuldig und bin bereit, jede Art von Strafe anzunehmen.

Bei fast allen diesen Formulierungen handelt es sich um Originalzitate aus dem jüngsten Profil, in dem zwei wild gewordene Hauptanklägerinnen namens Christa Zöchling und Ulla Kramar-Schmid unter wohlwollender Duldung der Chefredaktion ihren Schauprozess gegen die AHS-Lehrer journalistisch in Szene setzen. Profil lesende Lehrer sind ja einiges gewöhnt, aber diesmal ist eine Grenze überschritten worden, die ich zur redaktionsinternen Aufarbeitung empfehlen würde. Pauschalierend und geifernd wird eine ganze Gruppe ohne jede sachliche Differenzierung als faule, dünkelhafte, veränderungsresistente, geldgierige Bande dargestellt. Welch seltsame Motive die beiden Journalistinnen antreiben, darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Jedenfalls greifen sie zu Mitteln der persönlichkeitszerstörenden Diffamierung und Hetze, wie sie in einschlägigen politischen Systemen des 20. Jahrhunderts und deren Medien gang und gäbe war. ("Mobbing" wäre als Begriff in diesem Fall zu harmlos.) In diese Strategie fügt sich auch das Titelbild hervorragend ein. Ich kenne keinen AHS-Lehrer, der so oder auch nur so ähnlich aussieht. Das Bild mag man als Karikatur rechtfertigen. Karikaturen sind aber Überzeichnungen des Realen. Diese "Karikatur" hingegen ist keine, denn sie konstruiert nur ein diffamierendes Kunstbild: bösartiger, halb vertrottelter Lehrertypus vor antiquiertem Bücherkasten. Schaut ihn euch an, so sieht er aus, dieser miese Volksschädling! - Ceterum censeo (dünkelhaftes Latein!): Es ist höchste Zeit, das profil-Abo zu kündigen!

Sonntag, 24. November 2013

Christian Rainer, der neue Stern am Schulexpertenhimmel

O glückliches Österreich, du hast schon wieder einen neuen Schulexperten, den Herrn Rainer vom Profil. "Schulzuweisung" nennt er seinen jüngsten Leitartikel. Ich bewundere wirklich die Dulderqualitäten meiner Kolleginnen und Kollegen, die noch immer das Profil abonniert haben. Was uns in dieser Postille in den letzten Jahren an Diffamierungen und unreflektiertem Bildungsgeschnatter zugemutet worden ist, passt ja mittlerweile in kein Konferenzzimmer mehr. Gut, zugegeben, die sind ziemlich klein.
Im ersten Teil seines Leitartikels verhöhnt Christian Rainer zuerst einmal ausgiebig die Leserbriefe schreibenden Lehrer unter den Profil-Lesern, also seine eigene Kundschaft (!), dann folgt ein bisschen Ans-Bein-Pinkeln wegen unseres angeblichen Halbtagsjobs - und gegen Ende sagt er uns antiquierten Schrullen, wo es eigentlich lang gehen müsste in der Schule. Das sind immer die interessantesten Abschnitte, weil sich in ihnen das ganze Ausmaß an "Expertentum" gnadenlos offenbart.
Selbst den Uraltausritt gegen den Frontalunterricht erspart uns Rainer nicht. Und statt Hauptstädten und Jahreszahlen will er Volkswirtschaft und Verfassungsrecht unterrichten lassen - und zwar ab der Volksschule. Guter Mann, sind Ihnen schon einmal real existierende Siebenjährige im wirklichen Leben erschienen? Und zum Thema Jahreszahlen und Städtenamen: Es wäre kompetenzförderlich für Journalisten, wenn sie, bevor sie den Mund zum Thema Geschichte- und Geografieunterricht gar so weit aufmachen, einen Blick in heutige Geografie- und Geschichte-Bücher riskieren würden. Aber Wirklichkeit stört die lieb gewordenen Ressentiments viel zu sehr. - Aber abgesehen davon, halten Sie es wirklich für so unsinnig zu wissen, dass Tokyo nicht die Hauptstadt von Mexico ist?
Zum Thema Latein, dem ja alle schneidigen Fortschrittsprediger mit mangelhaftem Kultur- und Sprachbewusstsein so gar nichts abgewinnen können: Latein, Herr Rainer, muss heute kein angehender Maturant mehr lernen, der es nicht lernen will. Informieren Sie sich über die Stundentafeln unserer Gymnasien. Und lassen Sie für Leute wie mich, die ihre altphilologische Gymnasialbildung zu schätzen wissen, bitteschön, dieses freiwillige Bildungsangebot bestehen. Es muss ja nicht alles sinnlos sein, was über das Fassungsvermögen eines österreichischen Redakteurs hinausgeht.
In der Oberstufe will Christian Rainer ein "philosophisches Verständnis" der Zahl unterrichten lassen anstelle der vielen verzichtbaren Dinge, mit denen man sich derzeit im Mathematikunterricht abquält. Na, großartig! Meinen Sie wirklich, dass man das an der TU und an den technischen FHs auch so sieht? - Kurzum, inferior, dieses Geschreibe! Aber man kann ja Konsequenzen ziehen. Profil ade!

Samstag, 9. November 2013

Interpretationen zu Klassikern - kostenlos!

