Sonntag, 25. März 2018

Lesetipp: Ferdinand von Schirach: Strafe


Meiner OÖN-Rezension ist meine uneingeschränkte Bewunderung für "Strafe" zu entnehmen:

Mit seinem neuen Buch beweist Ferdinand von Schirach, dass er nicht aus purem Zufall in die erste Reihe der deutschen Literaturprominenz vorgerückt ist. Nach seinen zwei Romanen („Der Fall Collini“, „Tabu“) und seinen Erzählbänden („Verbrechen“, „Schuld“) folgt jetzt „Strafe“, eine Sammlung von 12 großartigen Erzählungen, deren verbindendes Motiv die Gerechtigkeit ist.
Ferdinand von Schirach ist ein sokratischer Autor. Seine Texte konfrontieren uns mit beunruhigenden Fragen, die scheinbar gesicherte Urteile und Sichtweisen ins Trudeln bringen. Man verrät nicht zu viel, wenn man eine Geschichte herausnimmt und sie exemplarisch darstellt: Menschen, die den subjektiven Eindruck haben, einem schweren Unrecht hilflos ausgeliefert zu sein, verändern sich. Emotionale Kräfte treten zu Tage, die bisher verborgen waren. Den ebenso verzweifelten wie verbissenen Kampf um ihr Recht (oder was sie dafür halten) betreiben sie kompromisslos bis zur Selbstzerstörung. Das ereignet sich mit einem einsamen Mann, der mit großer Anhänglichkeit das „Seehaus“ seines verstorbenen Großvaters bewohnt und der mit einem touristischen Bauprojekt in seiner Nachbarschaft konfrontiert wird. Seine Wut ist grenzenlos, sein Opfer wählt er ziellos.
Bislang unauffällige Bürgerinnen und Bürger werden in Schirachs Geschichten durch ungünstige Umstände, dumme Zufälle oder unglückliche Dispositionen zu Straftätern. Die meisten Gewaltverbrechen ereignen sich bekanntlich im engeren Familienkreis. Die Liebe kann gerade dann zur Hölle werden, wenn sie vorher zur Himmelsmacht stilisiert worden ist. Nicht jedes Verbrechen kann aufgeklärt werden, und umgekehrt landen bisweilen Unschuldige im Gefängnis. Das liegt auch daran, dass in einem Rechtsstaat für Polizei und Justiz nicht jedes Mittel erlaubt ist. „Der Rechtsstaat“, lässt Schirach einen Richter sagen, „unterscheidet sich vom Unrechtsstaat dadurch, dass er die Wahrheit nicht um jeden Preis ermitteln darf. Er setzt sich selber Grenzen.“
Als anthropologisches Resümee drängt sich der berühmte Satz aus Georg Büchners Woyzeck auf: „Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.“ Das Leben kennt die Kategorie Gerechtigkeit nicht. Vielmehr handelt es sich um Versuche des Menschen, etwas mehr moralische Ordnung in die Welt zu bringen. Oft misslingen sie.
Die Geschichten in „Strafe“ wirken vordergründig einfach. Schirach bevorzugt beim Satzbau die schlichte Parataxe. Klarheit und Eindeutigkeit sind durchgehende Stilmerkmale. Das scheinbar „Einfache“ kommt aber durch bewundernswerte Genauigkeit in der Wortwahl und ein unaufdringlich raffiniertes Arrangement der Erzählelemente zustande. Und meisterhaft versteht es Ferdinand von Schirach, die Hauptkonturen bedrückender Ereignisse und Biografien auf wenigen Seiten zu konzentrieren. Spannung, Anschaulichkeit, Herausforderung zur Reflexion - Diese „Stories“ bieten alles.
Ferdinand von Schirach: „Strafe. Stories“, Luchterhand, 190 Seiten, 18,50 Euro

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