Samstag, 10. Dezember 2016

PISA und das Murmeltier

Am Freitag, 9. Dezember, erschien in den OÖN mein Kommentar zur Qualität der österreichischen PISA-Diskussion. Hier zum Nachlesen:

Und täglich grüßt das Murmeltier. Das Drehbuch zur österreichischen PISA-Diskussion folgt dem Muster des bekannten Films, in dem Hauptdarsteller Bill Murray in der Zeitschleife hängen bleibt und Tag für Tag denselben Ablauf erleben muss. PISA gibt es zwar (noch) nicht täglich, aber alle drei Jahre wieder erfahren wir, dass Österreichs Fünfzehnjährige nur durchschnittliche Leistungen erzielen und dass ihre Leseleistung sogar unter dem OECD-Schnitt liegt. Daraufhin läuft der bekannte Film: Auftritt Bildungsministerin (besorgt und entschlossen): Ich bin entsetzt. Wir werden umfassende Maßnahmen ergreifen! – Auftritt Bildungsexperte von links (glutäugig): Gesamtschule! Unbedingt Gesamtschule! – Auftritt emeritierter Bildungsexperte: Weg mit dem Frontalunterricht! (mit verklärtem Blick nach oben) Lustvolles, offenes Lernen mit allen Sinnen… – Auftritt Stammtischrunde (von links bis rechts, analog und digital): De Lehra, de stinkfaul‘n Trottel mit eanare Ferien!
Auch die Kommentatoren aus dem Profi-Journalismus greifen gerne zu ihrem Standardtext: „Schluss mit dem Stillstand!“ Dieser Vorwurf trifft aber das Problem nicht. Es gibt keinen Stillstand. An Österreichs Schulen wird seit Jahren reformfreudig herumgebastelt. Jährlich messen wir die nationalen Bildungsstandards. Die neue, standardisierte Reifeprüfung hat den Unterricht in der Oberstufe maßgeblich verändert. Die Lehrerausbildung wurde vereinheitlicht. Und das mit naiven Heilserwartungen überfrachtete Claudia-Schmid-Prestigeprojekt Neue Mittelschule zeigt mittlerweile, dass es nicht halten kann, was eine beratungsresistente Ministerin versprochen hat.
Das Problem besteht nicht darin, dass nichts getan wird zur Verbesserung der Schule, sondern darin, dass oft das Falsche getan wird. Offensichtlich gelingt es nicht, die Schwachstellen der Schüler sachlich zu analysieren und ideologiefrei taugliche Strategien zu deren Behebung zu entwickeln. Dabei wäre manches einfacher, als man glaubt. Man muss nicht immer gleich „das System“ revolutionieren. Lesen lernt man nicht durch Revolutionen, sondern einzig und allein durch Lesen, möglichst oft, möglichst genau. Das finden nicht alle Kinder lustig, aber nach dem pädagogischen Spaßfaktor fragt man bei PISA-Siegern wie Japan, Singapur und Südkorea nicht, und disziplinierter Frontalunterricht ist dort das Übliche. Diese lästige Wahrheit verdrängen wir gerne.

Wer nicht oder nur schlecht Deutsch spricht, braucht zuerst einmal einen systematischen Deutschunterricht, und zwar zum größeren Teil außerhalb des Normalunterrichts. Dass man von den Mitschülern am besten Deutsch lernt, ist schlicht und einfach falsch. Und wenn unsere Schüler bessere Leistungen in den Naturwissenschaften erbringen sollen, kann man ja deren Stellenwert als Leistungsfach in der Primarstufe und Sekundarstufe 1 aufwerten. So einfach könnte Bildungsreform manchmal sein. 

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