Meine Interpretationen zu Klassikern der europäischen Literatur, die ich in den achtziger und neunziger Jahren im Auftrag des Pädagogischen Instituts, des Landestheaters Linz und des Adalbert-Stifter-Instituts Linz verfasst und in der Zeitschrift GERM (internes Medium der ARGE Deutsch an AHS in Oberösterreich) veröffentlicht habe, erfreuen sich großer Beliebtheit. Zwischen 80 und 140 Internet-Zugriffe am Tag verzeichnet meine Chronik. Es freut mich, dass diese Materialien zur Deutschdidaktik, die nirgendwo mehr in gedruckter Form erhältlich sind, auf diese Weise noch Leser/innen finden, die sie brauchen können. Als jüngste Publikation habe ich meine Interpretation zu  "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller zugänglich gemacht. Da ich für diese und andere Publikationen schon einmal bezahlt worden bin, aber die Rechte bei mir liegen, stelle ich sie gerne kostenlos zur Verfügung und freue mich über das rege Interesse daran. Dies entspricht auch einem meiner Grundanliegen: möglichst vielen Menschen anspruchsvolle Literatur durch Verständnishilfen zugänglich machen! - Im Internet findet man sehr viel Mangelhaftes und auch Falsches zu Klassikern wie Friedrich Schiller, veröffentlicht von bemühten, aber naturgemäß begrenzten Laien. Wahrscheinlich sind auch meine Veröffentlichungen nicht ganz fehlerfrei, aber ganz daneben liegt man bei mir sicher nie. Ich bin promovierter Germanist (siehe Biographie!).

Dienstag, 8. Oktober 2013

unterrichtsministerin heinisch-hosek?

Die Gerüchte, Frau Heinisch-Hosek werde die nächste Unterrichtsministerin, verhärten sich auffällig. Gymnasium, lass jede Hoffnung fahren! Frau Heinisch-Hosek wird den ideologischen Tunnelblick auf die Gesamtschule konsequent übernehmen und alle anderen Maßnahmen diesem Ziel unterordnen - mindestens so eisern wie Claudia Schmied. Was das qualitativ wirklich heißt, wird sie genauso wenig kümmern wie ihre Vorgängerin - Ich wäre begeistert, wenn sie mich widerlegen und beschämen würde!

Samstag, 5. Oktober 2013

Lesetipp Oktober: "Mortimer und Miss Molly" von Peter Henisch

Meine Rezension aus den Oberösterreichischen Nachrichten vom 25.9.

Es ist wieder allerhand Geglücktes erschienen in diesem österreichischen Literaturherbst, aber der Lorbeer für den besten Liebesroman der Saison ist Peter Henisch zu reichen. Er erzählt zwei Liebesgeschichten und setzt sie auf ziemlich raffinierte Weise zueinander in Beziehung. Aber nicht nur das. „Mortimer & Miss Molly“ ist nicht nur ein Roman über die Liebe, ihre Unberechenbarkeit, ihr Gelingen und ihr Scheitern, sondern auch ein anregender poetologischer Beitrag zum Thema Fakten und Fiktion – in der Literatur und im Leben.
Ach ja, das Leben! Es kümmert sich viel zu selten um unsere Pläne und trifft eigenwillige Entscheidungen. So bringt es am Beginn der achtziger Jahre eine Wiener Psychologiestudentin und einen angehenden Turnusarzt aus Turin aneinander heran – und zwar in San Vito, einem Örtchen in der südlichen Toskana. Die Toskana ist – rein liebesgeografisch betrachtet – ein ergiebiger Raum. Peter Henisch bereichert die Handlung mit allerhand Atmosphärischem, weicht aber der Gefahr von Landschaftskitsch und Stimmungskulisse elegant aus. Er vermeidet opulente Naturbilder zugunsten der impressionistischen Skizze, und wenn er vom guten Essen und Trinken in der Trattoria berichtet, vermeidet er die verbreitete Unart, gleich das ganze Kochrezept mitzuliefern.
Die Heldin heißt Julia, der Held heißt Marco, und die Genese ihrer Liebe folgt den Mustern, die wir „romantisch“ nennen. Dazu gehören nicht nur Leidenschaft, Erfüllung und Glück, sondern auch Gefährdungen, Missverständnisse und Irrtümer. Und der Großteil der Geschichte spielt in den achtziger Jahren, also im vordigitalen Kommunikationszeitalter. Da müssen zwischen Turin und Wien noch Briefe hin- und hergeschickt werden. Da gibt es keine Handys und keine Mails, sondern nur ein Festnetz und Telefonzellen.
Doch zurück nach San Vito. Im Hotel Albergo Fantini, einem Haus mit Geschichte, lernen Julia und Marco einen alten Amerikaner namens Mortimer kennen, der aussieht wie Ernest Hemingway und dem jungen Paar auch eine Liebesgeschichte erzählt, seine Liebesgeschichte. Sie beginnt im Sommer 1944, als Mortimer als junger Kampfflieger über San Vito abgeschossen wird und mit seinem Fallschirm in einem Renaissancegarten landet. Sein Treiben wird von einer englischen Gouvernante beobachtet, die den Fremden in ihr Haus nimmt, ihn mit Speis und Trank labt, ihn reinigt und bekleidet, als käme sie direkt aus dem Matthäus-Evangelium. Obwohl Miss Molly um 20 Jahre älter ist als der junge Soldat, entsteht eine ungewöhnliche Liebesbeziehung.
Da Mortimers Aufenthaltserlaubnis in Italien abgelaufen ist, verschwindet er, ohne seine Geschichte zu Ende zu erzählen. Julia und Marco wollen sich aber nicht mit der Exposition begnügen. Marco hat ohnedies eine ausgeprägte Leidenschaft für den Film, und so erzählen die beiden die Geschichte von Mortimer und Miss Molly als Drehbuch weiter und geben damit auch ihrer eigenen Liebesbeziehung einen ganz besonderen Reiz. Und so könnte alles sehr gut und sehr schön sein, wenn nicht das Leben immer wieder eigenwillige Entscheidungen träfe…


