Montag, 9. Oktober 2017

Lesetipp Oktober: "Die Hauptstadt" von Robert Menasse

Robert Menasses EU-Roman braucht zwar meine Werbung nicht mehr, dennoch möchte ich den außergewöhnlichen Roman auch auf diesem Weg empfehlen. Hier meine Rezension aus den OÖN:

Robert Menasse beschäftigt sich seit Jahren mit den Problemen der europäischen Einigung. Seine Sichtweisen hat er bislang vor allem in Essays und Reden dargelegt (u.a. „Der europäische Landbote“). Jetzt hat er das Thema Europa in Romanform bearbeitet. „Die Hauptstadt“ ist ein herausragendes Meisterwerk, kenntnis- und ideenreich, politisch klug und auch in literaturästhetischer Hinsicht überzeugend; denn dieses Buch beweist, dass die Form des großen Gesellschaftsromans auch in unserer so komplex gewordenen Welt nach wie vor geeignet ist, maßgebliche Zeitfragen auf erhellende Weise zu vermitteln.
Allein die Komposition dieses Romans ist eine handwerkliche Großtat. Um der Vielschichtigkeit des Europa-Themas gerecht zu werden, eröffnet und verknüpft Robert Menasse mehrere Handlungsstränge, die an den Handlungsort Brüssel gebunden sind und an verschiedene Figuren, zum Beispiel an Martin Susman. Der österreichische EU-Beamte soll einen Beitrag zu einem „Jubilee Project“ der Europäischen Kommission liefern, das in erster Linie die Karriere von Susmanns Chefin Fenia Xenopoulous fördern soll. Die Idee, dieses Projekt mit Auschwitz zu verbinden, weil doch das Ziel einer europäischen Friedensordnung nach 1945 darin bestanden habe, in Europa Krieg, Terror und Diktatur zu verhindern, stößt nicht überall auf ungeteilte Begeisterung. Ein Räderwerk aus Intrige, Eitelkeit und Karrierismus setzt sich in Bewegung.
Martin Susmans älterer Bruder Florian hat einen großen Schweinemast-Betrieb und versucht die europäischen Partner von einer gemeinsamen Handelspolitik zu überzeugen, aber der Nationalismus ist stärker. Das ist überhaupt ein Kernproblem, das sich leitmotivartig durch den Roman zieht. Im Zweifelsfall siegen nationale und persönliche Interessen über europäische Solidarität. Darüber ärgert sich auch der emeritierte Professor Alois Erhart, der bisweilen noch zu einem „Think Tank“ eingeladen wird, wo seine Appelle auf fruchtlosen Boden fallen.
Auch einen Kriminalkommissar lässt Robert Menasse auftreten. Émile Brunfaut soll einen mysteriösen Mordfall klären, der sich im Hotel Atlas ereignet hat. Plötzlich wird die Untersuchung eingestellt, was Brunfaut nicht so einfach hinnehmen will. Und nicht zuletzt gibt es da noch David de Vriend, eine besonders berührende Figur. Er ist einer der letzten Auschwitz-Überlebenden, die noch am Leben sind - zumindest am Beginn des Romans.
Menasse entwickelt die Biografien dieser und anderer Figuren und eröffnet durch gelungene Perspektivenwechsel ein breites Spektrum der Persönlichkeiten, Haltungen und Sichtweisen. So wird auch die Vernetzung des Privaten mit dem Politischen und Historischen anschaulich. Geschichte, so heißt es einmal in „Die Hauptstadt“, sei nicht nur „die Erzählung davon, was war, sondern auch die stetige Verarbeitung der Gründe, warum Vernünftigeres nicht sein konnte.“ Ähnliches könnte man auch über dieses großartige Buch sagen.


Robert Menasse: „Die Hauptstadt“. Roman, Suhrkamp, 457 Seiten, 24,70 Euro

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