Samstag, 2. Juni 2018

Matura: Die Prüfungsformate sind das Problem


Gastkommentar in den Oberösterreichischen Nachrichten vom 29.5.18

Die Ergebnisse der Mathematik-Matura fügen sich diesmal nicht der vorberechneten Wunschnorm, und schon explodiert der öffentliche Diskurs. Allzu spontane Reaktionen mehr oder weniger Berufener und ein überzogenes Alarmklima der Aufgeregtheit stehen einer sachlichen Klärung und konstruktiven Problemlösung eher im Weg, als diese zu ermöglichen. Da ich einige Jahre lang selbst in diversen Gremien zum Thema Reifeprüfung als kritisches Korrektiv tätig war (mit geringem Erfolg!), wage ich aufgrund meiner Erfahrungen folgende These:
Die kompetenten und alles in allem sehr bemühten Fachleute, die für die Erstellung der Maturaaufgaben zuständig sind, trifft der geringste Teil der Schuld. Das Hauptproblem sind die vorgegebenen Prüfungsformate, die weder der Eigengesetzlichkeit der Fachbereiche (Mathematik, Philologie etc.) folgen noch der fachdidaktischen und pädagogischen Klugheit, sondern den Vorgaben der Psychometrie. Ihr bestimmendes Prinzip ist die Gesamtvermessung der globalen Bildungswelt. Man nennt das dann „faktenbasierte Bildungsforschung“ und dünkt sich nach Vorliegen der Messergebnisse im Besitz der objektiven Wahrheit. Rührend!
Tatsächlich muss man, um solche Zahlen zu bekommen, sowohl die Unterrichtsinhalte als auch die pädagogischen Prozesse erst einmal messbar machen, also verbiegen und zurechtstutzen. In Mathematik zeigt sich dies zum Beispiel daran, dass es zwischen „richtig“ und „falsch“ keine Nuancen mehr gibt. Das erleichtert natürlich die angeblich „objektive“ Messung. Ob diese Vorgangsweise zu einer gerechten Beurteilung der Schülerkompetenzen führt, ziehe ich stark in Zweifel.
Im Fach Deutsch müssen die Aufgabenstellungen zur Matura einem starren Schematismus folgen, der die eigenständige sprachliche Entfaltung dermaßen einbremst, dass mittlerweile fast nur mehr fade, standardisierte Texte zu Allerweltthemen geschrieben werden. Gerade die schreibbegabten Maturant/innen können ihr kreatives Begabungspotenzial in diesem Käfig aus Regeln und Richtlinien nicht entfalten.
Man muss nicht die zentralisierte Reifeprüfung grundsätzlich in Frage stellen. Aber man soll die Prüfungsformate, in denen sie realisiert wird, gründlich revidieren. Ich würde mutig und beherzt die Reset-Taste drücken, die Psychometrie und ihren Vermessungsunfug ganz weit weg schicken und dann noch einmal von vorne beginnen – diesmal mit fachdidaktischem Augenmaß. Ein Kinderspiel ist das natürlich nicht, da man ja mittlerweile auch die Schulbücher in einem schulpolitischen Gewaltakt in das enge Korsett der neuen Anti-Didaktik gepresst hat. Diesmal wäre es aber – im Gegensatz zur letzten Maturareform – eine Anstrengung, die sich lohnt. Im Interesse der Schülerinnen und Schüler, und im Interesse einer Bildung, die diesen Namen verdient.

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