Freitag, 7. Oktober 2016

Rechter Feminismus und linke Burkatoleranz

Eines muss man dem Hardcore-Islam schon lassen: Unsere gewohnten ideologischen Fronten mischt er ordentlich auf. Dieselben Feministinnen, die Texte „weißer Männer“ streng daraufhin überprüfen, ob eh jedes Anführungszeichen ordnungsgemäß gegendert ist, fühlen sich plötzlich gedrängt, die Vollverschleierung zu verteidigen – und zwar als Freiheitsrecht der muslimischen Frau. SJ-Vorsitzende Julia Herr hat sich kürzlich in dieser originellen Form positioniert.
Manche begründen ihre Toleranz damit, dass betroffene muslimische Frauen von ihren sittenstrengen Gatten keine Ausgeherlaubnis mehr bekämen, würde der Gesetzgeber Niqab und Burka verbieten. Ist den Verteidigern kultureller Differenz eigentlich bewusst, welch bizarre Art von „Freiheit“ das ist, die sie da verteidigen? Man nehme einmal das kulturelle Gegenbeispiel eines rechten Recken, der seine Ehefrau darauf verpflichtet, sich in der Öffentlichkeit nur mehr in blut- und bodenständiger Tracht zu zeigen. Und wenn sie nicht folgt, gibt’s eben Karzer!
Apropos rechte Recken. Mich erstaunt, dass sich einige Herren, die das Wort „Emanze“ nur als Schimpfwort kennen, im Kampf gegen das muslimische Patriarchat neuerdings in die erste Reihe stellen, um dort scheinheilig als Verteidiger von Frauenrechten herumzufuchteln. Ausgerechnet diese Leute, die sich noch nie für Gleichberechtigung stark gemacht haben und jede doofe Zote grinsend genießen, treten plötzlich als Feministen der späten Stunde auf.
So plausibel ihre Position nach außen hin erscheinen mag, die Motive dahinter sind weniger ehrenhaft, als es aussieht, denn „Ehre“ ist leider ein unsolider Begriff. Ich bezweifle, dass es diesen Ehrenmännern vorrangig darum geht, die Freiheit der Frau gegen patriarchalische Bevormundung und männliche Gewalt zu verteidigen. Hören wir ihnen genau zu. Verdächtig oft sprechen die konvertierten Neufeministen von „unseren Frauen“, die sie gegen Angriffe lüsterner muslimischer Barbaren verteidigen werden. Diese Formulierung „unsere Frauen“ beruht auf derselben patriarchalischen Logik wie die der „Barbaren“.
Vergewaltigungen im Krieg werden meist nicht aus sexueller Gier begangen. Vielmehr wollen die Vergewaltiger ihre männlichen Feinde demütigen, indem sie deren Frauen sexuell in Besitz nehmen. Und die Rache der Gedemütigten besteht darin, den Frauen des Feindes dasselbe anzutun. Es geht hier um etwas ziemlich Übles, nämlich um eine männliche „Ehre“, für die Frauen benützt werden.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Selbstverständlich müssen Frauen vor Übergriffen aller Art geschützt werden, weil eine Frau, so wie jeder Mensch in einem Rechtsstaat, Anspruch auf persönliche Integrität, Selbstbestimmung und Schutz vor Gewalt hat. Nur Männer, die aus diesem Motiv Frauen schützen, können für sich beanspruchen, Verteidiger von Frauenrechten zu sein. 

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