Peter Henisch: „Mortimer & Miss Molly“. Roman, Deuticke, 319 Seiten, 20,50 Euro

Montag, 23. September 2013

Lesetipp September: Daniel Kehlmann "F"

Christian Schacherreiter in den Oberösterreichischen Nachrichten vom 11.9.2013:

Daniel Kehlmann, einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren seit 1945, hat erneut ein Meisterstück abgeliefert. Ob sein neuer Roman „F“ die sagenhaften Verkaufszahlen von „Die Vermessung der Welt“ erreichen wird, ist zwar nicht vorhersehbar. Aber qualitativ steht „F“ auf vergleichbarer Höhe. Die Hauptakteure sind drei Brüder in einer nicht ganz alltäglichen Konstellation. Martin, der Älteste, stammt aus einer anderen Beziehung des Vaters als Eric und Iwan, die Zwillinge. Die drei Biografien könnten unterschiedlicher nicht sein. Martin wird katholischer Priester, Erec wird Vermögensberater, Iwan hingegen drängt es zur Malerei.
Jeder Stand hat seine Sorgen, jeder Stand hat seine Last. Martin glaubt nicht an Gott. Das verursacht ihm zwar keine Gewissensqualen, aber der Job im Pfarrhaus kann einem ganz schön auf die Nerven fallen, wenn die transzendentale Festigung fehlt. Zur Entspannung widmet er sich gerne dem guten Essen, und wir liegen wohl nicht ganz falsch, wenn wir uns Martin in den Dimensionen von Otfried Fischer vorstellen.
Der homosexuelle Iwan fühlt sich während seines Studiums plötzlich mit der Vermutung konfrontiert, nie über das Mittelmaß gefälliger Kunst hinauswachsen zu können, verzichtet auf die Künstlerkarriere und widmet sich – allerdings mit ungewöhnlichen Methoden – der Nachlassverwaltung des Werks von Heinrich Eulenböck. Erics Fassade duftet zwar nach Reichtum, Luxus und Erfolg. Dahinter stinkt es aber gewaltig. Das Vermögen eines anderen gegen die Wand zu fahren, nein, das ist kein Kavaliersdelikt.
Daniel Kehlmann beherrscht den Perspektivenwechsel und die Erzählung des inneren Erlebens ziemlich souverän, und er ist – das wissen wir spätestens seit „Ruhm“ – ein Meister der raffinierten Komposition. Es ist schon ziemlich elegant, wie er die Lebensfragmente der drei Brüder immer wieder zueinander in Beziehung setzt und sie an ein eher zwielichtiges Kernmotiv knüpft: an den (möglicherweise folgenschweren) Auftritt eines Hypnotiseurs, den Martin, Iwan und Erec gemeinsam mit ihrem Vater als Buben besucht haben. Man mag einwenden, dass Kehlmann in der Stretta die Verdichtung und Motivverknüpfung etwas zu virtuos anlegt – zugunsten der Spannung, zulasten des Realismus.
Aber letztlich geht es in diesem Plot nicht vorrangig darum, dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit gerecht zu werden, sondern um die Frage, auf welche Weise Zufall, Kausalität oder Schicksal jene Gemengelage hervorbringen, die wir unser Leben nennen. Beim Versuch einer zuverlässigen Erklärung stoßen wir bald an die Grenzen der Rationalität. Niemand weiß so recht, was ein Vorfall von heute übermorgen oder gar in einem Jahr bedeuten und bewirken könnte. Und wenn es ganz kurios zugeht, kann jemand auch auf die Idee kommen, Gott habe seine Hand im Spiel. Dass dieser Jemand in Kehlmanns Roman ausgerechnet ein Vermögensberater ist, hat einen besonderen Charme.

Daniel Kehlmann: „F“. Roman, Rowohlt, 380 Seiten, 23,80 Euro

Montag, 9. September 2013

Es geht doch um die Kinder!


Wenn das Schuljahr beginnt, häufen sich die öffentlich vorgetragenen Wortspenden zum Thema Schule, und der zeitgeistige Formel- und Propagandavorrat fliegt uns zum zwanzigsten Mal im Jahr um Augen und Ohren. Deckt sich der Schulanfang auch noch mit der Vorwahlzeit, potenziert sich das Ausmaß dieser Heimsuchung. An glanzvollen Ideen für die ganz andere Schule mangelt es nicht, und jeder wahlwerbende Zufallskandidat, der eine Art natürlicher Bildungsexperte ist, weil er selbst einmal zur Schule gegangen ist, versichert uns in berührendem Tonfall: Es geht doch um die Kinder!
Um die Kinder geht es zum Beispiel den Neos, die sich mehr Konkurrenz unter den Schulen wünschen, damit sich die Eltern, wie ich kürzlich gehört habe, „die beste Schule“ für ihre Kinder aussuchen können. Das Niveau der österreichischen Schuldiskussion leidet oft darunter, dass die Vorschläge nicht zu Ende gedacht werden. Man stelle sich einmal vor, wir wüssten, welche drei Schulen in Linz die besten sind. Dann hätten endlich alle Eltern die Möglichkeit, ihre Kinder dort anzumelden. Tausende Schüler besuchen dann die besten drei Schulen und alle anderen sperren wir zu. So einfach ist das.

