Donnerstag, 25. Oktober 2012

Tatort - der politisch korrekte TV-Krimi

Am 25.10. lief  auf WDR ein älterer Tatort - Kölner Ermittlerduo Schenk und Ballauf (starkes Team!). Das ist eine wirklich idealtypische Folge. TATORT ist nämlich das Medienprodukt des guten Deutschen, politisch korrekt bis in das letzte Detail. Worum geht es? Da sitzt einer in der Psychiatrischen, der im Affekt einmal eine Frau getötet hat. Jahre später wird er wieder solch eines Tötungsdelikts verdächtigt. Aber die Sache liegt ganz anders. Nicht er ist der Täter, sondern sein Anwalt! Motiv Eifersucht. Die Frau des Anwalts, auch eine Anwältin (aber eine moralisch gute - natürlich, als Frau!) hat sich nämlich in den Straftäter verliebt. Das Happy end: Der wahre Täter, also der eifersüchtige Anwalt, wird überführt - und das glückliche neue Paar (Anwaltsgattin und nun entlassener Häftling) laufen einer wunderbaren Zukunft entgegen. - Wie viel Kitsch politische Korrektheit hervorbringen kann, ist schon sehr eindrucksvoll. Das würde ich gerne einmal genauer analysieren: Politische Korrektheit als Kitschquelle. Ein wichtiger Teilaspekt dabei ist die Aggression des Drehbuchs gegen den wohlhabenden Mittelstand. Häufig kommt der Mörder aus dieser sozialen Schicht, obwohl in der Realität kaum einmal ein Mörder aus dem gehobenen Mittelstand kommt. Wenn man Fernsehkrimis in Schubladen legt, in denen schon Parteien liegen, dann gehört der TATORT eindeutig in die sozialdemokratische Schublade.

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Ich darf auf meinen Artikel zur neuen Reifeprüfung hinweisen, den "Die Presse" am Montag dieser Woche freundlicherweise veröffentlicht hat.


http://diepresse.com/home/bildung/schule/1303796/Gastkommentar_Keine-Wirkung-ohne-Nebenwirkung



Sonntag, 7. Oktober 2012

Die Jüdin von Toledo

Im Landestheater Linz gibt es in dieser Saison eine sehenswerte Inszenierung von Grillparzers Drama "Die Jüdin von Toledo". Da ich Franz Grillparzer für einen großartigen, aber aufgrund seiner Sprache für die heutige Zeit aschwer zugänglichen Autor halte, möchte ich für interessierte Zeitgenossen eine Verständnishilfe anbieten. Man findet sie auf den Seiten meiner Homepage unter "Die Jüdin von Toledo"

Bildungsfortschritt durch Uniformierung?

Man erwartet sich jetzt große Fortschritte im Bildungswesen durch Standardisierung, Zentralisierung und Normierung. Die bescheidenen Vorteile dieser Entwicklung dürften aber hinter den Nachteilen weit zurückbleiben. Als Autor von Schulbüchern für den Deutschunterricht bekommt man zu spüren, dass individuelle, kretive Konzepte nicht mehr geschätzt werden. Wenn ein Schulbuch von den Gutachtern des Ministerium approbiert werden soll, muss es in erster Linie einförmigen, "kompetenzorientierten"  Formaten in der Aufgabenstellung entsprechen. Die Inhalte sind sekundär, die Vielfalt ist tertiär. Ein breites Spektrum von Texten mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden wird meist unterbunden, weil alle alles nach denselben Handlungsanweisungen erfüllen sollen. Die Schüler/innen müssen bei jedem Denk- und Arbeitsschritt durch ein enges Korsett an Handlungsanweisungen (Operatoren) angeleitet werden, sind diese nach den Kriterien eines vorformulierten Erwartungsprofils erfüllt, kann der Lehrer eine "Kompetenzliste" abhaken und eine angeblich objektive Beurteilung erstellen. Schulbücher, Unterricht und Schülerkompetenz erhalten dadurch den Charakter einer fabrikmäßig hergestellten Ware - jedes Stück mit gleicher "Qualität" und Gestalt. Konrad Paul Liessmann nennt das sehr treffend die "Industrialisierung der Bildung". Auch wenn sich die Erfinder der Kompetenzorientierung und Standardisierung manches nicht so vorgestellt haben, wie es derzeit läuft, der Keim dazu ist im normierenden Ansatz einfach angelegt, und in der Hand von Menschen ohne pädagogische Vernunft wird das normative Prinzip zum Hauptprinzip. Sitzen sie an Machtpositionen im Bildungswesen, verwelken unter ihren Händen Vielfalt, Originalität, Kreativität und Individualität. Es wird aber noch Jahre dauern, bis dieser verhängnisvolle Trend kritisch hinterfragt und wieder abgedreht werden wird.

