Samstag, 3. Dezember 2011

"Der Krückenkaktus" von Franz Schuh

Aus meiner Einführung zu Franz Schuhs Lesung am 2.11.2011 im Linzer Posthof:

Ich würde gerne am Beginn meiner Einführung sagen: Ich bewundere Franz Schuh. Es ist aber der Autor selbst, der mich an dieser halb unterwürfigen, halb enthusiastischen Geste hindert. Denn so wie er vielen Dingen mit Skepsis begegnet, steht er auch der Bewunderung skeptisch gegenüber. Franz Schuh zitiert in seinem Essay „Das Zittern des Geistes“ den Musikwissenschaftler Reger aus Thomas Bernhards „Alte Meister“ – der zum Thema bewundern Folgendes sagt: „Ich bewundere nicht, weil es keine Wunder gibt“ - „Bewunderung ist Eigenschaft des Dummkopfs“. Und was die Sache für mich zusätzlich erschwert, ist Regers Behauptung: Der gebildete Mensch als Bewunderer sei noch unerträglicher als der dumme (im Sinne von naiv). Wenn ich mir also jetzt denke: Gerade als gebildeter Mensch darf ich Franz Schuh nicht „bewundern“, entsteht ein neues Problem. Denn aus dieser Formel ich als gebildeter Mensch spricht natürlich eine gewisse Eitelkeit und Selbsterhöhung. Und damit sitze ich erst wieder in einer Falle, denn Franz Schuh schreibt an anderer Stelle: Das Bewundern ist als Psychodynamik der Selbsterhöhung leicht zu durchschauen.
In solche und ähnliche Labyrinthe des Denkens gelangen Sie, wenn Sie sich auf dieses Buch einlassen. Franz Schuh geht in „Der Krückenkaktus“ Fragen nach, die vor allem um den Themenkomplex Liebe – Kunst – Tod angereichert sind. Dazu einige Beispiele:
Ausgehend von Robert Musils Figur des „Großschriftstellers“ und dem Phänomen Thomas Mann geht Franz Schuh der Frage nach, ob ein Konzept intellektueller Größe auch unter demokratischen Verhältnissen möglich ist, ob sich der überragende literarische Geist im Medienzirkus der Quotensteigerung noch manifestieren kann, ohne Qualität einzubüßen.
Kritischer Prüfung unterzieht Franz Schuh den Anspruch der Kunst auf Radikalität und Subversion. Denn wo Traditionsbruch, Dekonstruktion und Zerstörung der Form zum allgemeinen Anspruch werden, erstarren sie zur verbindlichen Norm und werden trivial. Der Satz „Kunst muss immer subversiv“ sein erledigt sich selbst, wenn er erfüllt wird. Denn wenn alles immer subversiv ist, ist es langweilige Gewohnheit.
Gleichermaßen spannend wie auch erhellend ist der Essay über Ernest Bornemann. Jüngeren Lesern ist möglicherweise nicht einmal mehr der Name dieses Sexualforschers bekannt, der in radikaler Weise Forschung und Selbstbeobachtung, Theorie und Leben verknüpfte und letztlich – allen seinen Bemühungen um das aufgeklärte Maß für Lust und Leidenschaft zum Trotz – an etwas Ur-Romantischem zugrunde ging, am gebrochenen Herzen. Die Liebe als ganz großes Gefühl und die humane, beruhigende Mitte sind im Kombinationspack leider nicht zu haben.
Es scheint mir typisch zu sein für die Essays von Franz Schuh, dass Reflexion und Erzählung ineinander übergehen bzw. auseinander hervorgehen. Im „Krückenkaktus“ findet man auch Erzählungen, die aber – wie könnte es anders sein – philosophische Erzählungen sind, z.B. die Geschichte „Bei der Psychologin“. Ich denke, diese narrativ-reflexive Mischform hat auch etwas damit zu tun, dass sich Franz Schuh oft in seine Texte explizit einbringt, also nicht nur das Thema, sondern auch sein Verwoben sein in das Thema einbringt. Das ist die Perspektive des radikalen Aufklärers, der nicht nur der Welt, sondern auch seiner Wahrnehmung dieser Welt misstraut. Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch die Gedichte in diesem Band, die viel mehr sind als lyrisches Beiwerk zum philosophischen Diskurs.
Wenn ich auch nicht sagen darf „Ich bewundere Franz Schuh“, so signalisiert mir der Autor selbst eine Möglichkeit, meiner Wertschätzung den angemessenen sprachlichen Ausdruck zu geben. Er zitiert abermals den Musikwissenschaftler Reger, der sagt: nicht von Bewunderung wollen wir sprechen, sondern von Verstehen, Anerkennung und Respekt. Diesem Vorschlag möchte ich mich vollinhaltlich anschließen.