In einem Interview sagte kürzlich Werner Faymann, das neue Lehrerdienstrecht sei unbedingt nötig, denn es sei „zum Besten unserer Kinder“. Ich gestehe, ich wusste nicht, dass die Schüler unter dem bestehenden Lehrerdienstrecht leiden. Aber wenn es so ist, dann freue ich mich, nächste Woche unseren Erstklasslern die erlösende Nachricht überbringen zu können: „Liebe Kinder, in Zukunft werden die Junglehrer nicht 20, sondern 24 Stunden wöchentlich unterrichten und auf Lebenszeit deutlich weniger verdienen!“ Na, da wird es aber einen Jubel geben! Was gibt es Schöneres als leuchtende Kinderaugen und ein befreites Jauchzen aus zarten Kehlchen!

Weil alle zum Schulbeginn so gute Ideen haben, möchte ich mich auch an diesem Kreativwettbewerb beteiligen. Hand auf’s Herz, liebe Kolleginnen und Kollegen, wir müssen es ja zugeben: Es gibt sie, die Lehrer, die für ihren Beruf ungeeignet sind, ihren Schülern, ihrem Chef und manchmal auch sich selbst zur Qual. Da die Hattie-Studie nachweist, dass die Lehrkraft der wesentliche Faktor für den Lernerfolg ist, und da man uns Schulmeistern immer rät, wir sollten uns ein Vorbild an der Wirtschaft nehmen, schlage ich vor, für diese Lehrer, die ihren Job verfehlt haben, aber aufgrund des Arbeitsrechts fest im Sattel sitzen, nach dem Vorbild der „Bad Bank“ eine „Bad School“ einzurichten.

Dort könnte man alle Kuriosa der Schulpädagogik sammeln – und hemmungslos unterrichten lassen. Als Publikum stelle ich mir natürlich nicht reale Kinder vor, sondern eher „Schülerdarsteller“. Wo soll man die hernehmen? Naja, da gibt es doch diese Idee, „freigestellte“ Postler in die Schulen zu versetzen. Bisher wussten wir ohnehin nicht so recht, was die dort tun sollen. Jetzt hätten wir ein verlockendes Anforderungsprofil: Schülerdarsteller in der „Bad School“. Und niemand sage mir, das sei zu teuer. Eine Bad School kostet nur einen Bruchteil dessen, was der Steuerzahler für die Rettung der Hypo Alpe Adria hinblättern muss, und der ist wahrscheinlich besser angelegt – denn es geht doch, bitte, um die Kinder!
(als Gastkommentar erschienen in den Oberösterreichischen Nachrichten am 6.9.13)

Freitag, 12. Juli 2013

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Im "Standard" von heute (12. Juli 2013) findet ihr eine unentbehrliche Lebenshilfe. Eine Telefonumfrage unter einigen hundert Österreicher/innen klärt euch darüber auf, ob ihr es schwer oder leicht habt im Leben. Wirklich toll die Aussagekraft dieser "Studie"! Besonders leicht haben es Abgeordnete, Beamte, Manager von Großunternehmen und Ärzte. Ganz schlechte Karten hast du, wenn du ein schwuler, alleinerziehender Kleinunternehmer mit Migrationshintergrund bist. Sehr leicht haben es auch Lehrer. Viel leichter als Pensionisten! Danke für diesen entscheidenden Hinweis, lieber Standard! Ich könnte ja 2016 in Pension gehen, aber ich werde es mir nicht unnötig schwer machen, sondern mein süßes, leichtes Dasein als beamteter Schuldirektor bis 2019 in vollen Zügen genießen. Was ich allerdings ein wenig fürchte, ist der berechtigte Neid aller Frühpensionisten auf mein Phäakendasein. Naja, Pech gehabt, Leute, da hättet ihr halt rechtzeitig den "Standard" lesen müssen, eine echte Qualitätszeitung!

Samstag, 15. Juni 2013

Leserbrief und Zentralmatura

In den OÖN ist am Freitag, 14.6.2013, meine Glosse zu einer Aufgabenstellung für die Deutsch-Matura 2013 erschienen. Ich mache ihn gerne auch auf meiner Homepage zugänglich:

Die Leserbriefschreibperformanzkompetenz

In der OÖN-Redaktion wird man sich warm anziehen müssen, wenn in absehbarer Zeit jene Maturantengenerationen, die schon die neue, die „kompetenzorientierte“ Reifeprüfung in Deutsch absolviert haben, ihre Leserbriefe schicken werden. Eine Aufgabe aus dem diesjährigen Versuchsangebot für die neue Deutsch-Matura fordert nämlich die Kandidaten dazu auf, einen Leserbrief in der Länge von 405 bis 495 Wörtern zu schreiben... – O Pardon, wir sagen jetzt nicht mehr „schreiben“, sondern „Schreibperformanz“. Das ist ein wesentlicher Teil der Reform. Lassen wir einmal offen, warum der Rahmen für diese – äh, Schreibperformanz ausgerechnet von den Zahlen 405 und 495 abgesteckt wird und nicht etwa von 403 und 492. Dieser Entscheidung ist sicher ein langer, durch eine interne und externe Evaluation abgesicherter Entscheidungsprozess vorangegangen.
Was schwerer wiegt als die Zahl als solche, ist die Länge, die da gefordert wird. Ein Leserbrief mit 450 Wörtern umfasst (inklusive Leerzeichen) mehr als 3000 Zeichen. Ein Leserbrief mit 3000 Zeichen und mehr hat in einer Tageszeitung ähnlich große Chancen auf ungekürzte Veröffentlichung wie der LASK auf den österreichischen Meistertitel in der Bundesliga. Das heißt, dieser Leserbrief geht von vornherein an den Gesetzen des Mediums vorbei, für das er geschrieben wird.
Liest man die Arbeitsaufgabe im Detail, wird einem auch klar, wie die Länge dieser wortreichen Schreibperformanz zustande kommt. Zunächst einmal fordert der Aufgabensteller den Maturakandidaten dazu auf, den Zeitungsartikel, auf den sich der Leserbrief bezieht, zusammenzufassen. Dann soll er sich kritisch mit den Inhalten dieses Artikels auseinandersetzen und letztlich auch noch begründen, welche Maßnahmen zur Energiewende in Österreich ihm selbst Erfolg versprechend erscheinen. Das ist ja bekanntlich ein ganz simples Thema, das in wenigen Sätzen locker zu bewältigen ist.
Die Befürworter der Zentralmatura betonen immer wieder, dass die neuen Prüfungsformate die Maturanten endlich mit jenen Kompetenzen ausstatten, die sie da draußen im Leben wirklich brauchen. Na fein, bloß wäre es dann sachdienlich, wenn die Aufgabensteller für die Deutsch-Matura einmal nachschauen, wie denn das wirkliche Leben aussieht, in diesem Fall sprechen wir von der Medienrealität.