Sonntag, 29. Juli 2012

Beschneidung und Aufklärung

Der mediale Wirbel um die Beschneidung ist zwar ziemlich überzogen, wenn man das Problem mit anderen Verletzungen der menschlichen Integrität vergleicht, die tagtäglich weltweit passieren. Ungeachtet dessen - und bei aller Sympathie für ungestörte Religionsausübung - halte ich aber solch einen Eingriff schon für eine Verletzung der Integrität. Man kann diesen Vorgang nur bedingt mit der christlichen Taufe vergleichen, die ein symbolischer Akt ist, der zwar spirituelle Spuren hinterlassen soll, aber keine körperlichen oder psychischen Spuren hinterlässt. Die Beschneidung hatte ursprünglich - so wie manche religiöse Ernährungs- oder Kleidungsvorschrift - pragmatische Hintergründe. Wenn in der Wüste Wassermangel herrscht, ist die Sauberkeit des Gliedes ein heikles Thema. Die Substanz, die sich zwischen Vorhaut und Eichel ansammelt, ist vom medizinischen Standpunkt aus schädlich für die Frau, hat mir ein Arzt erklärt. In den meisten Ländern, schon gar nicht in den europäischen, ist aber dieses Problem vorhanden. Daher besteht für die Beschneidung kein pragmatischer Grund mehr. Wascht euch den Pimpel ordentlich, liebe Geschlechtsgenossen, das genügt! Was also bei der Beschneidung übrig bleibt, ist nur das formale Ritual.
Sollte ein Mann die Beschneidung vornehmen lassen wollen, kann er das ja das aufgrund eigener Entscheidung immer noch machen. Knaben solch einen Eingriff aufzuzwingen, lehne ich ab. Weder der jüdische noch der musilimische Gott machen ihre Sympathie für einen Mann davon abhängig, ob dieser beschnitten ist oder nicht. Ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass mir das Himmmelreich verwehrt bleibt, weil ich meine Vorhaut nicht rechtzeitig losgeworden bin.
Zu dieser rationalen, aufgeklärten Sicht der eigenen religiösen Traditionen (sei es die Beschneidung oder anderes) müssten sich alle Religionsgemeinschaften endlich einmal durchringen. Damit stehen wir beim Thema Beschneidung wieder einmal vor demselben Problem, vor dem wir häufig stehen im religionskritischen Diskurs der Gegenwart: Religion soll die Belästigung der Aufklärung nicht verweigern.

Sonntag, 3. Juni 2012

Vermessung der Schulwelt (ungekürzt)


In den OÖN vom 1.Juni ist mein Kommentar "Die Vermessung der Schulwelt" in gekürzter Version erschienen. Das ist leider bei Tageszeitungen nicht zu vermeiden (also kein Vorwurf an den Redakteur!). Die ungekürzte Fassung mache ich hier zugänglich:

Wir haben sie hinter uns, die erste flächendeckende Standardmessung der österreichischen Bildungsgeschichte. Ihr Gegenstand war die Mathematik, ihre mediale Begleitmusik ist laut, ihr Erkenntniswert wird bescheiden sein. Viel bescheidener als der finanzielle und organisatorische Aufwand, den wir da betreiben und sicher noch so lange betreiben werden, bis die verantwortlichen Bildungspolitiker und die in ihrem (gut dotierten) Sog agierenden „Experten“ mutig und ehrlich genug sein werden, um einzugestehen: So bringt das nichts.
Ja, auch ich habe in der Woche vor der Standardmessung noch an unsere vierten Klassen appelliert, sich auf die Testung mit Ernst einzulassen und – bitte, bitte! – drei Dinge mitzubringen: Geo-Dreieck, Zirkel, Taschenrechner. Unsere Schülerinnen und Schüler waren, so sagen zumindest die Testleiter, fair zu uns. Obwohl die Testung für sie weder individuelle Vorteile noch Nachteile hat, waren die meisten mit dem vom Direktor beschworenen Ernst bei der Arbeit. Dafür danke ich ihnen.

Meine erste Meinungsumfrage bei den Schülerinnen und Schüler hat ein gleichförmiges Bild ergeben: Sie waren erstaunt über die niederen Anforderungen, die meisten waren schon nach der Hälfte der Testzeit fertig. Ich vermute, dass in vielen Gymnasien ein ähnlicher Eindruck entstanden ist. Dort, wo es anders gelaufen ist, wird man auch nicht besonders überrascht sein. Man kennt ja die hauseigenen Probleme. Wie gesagt, der Erkenntniswert für die Schulen ist bescheiden, aber die mediale Begleitmusik wird nach der Veröffentlichung der Ergebnisse im Dezember noch lauter sein als jetzt, und die Bildungspolitik wird vor allem eines tun: die Ergebnisse als „wissenschaftliche“ Bestätigung der eigenen Bildungsideologie verkaufen.