Mittwoch, 17. August 2011

Lob für Schmickls Lob der Leichtigkeit

Gepflegter Essayismus hat in der österreichischen Gegenwartsliteratur einen hohen Stellenwert. Gerald Schmickl, Romancier und Feuilletonist, hat vielleicht nicht den Bekanntheitsgrad von Robert Menasse, Karl-Markus Gauß und Franz Schuh, aber die Qualität seiner Essays kann sich durchaus an diesen Namen messen – wenn auch auf etwas andere Weise. Schmickl, Jahrgang 1961, grübelt selbst über den Unterschied seiner Generation zu den älteren Achtundsechzigern nach und kommt zu einem überzeugenden Ergebnis. Die in den sechziger Jahren geboren wurden, neigten weder zum Vatermord noch zu aufruhrähnlichen Anwandlungen anderer Art. Ihre Lebensweise ist ideologiefrei, pragmatisch, konsumfreundlich. „Wir erleben einfach weniger“, schreibt Schmickl, „vor allem weniger Dramatisches als unsere Vorfahren, dafür geht es uns halt besser. Kein schlechter Tausch.“

So entsteht die Leichtigkeit, deren Lob Gerald Schmickl, Angehöriger der „postheroischen Generation“, in seinem Buch so klug, stilistisch elegant und sympathisch zu singen weiß. Leichtigkeit muss nicht oberflächlich sein. Sie kann auch uneitel machen. Schmickl bekennt sich explizit zum Zitat. Ihm fehle der Ehrgeiz, alles, was sich zu einem Thema erleben, denken und sagen lässt, ausschließlich mit eigenen Worten wiederzugeben. Da haben doch gescheite Köpfe vor uns ohnehin schon großartige Formulierungen gefunden!

Seine Themen findet Gerald Schmickl meist im Alltag. Er verteidigt in 16 Essays unter anderem Sportreporter gegen die Gebildeten unter ihren Verächtern, räsoniert über den Zufall, über Umgangsformen mit Kellnern und darüber, warum man von der Popmusik nicht mehr loskommt, wenn sie einen einmal gepackt hat. Aber er bleibt nicht bei der Alltagswahrnehmung stehen, sondern tut genau das, was gute Essayisten eben tun: Er macht die Dinge des Lebens zum Gegenstand seiner Reflexionskraft. (Oberösterreichische Nachrichten, 10.8.2011, Christian Schacherreiter)

Gerald Schmickl: „Lob der Leichtigkeit. Essays zum Zeitvertreib“, edition atelier, 158 Seiten, 16,90 Euro