In meinen Sprachbüchern für die Oberstufe rate ich den Schülern, die eigene Meinung im Leserbrief in etwa 150-200 Wörtern klar und pointiert zu formulieren. Daran hat kürzlich ein ministerielles Gutachten Kritik geübt. Gemessen an der Medienrealität hätte ich zwar Recht, aber die Aufgabenstellung bei der Zentralmatura verlange eine deutlich höhere Wortanzahl. Und darauf seien die jungen Leute vorzubereiten. Früher hieß das: Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir. Aber heute sind wir da viel moderner: Nicht für das Leben, sondern für die Schreibperformanz der Zentralmatura werden wir kompetent gemacht.

Montag, 13. Mai 2013

Christoph Hein: Vor der Zeit

Christoph Hein liest am Dienstag, 14.5.2013 im Stifter-Haus aus seinem neuen Buch "Vor der Zeit". Ich freue mich, diesen Abend moderieren zu dürfen, und lade dazu hertlich an. (Stifter-Haus Linz, 19.30 Uhr)

Heute ist in den OÖN meine Rezension erschienen:

Mythen sind Versuche, die Welt zu erklären. Sie kommen von weit her, aus vorwissenschaftlicher Zeit. Heute erklären wir uns die Weltentstehung zwar nicht mehr durch Götterkämpfe, sondern durch die Urknalltheorie. Und um das Leiden des Menschen an sich selbst nehmen sich Psychotherapeuten an, nicht die Schicksalsgöttinnen. Aber der Mythos ist nicht tot. Auch im wissenschaftlichen Zeitalter beweist er eine erstaunliche Überlebenskraft, denn Mythen sind oft fiktive Modelle des Lebens, nicht „wahr“ im Sinne des Realismus, aber erhellend für den Menschenforscher.
Der deutsche Schriftsteller Christoph Hein erzählt in seinem neuen Buch „Vor der Zeit. Korrekturen“ seine Versionen griechischer Mythen und leuchtet auf diese Weise Themen und Probleme unserer Epoche aus. In vieler Hinsicht haben sich die Menschen nicht verändert seit den Tagen Homers. Liebe, Gewalt, Betrug, Leidenschaft, Gier und Todesfurcht sind hartnäckige Begleiter.
Den inhaltlichen Schwerpunkt in „Vor der Zeit“ bildet der Sagenkreis rund um Troja: der mit wachsender Erbitterung geführte Krieg, die kriegsentscheidende List des Odysseus, seine Irrfahrten und seine Heimkehr. Am Beispiel des Odysseus macht Christoph Hein klar, dass zehn Jahre Kampf und zehn Jahre Abenteuer einen Menschen verändern. Als Odysseus heimkehrt, bleibt er sich fremd in dieser Zivilgesellschaft – bis er die Freier seiner Frau Penelope abschlachtet. Beim Töten fühlt sich Odysseus plötzlich wieder daheim.
Christoph Hein versteht es hervorragend, die Aktualität mythischer Stoffe ohne billige Modernisierungsgags erkennbar zu machen. In der Erzählung „Hades klagt an“ beschwert sich der Gott des Totenreichs über die medizinischen Künste des Asklepios. Allzu oft holt der mythische Arzt einen Totgeweihten vom Styx zurück und stört auf diese Weise die Ordnung der Götter. Hades verlangt von Zeus die Todesstrafe für diesen Mann, der möglicherweise den Menschen noch zur Unsterblichkeit verhilft und damit die Welt zur geriatrischen Anstalt umformt. Hades bekommt Recht, Asklepios wird in das Totenreich abberufen, setzt aber dort seine Medizinerexistenz fort!
Behutsam, aber umso wirkungsvoller setzt Christoph Hein das Mittel der Ironie ein, so etwa, wenn Zeus bekennt, wie sehr ihm diese dummen Orakel auf die Nerven gehen. Wären da nicht die lukrativen Nebeneinnahmen für die Götter, denen die Orakel geweiht sind, hätte er sie schon längst verboten. Ob er aber für diesen Wirtschaftszweig alle Freiheiten der Marktwirtschaft gewähren soll, bleibt umstritten. In der Erzählung „Die schöne Helena“ – und nicht nur dort – dekonstruiert Hein das Mythische. Vier Versionen sind überliefert, eine poetischer als die andere, aber letztlich bleibt die nüchterne Erzählung von einer Frau, die nach ihrer Rückholung in Sparta alt und älter wird – und einsam stirbt.

Christoph Heins „Vor der Zeit“ ist ein sehr gescheites und stilistisch sehr schönes Buch, ein großartiges Beispiel für die kreative Weiterarbeit am guten, alten Mythos.