Es gibt tatsächlich gute Gründe, die Testergebnisse nicht im Detail zu veröffentlichen. Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern, zum Beispiel aus England und Norwegen, haben gezeigt, dass Rankinglisten für den Bildungssektor kontraproduktiv sind. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen, unter denen an unterschiedlichen Schulstandorten gearbeitet wird. Man kann weder eine Hauptschule noch eine „Neue Mittelschule“ in Wien-Favoriten mit dem Akademischen Gymnasium in Salzburg vergleichen. Das leuchtet jedem ein, dessen Gehirn nicht vom Gleichheitswahn umnebelt ist. Allerdings darf man dann auch die Frage stellen, welchen Sinn es hat, dass beide Schulen denselben mathematischen Leistungstest durchführen.
Wie immer die Testung ausgehen wird, Ministerin Claudia Schmied wird ganz sicher aus dem Ergebnis „wissenschaftlich“ ableiten, dass die Neue Mittelschule die einzig zukunftstaugliche Schulform ist und dass die AHS-Unterstufe augenblicklich aufgelöst werden muss. Die Assistenz von Bernd Schilcher & Co. ist ihr bei dieser messerscharfen Analyse gewiss, und sicher wird sich auch der in der Rolle des „Bildungsexperten“ dilettierende Hannes Androsch wieder zu Wort melden (sofern ihm bis dahin jemand den Unterschied zwischen Ganztagsschule und Gesamtschule erklären kann).

Dennoch, ich muss meine Scheltrede relativieren. Eine interessante Erkenntnis habe ich aus der Standardtestung schon gewonnen: Das Problem war nicht die Mathematik, das Problem bestand für einige Schüler darin, Geo-Dreieck, Zirkel und Taschenrechner mitzubringen – trotz intensiver Appelle. Immerhin, bildungswissenschaftlich nicht ganz irrelevant, diese Einsicht.

Sonntag, 8. Januar 2012

Evelyn Schlag im Stifterhaus

Am Dienstag, dem 17. Jänner, liest Evelyn Schlag im Stifterhaus Linz aus ihrem jüngsten Roman "Die große Freiheit des Ferenc Puskas". Die Lesung steht in der Reihe Lesethemen-Lebensthemen, die ich für die OÖN und das Stifterhaus betreue und moderiere. Das Thema von Schlags Roman ist die Herausforderung der Integration für Migranten, dargestellt an einem Beispielfall aus der fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Als Gesprächspartner für Frau Schlag habe ich Gunther Trübswasser (SOS Menschenrechte) eingeladen. Hier meine OÖN-Rezension aus dem Vorjahr zur Information:


"An einer aufgelassenen Tankstelle südlich von Wien begegnen einander zwei Männer, vielleicht zufällig, vielleicht auch nicht. Der eine ist der Rechtsanwalt Valentin Görtz, der andere, anscheinend verwirrte, heißt László Földesch. Das ist der Einstieg in eine spannend erzählte Romanhandlung, die den Zeitraum von 1956 bis 2008 umfasst. In der ungarischen Grenzstadt mit dem unaussprechbaren Namen Mosonmagyaróvár kommt es im Zusammenhang mit dem Aufstand gegen die kommunistische Regierung 1956 zu Unruhen. Mitbeteiligt ist István Földesch. Als die Niederlage der Aufständischen offenkundig ist, beschließt István gemeinsam mit seiner Frau Etelka und dem Söhnchen László über die grüne Grenze ins neutrale Österreich zu fliehen.

Die Flucht gelingt, und durch Österreich-Kontakte von Etelkas Vater bekommt das Ehepaar Földesch Arbeit und Wohnung im Molkereibetrieb Wickendorf. Was sich nach überstandener Flucht zunächst einmal als Glücksfall darstellt, wird sich in weiterer Folge als Problemfall erweisen. Und das liegt nicht nur daran, dass István eine seltsame Blockade hat, gut Deutsch zu lernen, während sich Etelka in der neuen Umgebung sofort gut zurechtfindet. Die Sprache und die damit verbundene Erfahrung von Fremdsein und Beheimatung ist eines der Hauptmotive in Evelyn Schlags neuem Roman „Die große Freiheit des Ferenc Puskás“.

In einer analytischen Erzählstrategie legt die österreichische Autorin gekonnt jene Handlungsfäden aus, die eines Tages dazu führen werden, dass László Földesch Valentin Görtz fragen wird, welche Rolle dessen Vater in einem dubiosen Konflikt vor einer Wiener Bar gespielt haben könnte. Die politischen Ereignisse sind zwar Ausgangspunkt und Ursache des Geschehens, aber nicht Hauptthema. So wie auch der ungarische Fußballstar Ferenc Puskás nur indirekt und am Rande mit der Handlung zu tun hat. „Die große Freiheit des Ferenc Puskás“ ist eher eine Ehe- und Familiengeschichte im Kontext der Emigration. Die Qualität des Romans besteht unter anderem darin, dass Evelyn Schlag ein feines Sensorium für die Komplexität und Unberechenbarkeit menschlicher Beziehungen hat. "