Samstag, 18. Juni 2011

intellektueller diskurs und demut

Mit einer ziemlich scharfen Polemik hat Stefan Brosca im „Spectrum“ vom 11.6.2011 auf eine Rede von Robert Menasse reagiert, in der Menasse den Rückbau des nationalstaatlichen Einflusses in einem künftigen Europa gefordert hat. Unabhängig davon, ob man Robert Menasses Thesen zu Europa zustimmt oder nicht – die scharfe Gegen-Kritik von Stefan Brosca berührt eine Grundsatzfrage, die gerade wortgewaltige Intellektuelle nie verdrängen dürfen: das Verhältnis von politischer Kritik und Sachkompetenz. In den siebziger Jahren des 20 Jahrhunderts wehrten sich grantige Konservative gegen die linke Gesellschaftskritik der Achtundsechziger mit dem Satz: „Ihr könnt zwar selbst nichts, aber dafür könnt ihr alles kritisieren.“ Das war zwar in dieser plakativen Form blanke Aggression und nicht zuletzt Ausdruck einer grundsätzlich antiintellektuellen Haltung. Ob es uns aber passt oder nicht, eine potenzielle Schwachstelle intellektueller Kritik berührt dieser Satz schon.
Es gibt einen intellektuellen Habitus, der aus nachvollziehbaren Gründen Aggressionen auslöst. Es ist der Habitus des Besserwissers und Klugscheißers in allen Lebenslagen. (Um Missverständnissen vorzubeugen: Robert Menasse werfe ich diesen Habitus nicht vor!) Die Tatsache, dass jemand in den Rang eines Intellektuellen von nationaler oder gar übernationaler Bedeutung aufgestiegen ist, garantiert nicht, dass er/sie zu allem wirklich etwas Fundiertes zu sagen hat. Recht gut kann man die überspannte Variante des Phänomens am historischen Beispiel Jean-Paul Sartre studieren. Es gab eine Phase, in der er zu allem und jedem befragt wurde, seine Aussagen bekamen etwas Sakrosanktes, und im Nachhinein wissen wir, was ohnedies klar sein müsste: Auch französische Philosophen irren und kennen sich dort und da nicht aus.
Im politisch progessiven Milieu der siebzigerund achtziger Jahre sprach man jungen Schriftstellern die Rolle des omnikompetenten Gesellschaftskritikers zu. In dieser Rolle wurden „kritische“ Jungautoren zu Veranstaltungen eingeladen, um dort eine Wortspende abzugeben, der man intellektuellen Rang zusprach. Ich erinnere mich an eine sozialdemokratische Veranstaltung in Linz, bei der eine Autorin, die einen autobiografischen Erfolgsroman über weibliches Alltagsleben veröffentlicht hatte, etwas zum Antifaschismus sagen sollte. Aus mir unverständlichen Gründen hatte sie diese Einladung angenommen. Ihre seltsame Rede bestand zu einem Drittel aus Gemeinplätzen, zum zweiten aus falschen Schlussfolgerungen und zum dritten aus No na net-Bekenntnissen. Sie hatte einen autobiografischen Roman über weibliche Alltagserfahrung geschrieben, gut so, aber weder von Faschismus noch von Antifaschismus hatte sie eine Ahnung. Schriftsteller sind – nun ja: Schriftsteller, nur wenige von ihnen verfügen über das nötige Wissen und die nötige methodische Reflexionskraft, um die Ansprüche intellektueller Kritik zu erfüllen. Das müssen sie auch nicht. Rilke verstand auch nicht viel von Politik, trotzdem hat er gute Gedichte geschrieben.
Die angemaßte Haltung des zu umfassender Kritik berufenen Überfliegers wird vom sachlich und fachlich kompetenten Bodenpersonal teils verärgert, teils spöttisch kommentiert. Ich kenne das Phänomen aus dem Schulleben. Manche Kritiker, die gerne die ganz große Lippe riskieren,  begrenzen ihre „Sachkompetenz“ auf Erinnerungen an den eigenen Lateinlehrer der Sechzigerjahre und leiten daraus und aus der Lernverweigerung des eigenen pubertierenden Sohnes oder Enkels ihre Generalkritik der real existierenden Schule von heute ab. Intellektuell? Geh, bitte!
Ich möchte nicht auf die Intellektuellen als gesellschaftskritische Instanz verzichten. Nichts lese ich lieber als kluge, stilistisch elegante Essays. Allerdings stelle ich mir unter einem Intellektuellen einen Menschen vor, der die kritische Methode auch auf sich selbst anwendet: Was weiß ich wirklich von der Sache, über die ich mich da äußere? Eine nur originell anmutende Stellungnahme ist zu wenig oder gar blamabel, denn Originalität entsteht ja manchmal auch durch bloßes Irrläufertum jenseits aller Vernunft. Nach genauer, selbstkritischer  Prüfung der Zuständigkeit ist Schweigen manchmal die weisere Lösung – oder zumindest eine gewisse Vorsicht und Selbstrelativierung in der Diktion. Vielleicht sollten sich Intellektuelle zunächst einmal auf kritische Fragen beschränken, auf den Hinweis auf Ungeklärtes, Widersprüchliches, Fragwürdiges. Diese Art Kritik halte ich für produktiver als den großen Rundumschlag und den damit verbundenen Anspruch, man habe die Weltformel zur Lösung aller anstehenden Probleme im Kopf. Den echten Intellektuellen erkennt man auch an der Demut.