Christoph Hein: „Vor der Zeit. Korrekturen“, Insel Verlag, 185 Seiten, 20,60 Euro

Donnerstag, 9. Mai 2013

Goethe über Ratschläge

Ich erzählte sodann“, schreibt Eckermann in seinen Gesprächen mit Goethe, „von dem Brief eines jungen Militärs, dem ich nebst anderen Freunden geraten hatte, in ausländische Dienste zu gehen, und der nun, da er die fremden Zustände nicht nach seinem Sinne gefunden, auf alle diejenigen schilt, die ihm geraten. ‚Es ist mit dem Ratgeben ein eigenes Ding,‘ sagte Goethe‚ 'und wenn man eine Weile in der Welt gesehen hat, wie die gescheitesten Dinge mißlingen und das Absurdeste oft zu einem glücklichen Ziele führt, so kommt man wohl davon zurück, jemandem einen Rat erteilen zu wollen. Im Grunde ist es auch von dem, der einen Rat verlangt, eine Beschränktheit, und von dem, der ihn gibt, eine Anmaßung. Man sollte nur Rat geben in Dingen, in denen man selber mitwirken will. Bittet mich ein anderer um guten Rat, so sage ich wohl, daß ich bereit sei, ihn zu geben, jedoch nur mit dem Beding, daß er versprechen wolle, nicht danach zu handeln.' “

Donnerstag, 18. April 2013

Geht's wieder, Herr Brusatti?


Der Wiener Musikwissenschafter und Radiomoderator Otto Brusatti (Ö1) hat in „Die Presse“  (16.4.2013) mit der ganz großen Pranke zum Rundumschlag gegen das Linzer Musiktheater ausgeholt. „Man wirft Österreich – Linz! – ein neues Opernhaus mit allen Stückeln vor“, höhnt und schimpft er. „Linz!“ Ausgerechnet dieses Linz (!) als Standort für ein Opernhaus! Mein Gott, so einen Missgriff muss man sich erst einmal vorstellen. Aber weil Otto Brusatti ein großzügiger Mensch ist, gönnt er den schlichten „Leuten in Linz und Umgebung“ ihren „Eventschuppen“. „Meinetwegen“, sollen sie ihn halt haben, denn was anderes als Events können sie dort wahrscheinlich eh nicht auf die Beine stellen, diese „Leute in Linz und Umgebung“, im Klartext: diese Provinzdeppen. Das hat man ja schon bei der Eröffnung gesehen.
Diese Eröffnungsfeier mit „Politik, Adabeis, angeblichen Kulturträgern“! Laut Otto Brusatti war sie „widerlich wie vor 60 oder 120 Jahren“. Und der zweite Teil der Eröffnung, der für’s Volk? Ein „Unter-sich-bleiben wie bei den gnadenspendenden Feudalstaaten“, mit „Gratisfraß“, aber „ohne feine Kleidung“. Und was gab’s noch bei der Eröffnung? „Eine katalanische Seltsam-Truppe, die offenbar mittels des Parsifal den Cirque du Soleil parodierte“. Kurzum, das war der nächste Dreck.
Na, und die Oper von Philipp Glass? – Ich bitte Sie! Ein musikalisches Nichts. Der komponiert doch „wie niemand sonst mehr (außer offenbar in Linz)“, ein Klang „wie vor 25 Jahren“, eine „voll austauschbare Minimal-Oper“, und dann auch noch mit einem Text von Handke, „ein Text?, der lieber hier nicht kommentiert wird.“ Und die Inszenierung? Was bekommt man von der Bühne herunter zu hören? „Herumgebrülle, sprachverhunzend.“ Ach ja, und zur Draufgabe das „scheußliche Husten“ dieses Anti-Publikums, das hört man auch noch. Ö1 übertrug diese Totalmisere auch noch und „bewies damit nur die Lächerlichkeit der Sache.“ Man stelle sich vor, Ö1! Die edle Stimme von Otto Brusatti und die Linzer Husterei, ausgestrahlt vom selben Sender!

So steigert sich Otto Brusatti in seinen zornigen Verbalrausch der Musiktheater-Beschimpfung und Linz-Verhöhnung hinein, der Thomas Bernhard entlehnt sein könnte, wenn er stilistisch besser wäre. Letztlich fuchtelt er sogar noch mit der dicken Faschismus-Keule herum, denn der „Eventschuppen“ ist auf den „Adi-Hitler-Lieblingsgründen“ errichtet worden. Lieber Herr Brusatti, beruhigen Sie sich doch. Achten Sie auf ihren Puls und Ihren Blutdruck. Das alles mag ganz schlimm sein für Sie, aber glauben Sie mir, so schlimm ist es in Wahrheit nicht. Sie sind ja in Wien in Sicherheit. Dort können sie ungeniert und stressfrei Ihre Ressentiments gegen die oberösterreichische Provinz äußerln führen. Linz ist nicht ansteckend. Es mag noch so tief und niveaulos zugehen bei uns, Sie bleiben die überragende Lichtgestalt, die Sie nun einmal sind. Ein bisserl weniger Schaum vor dem Mund hätte also auch gereicht. Geht’s jetzt wieder, Rumpelstilzchen?