Samstag, 18. Juni 2011

intellektueller diskurs und demut

Mit einer ziemlich scharfen Polemik hat Stefan Brosca im „Spectrum“ vom 11.6.2011 auf eine Rede von Robert Menasse reagiert, in der Menasse den Rückbau des nationalstaatlichen Einflusses in einem künftigen Europa gefordert hat. Unabhängig davon, ob man Robert Menasses Thesen zu Europa zustimmt oder nicht – die scharfe Gegen-Kritik von Stefan Brosca berührt eine Grundsatzfrage, die gerade wortgewaltige Intellektuelle nie verdrängen dürfen: das Verhältnis von politischer Kritik und Sachkompetenz. In den siebziger Jahren des 20 Jahrhunderts wehrten sich grantige Konservative gegen die linke Gesellschaftskritik der Achtundsechziger mit dem Satz: „Ihr könnt zwar selbst nichts, aber dafür könnt ihr alles kritisieren.“ Das war zwar in dieser plakativen Form blanke Aggression und nicht zuletzt Ausdruck einer grundsätzlich antiintellektuellen Haltung. Ob es uns aber passt oder nicht, eine potenzielle Schwachstelle intellektueller Kritik berührt dieser Satz schon.
Es gibt einen intellektuellen Habitus, der aus nachvollziehbaren Gründen Aggressionen auslöst. Es ist der Habitus des Besserwissers und Klugscheißers in allen Lebenslagen. (Um Missverständnissen vorzubeugen: Robert Menasse werfe ich diesen Habitus nicht vor!) Die Tatsache, dass jemand in den Rang eines Intellektuellen von nationaler oder gar übernationaler Bedeutung aufgestiegen ist, garantiert nicht, dass er/sie zu allem wirklich etwas Fundiertes zu sagen hat. Recht gut kann man die überspannte Variante des Phänomens am historischen Beispiel Jean-Paul Sartre studieren. Es gab eine Phase, in der er zu allem und jedem befragt wurde, seine Aussagen bekamen etwas Sakrosanktes, und im Nachhinein wissen wir, was ohnedies klar sein müsste: Auch französische Philosophen irren und kennen sich dort und da nicht aus.
Im politisch progessiven Milieu der siebzigerund achtziger Jahre sprach man jungen Schriftstellern die Rolle des omnikompetenten Gesellschaftskritikers zu. In dieser Rolle wurden „kritische“ Jungautoren zu Veranstaltungen eingeladen, um dort eine Wortspende abzugeben, der man intellektuellen Rang zusprach. Ich erinnere mich an eine sozialdemokratische Veranstaltung in Linz, bei der eine Autorin, die einen autobiografischen Erfolgsroman über weibliches Alltagsleben veröffentlicht hatte, etwas zum Antifaschismus sagen sollte. Aus mir unverständlichen Gründen hatte sie diese Einladung angenommen. Ihre seltsame Rede bestand zu einem Drittel aus Gemeinplätzen, zum zweiten aus falschen Schlussfolgerungen und zum dritten aus No na net-Bekenntnissen. Sie hatte einen autobiografischen Roman über weibliche Alltagserfahrung geschrieben, gut so, aber weder von Faschismus noch von Antifaschismus hatte sie eine Ahnung. Schriftsteller sind – nun ja: Schriftsteller, nur wenige von ihnen verfügen über das nötige Wissen und die nötige methodische Reflexionskraft, um die Ansprüche intellektueller Kritik zu erfüllen. Das müssen sie auch nicht. Rilke verstand auch nicht viel von Politik, trotzdem hat er gute Gedichte geschrieben.
Die angemaßte Haltung des zu umfassender Kritik berufenen Überfliegers wird vom sachlich und fachlich kompetenten Bodenpersonal teils verärgert, teils spöttisch kommentiert. Ich kenne das Phänomen aus dem Schulleben. Manche Kritiker, die gerne die ganz große Lippe riskieren,  begrenzen ihre „Sachkompetenz“ auf Erinnerungen an den eigenen Lateinlehrer der Sechzigerjahre und leiten daraus und aus der Lernverweigerung des eigenen pubertierenden Sohnes oder Enkels ihre Generalkritik der real existierenden Schule von heute ab. Intellektuell? Geh, bitte!
Ich möchte nicht auf die Intellektuellen als gesellschaftskritische Instanz verzichten. Nichts lese ich lieber als kluge, stilistisch elegante Essays. Allerdings stelle ich mir unter einem Intellektuellen einen Menschen vor, der die kritische Methode auch auf sich selbst anwendet: Was weiß ich wirklich von der Sache, über die ich mich da äußere? Eine nur originell anmutende Stellungnahme ist zu wenig oder gar blamabel, denn Originalität entsteht ja manchmal auch durch bloßes Irrläufertum jenseits aller Vernunft. Nach genauer, selbstkritischer  Prüfung der Zuständigkeit ist Schweigen manchmal die weisere Lösung – oder zumindest eine gewisse Vorsicht und Selbstrelativierung in der Diktion. Vielleicht sollten sich Intellektuelle zunächst einmal auf kritische Fragen beschränken, auf den Hinweis auf Ungeklärtes, Widersprüchliches, Fragwürdiges. Diese Art Kritik halte ich für produktiver als den großen Rundumschlag und den damit verbundenen Anspruch, man habe die Weltformel zur Lösung aller anstehenden Probleme im Kopf. Den echten Intellektuellen erkennt man auch an der Demut.

Freitag, 20. Mai 2011

Gerhard Roth war am Abend des 19. Mai mit "Orkus" im Stifterhaus zu Gast, mit einem Buch, dessen Qualität und Stellenwert ich sehr hoch einschätze. Aus meiner Einführung zur Stifterhaus-Lesung:

"(...) Gerhard Roth ist ein radikaler Künstler, radikal leitet sich vom lateinischen Nomen radix ab (Wurzel). Und Gerhard Roth geht an die Wurzeln der menschlichen Existenz und zwar mit den Mitteln der Schreibkunst, die er in die letzten Grenzbereiche ihrer Möglichkeiten treibt, die ihm und uns mehr Einsichten zu Tage fördern sollen über den Menschen, besonders im Hinblick auf seine Unberechenbarkeit, sein Gefahrenpotenzial, das sich zum Beispiel im Nationalsozialismus grauenhaft entladen hat. Mit seinem radikalen Kunstakt steht Gerhard Roth in der Tradition der kritischen Moderne des 20. Jahrhunderts.Vielleicht sind seine beiden Zyklen in der Geschichte dieser Moderne der letzte große Versuch dieser Art. Vielleicht kommt damit ein kunsthistorischer Prozess zum Abschluss. Ich will es nicht so recht glauben. Da die Postmoderne, deren Anspruch auf Überwindung der Moderne-Paradigmen ich sowieso immer für bloße Anmaßung gehalten habe, selbst schon wieder historisch geworden ist, vertrete ich eine andere These: Mit seinem Lebenswerk im Allgemeinen und mit dem Schlusspunkt „Orkus“ im Besonderen setzt Gerhard Roth einen höchst wichtigen und kräftigen Akzent: Die notwendige, die unentbehrliche Kunst entsteht nur, wenn sie auf diese Weise radikal ist, wenn sie die Wurzeln der Existenz mit den Mitteln der Kunst bearbeitet. Das galt – Moderne hin oder her - zur Zeit von Homer, zur Zeit von Dante, Schiller, Kafka. Es gilt für unsere Zeit – und ich kann es mir auch bei den Nachgeborenen, die noch kommen werden, nicht wesentlich anders vorstellen."