Dienstag, 16. Januar 2018

Lesetipp Jänner: Olga Flor. Klartraum

Versuchsmodelle der Liebe (OÖN-Rezension vom 5.1.2018)

Die Ausgangssituation kommt uns bekannt vor. Eine Frau, nicht mehr ganz jung, Ehefrau und Mutter, verliebt sich ziemlich schwer in einen Mann, auch nicht mehr ganz jung, Ehemann und Vater. Wie schwer seine Liebe wiegt, wird nicht ganz klar. Anfangs scheint sie stark zu sein, aber dieser Art von Anfängen wohnt bekanntlich immer ein Zauber inne, der misstrauisch macht. Denn wie lange er anhält, ist schwer zu sagen. Irgendwann werden dem Mann die Heimlichkeiten des Fremdgehens zur Last. An einer Kreuzung in Berlin verlässt er seine Geliebte. Die Frau kann es nicht fassen und versucht nun, indem sie ihre Erinnerungen rekonstruiert und reflektiert, das Unbegreifliche verständlicher zu machen.
Wer nun glaubt, er hätte es mit einem Liebesroman aus einer Standardkategorie zu tun, weiß nicht, wer Olga Flor ist. Mit Standards und Routine begnügt sich diese Autorin nie. Das beginnt schon damit, dass sie zögert, das Erzählen einer Ich-Erzählerin anzuvertrauen. Immer wieder wechselt sie zur distanzierten Sie-Form und ihre Darstellungsweise folgt keinem Plot, sondern eher der Modellstruktur von Versuchsanordnungen. (Olga Flor ist studierte Physikerin!) Ihre weibliche Hauptfigur nennt sie P (wie Protagonistin), die männliche Figur ist A (wie Antagonist) und die Frau des Geliebten bekommt den Buchstaben C zugeordnet.
Robert Musil meinte, die Menschheit brauche weder mehr Gefühl noch mehr Verstand, sondern mehr Verstand in Sachen Gefühl. Diese Prämisse könnte als Motto über dem Roman „Klartraum“ stehen, denn schon der Titel beinhaltet die schwierige Synthese von Ratio und Emotion. Über Träume kann nicht einmal die Psychoanalyse letzte Klarheit schaffen.
Der Traum der Protagonistin besteht darin, die heftige, ja absolute Leidenschaft, die sie in den wenigen Stunden mit ihrem Geliebten erlebt, als eine Art romantisches Reservat zu schützen, ohne dabei das moderate Alltagsleben mit Mann und Kind zu gefährden. P versucht auch zu verstehen, was sie dermaßen stark mit A verbindet, körperlich und emotionell. Vielleicht könnte es ihr dadurch gelingen, sich zu „entlieben“.
Das Großartige, in dieser Qualität Einzigartige an Olga Flors Roman ist nicht das Thema, sondern die Sprache. Ihren Liebesschmerz bearbeitet die Protagonistin mit allen stilistischen Mitteln, die ihr Olga Flor zur Verfügung stellt, und die scheinen grenzenlos zu sein, angefangen von naturwissenschaftlichem Vokabular über aphoristische Ironie bis hin zu einer Metaphorik des Liebens und Begehrens ohne jedes Klischee. Seit Ingeborg Bachmann hat man Derartiges nicht mehr gelesen. Ohne Übertreibung kann man Olga Flor als größte Stilistin der österreichischen Gegenwartsliteratur würdigen.


Olga Flor: Klartraum. Roman. Jung und Jung Verlag, 280 Seiten, 23 Euro

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