(Als Leserbrief, etwas gekürzt, erschienen in Die Presse, 18.4.2013)

Montag, 25. März 2013

Literatur Interpretationen

Von 1988 bis 2000 leitete ich in Oberösterreich die Landesrbeitsgemeinschaft für Deutschlehrer/innen und erarbeitete viele Materialien zu literarischen Werken, vor allem zu Theaterstücken. Dieses Material - die Publikation hieß GERM - lümmelt seit Jahren auf meinem PC herum, obwohl vieles nach wie vor braucbbar ist. So nach und nach werde ich die Materialien sichten und auf meiner Homepage zur Verfügung stellen. Ist ja irgendwie schade drum! - Heute habe ich einiges zu "Der gute Mensch von Sezuan" als eigene Seite veröffentlicht. Ich glaube zwar nach wie vor, dass Brecht ein Scheinproblem behandelt, trotzdem ist das Stück interessant. Schon die Ausgangssituation, die Darstellung der Götter, ist grundfalsch. Keine Religion dieser Welt, vor allem nicht die christliche, verlangt völlige Selbstaufgabe von einem "guten Menschen". Schon die mosaische Formel "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" bringt den Anspruch an Altruismus auf den Punkt und in das rechte Maß: Wenn du dich selbst damit ruinierst, musst du nicht die anderen retten! - Was Shen Te betreibt, verlangt naturgemäß Shui Ta als Korrektiv. Und das ist auch moralisch in Ordnung.

Samstag, 9. März 2013

Feministischer Konservatismus

‎'Ich stehe zu meinem 70er Jahre Feminismus. Es ist kein besserer nachgekommen. Schlecht ist nur, dass so wenig weitergegangen ist!' Yeah. Danke Elfriede Hammerl. (Menschen&Mächte, ORF 2, 6. März). Das ist ein Facebook-Zitat von Sonja Ablinger. Und ich denke mir: Nur der Feminismus kann sich eine dermaßen "konservative" Ansage leisten. In welchem anderen Segment des gesellschaftspolitischen Diskurses wäre es möglich, ungestraft so etwas zu sagen: Ich bin in den siebziger Jahren stecken geblieben, weil seither nichts Besseres nachgekommen ist. - Damit kein Verdacht aufkommt: Ich bin seit meiner Studienzeit ein (kritischer) Sympathisant des Feminismus, aber gerade im Bereich Genderforschung hat sich seither sehr viel getan. Als Pädagoge, der für Mädchen UND Burschen zuständig ist, kann ich es mir gar nicht leisten, im Stahlhelm-Feminismus der siebziger Jahre einzufrieren. Damals, in der Pionierphase, mag das alles verständlich gewesen sein, aber zu sagen, dass so wenig weitergegangen wäre, kann ich nur als Wirklichkeitsverdrängung betrachten. Es hat sich glücklicherweise sehr viel zugunsten der Frauen verändert. Frau Hammerl und Frau Ablinger wäre ein wenig mehr Realitätswahrnehmung zumutbar.

Samstag, 16. Februar 2013

Papst Benedikt tritt ab


Hut ab vor diesem Reaktionär!


Ich bin Katholik, aber ich bin alles andere als ein Anhänger von Papst Benedikt XVI. Trotzdem würde ich sehr gerne vor ihm einen Hut ziehen, den ich leider nie trage: Benedikt verdient unseren Respekt dafür, dass er zurückgetreten ist. So wie alle Menschen in führenden Positionen, die ehrlich sagen: Ich bin zu müde, zu schwach, zu wenig gesund, um diese verantwortungsvolle, schwierige Aufgabe zu bewältigen. Jahrhunderte sind vergangen, bis wieder einmal ein Papst so uneitel, so ehrlich und selbstlos war, seinen Rücktritt zu erklären.
„De mortuis nihil nisi bene“ („Man sage über Tote nur Gutes“), lautet eine lateinische Weisheit, die bis heute eine gewisse Wirksamkeit behauptet, auch in atheistischen Milieus. Indem Papst Benedikt sein Amt zu Lebzeiten zurücklegt, ermöglicht er auch für pietätvolle Menschen die Kritik an seiner Amtsführung – und nichts ist an ihm so sehr zu loben wie dies. Denn vom Standpunkt eines aufgeklärten Christentums ist zu seiner Kritik vieles anzumerken. Benedikt war ein durch und durch reaktionärer Papst – nein, nicht nur konservativ, sondern wirklich reaktionär.

Er hat an zu vielem festgehalten, das die Kirche ins gesellschaftliche Abseits drängt. Vor allem an einem überholten Frauenbild und an einer realitätsfremden Einstellung zur Sexualität. Dass Frauen nicht zum Priesteramt zugelassen werden, war nie ein christliches Prinzip, sondern nur die Auswirkung patriarchalischer Gesellschaftsstrukturen auf die sehr weltliche Institution Kirche. Es ist untragbar, dass die Gesellschaft Gleichberechtigung der Geschlechter ermöglicht und fördert, während die Kirche an den diskriminierenden Strukturen der Vergangenheit stur und verbissen festhält. Eigentlich sollte es ja umgekehrt sein, denn das Christentum war in seinem Ursprung eine undogmatische, in Ansätzen humanistische Reformbewegung.
Nicht erst seit der Aufdeckung der Missbrauchsskandale weiß man, welch katastrophale Auswirkungen die rigide katholische Sexualmoral auf viele Menschen hatte. Die Kirche hat die Sexualität, die elementar zum Menschen gehört, dämonisiert und verteufelt. Sie hat den Priestern das Sexualleben untersagt. Sie hat die Bedürfnisse vieler, vor allem junger Menschen, zur Sünde erklärt. Sie hat Menschen mit homosexueller Orientierung lebenslange Askese auferlegt. Sie hat auf diese Weise viele Menschen verloren, die den zentralen Grundsatz des Christentums, das Liebesgebot, nie verraten haben.

Benedikt XVI. hat die Barrieren gegen ein modernes, aufgeklärtes Christentum nicht beseitigt. Gewiss, das wäre auch schwierig. Aber er hat es nicht einmal versucht, ganz im Gegenteil. Er hat die maroden Gespenster der Vergangenheit gehätschelt. Die katholische Kirche zeigt in sozialen und ökologischen Fragen, wie wichtig sie für die Welt sein kann. Das neue Pontifikat wird aber auch an anderen Dingen zu messen sein: an seinem Umgang mit Frauen, an seiner Dialogfähigkeit mit anderen Religionen (auch mit der atheistischen), und an einer neuen Sexualmoral, deren Hauptkriterium nichts anderes ist als der Respekt gegenüber dem Mitmenschen. Man könnte ganz unbesorgt von Liebe sprechen!
(Oberösterreichische Nachrichten, 12.2.2013)

Dienstag, 22. Januar 2013

Buch oder Film?

Ringvorlesung: Reading/Writing literacy und media literacy


Die WELT ALS BUCH – ODER DOCH ALS FILM?


Christian Schacherreiter


PH der Diözese Linz (15-01-2013)

Den Text des Vortrags finden auf einer eigenen Seite dieser Homepage

Dienstag, 8. Januar 2013

Ein anderer Tatort

Am Sonntag, dem 6.Jänner, lief ein neuer "Tatort" mit dem sehr guten Ermittler-Duo Ritter/Stark. Im Unterschied zu den unsäglichen Drehbüchern, die den jeweiligen Kriminalfall an eine menschliche Beziehungstragödie der Ermittlerfigur knüpfen, damit einen unerträglich künstlichen Plot und einen äregrlichen Übergenuss an Sentimentalität schaffen, war das wieder einmal ein erfreulich "klassischer" Krimi. Spannung war von der ersten bis zur letzten Minute gewährleistet - und zwar nicht durch Verfolgungsjagd und Hintergrundgewummer, sondern durch ein starkes Drehbuch und hervorragende schauspielerische Leistungen - bis in Nebenrollen. Wenn dazu noch eine sensible Regie und Kameraführung kommen, weiß man, was niveauvolle TV-Unterhaltung sein kann.

Samstag, 5. Januar 2013

Über Liessmanns Lob der Grenze


Notwendige Bücher sind solche, die Dogmen des öffentlichen Diskurses einer kritischen Prüfung unterziehen. Ein Dogma des Fortschrittsdiskurses lautet: Grenzen müssen aufgehoben werden, weil sie uns behindern, unsere Freiheit einengen, unsere Entfaltungsmöglichkeiten und Entwicklungschancen hemmen. Diesem Dogma setzt Konrad Paul Liessmann sein „Lob der Grenze" entgegen, ein notwendiges Buch, das zu differenziertem Nachdenken einlädt.

Der Wiener Kulturphilosoph analysiert Segen und Fluch der Grenze in ganz verschiedenen Bereichen. Unter anderem erläutert er das Thema im Hinblick auf klassische philosophische Fragestellungen. Was ist der Mensch? Wo liegt die Grenze zum Tier? Warum sind wir mit den Grenzen des Menschen unzufrieden? Und ist es immer sinnvoll, diese Grenzen zu erweitern? Der Traum vom vollkommenen Menschen hat schon in der Vergangenheit viel Unheil angerichtet. Nicht nur religiöse Eiferer wollten den Menschen ganz anders haben, als er nun einmal ist, auch totalitäre politische Ideologien machten ihre Bilder vom vermeintlich besseren Menschen zum pädagogischen Pflichtprogramm. Die sozialen Umerziehungsprogramme sind mittlerweile in den Hintergrund getreten, aber die Genforschung liebäugelt mit der genetischen Programmierung eines verbesserten Menschengeschlechts.

Das Thema „Grenze" ist in mehrfacher Weise ein politisches Thema. Konrad Paul Liessmann fragt, was denn von jenen Propagandisten der Marktfreiheit zu halten sei, die alle Eingriffe des Staates in die Wirtschaft als unzulässige Grenzüberschreitung ablehnen, aber die Ersten sind, die sich in der Krise um staatliche Bürgschaften anstellen. Und wo sind überhaupt die Grenzen staatlicher Machtausübung anzusetzen? Der Rechtsstaat setzt Grenzen, um den Bürgern Sicherheit zu gewährleisten. Aber wie viel Sicherheit braucht der Mensch? Wollen wir wirklich die totale Kontrolle, um auch noch das letzte bisschen Restrisiko einer terroristischen Aggression von uns abzuwenden?

Aktueller denn je ist das Thema Grenzziehung im gegenwärtigen, von der Krise heimgesuchten Europa. Hätte man gegenüber Ländern wie Griechenland schon früher Grenzen ziehen müssen, und was würde passieren, wenn wir sie in naher Zukunft zögen? Liessmann erläutert das europäische Problem auch unter einem anderen, oft vernachlässigten Aspekt. Er differenziert zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft. Europa ist nicht Gemeinschaft im Sinne eines organisch gewachsenen, emotional besetzten Heimatgefühls, sondern ein rationales Konstrukt. Das macht zwar die Funktion der EU durschaubar, erschwert aber für viele die emotionale Identifikation.

Alles hat seine Grenzen, zweifellos auch das menschliche Leben. Den letzten der zwölf Essays widmet Liessmann den Grenzen zwischen Leben und Tod, zwischen Jugend und Alter. „Lob der Grenze" hat wieder alle Qualitäten, die wir an Liessmanns Büchern schätzen: relevante Themen, stringente Argumentation und einen wunderbar klaren, durch elegante Ironie bereicherten Stil.

Konrad Paul Liessmann: „Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft", Zsolnay Verlag, 200 Seiten, 19,50 Euro