Donnerstag, 12. Mai 2016

Computer als Prüfer?


Replik auf ein Interview mit Christa Koenne (Die Presse, 7. Mai 2016)

Ich erinnere mich noch an die skurrile Zeit, in der die Bildungsdiskussion vom Spaßfaktor dominiert wurde. Lernen hatte stets mit allen Sinnen stattzufinden, Unterricht wurde auf das Lustprinzip verpflichtet. Gehör in den Medien fanden jene „externen Bildungsexperten“, die sich zum „Edutainment“ bekannten und mit magischen Formeln wie „verkopft“ und „aus dem Bauch heraus“ jonglierten. Ich stand in meinem Verständnis von Unterricht dieser Libido-Pädagogik nie besonders nahe, sie war mir aber – rein menschlich betrachtet – sympathischer als die pädagogischen Wortführer der Gegenwart, die ihr Vokabular der Betriebswirtschaftslehre und der Psychometrie entnehmen und ihren pädagogischen Eros auf Maßnahmen wie diese konzentrieren: standardisieren, zentralisieren, reglementieren, kontrollieren – und vor allem: vermessen!
Christa Koenne ist mit dem Ausmaß an Zentralisierung, das uns die „standardisierte, kompetenzorientierte Reifeprüfung“ derzeit bietet, nicht zufrieden und spricht sich im Presse-Interview dafür aus, dass Aufgaben für eine „echte“ Zentralmatura den „Charme der Schlichtheit“ versprühen sollen. Dieser Charme soll sich auf den erotisch hochprozentigen Umstand stützen, dass Auswertung und Beurteilung nicht mehr durch das rechnungstechnisch unzuverlässige Wesen Mensch, sondern durch einen Computer erfolgen sollen. Anders als „schlicht“ können solche Aufgaben wohl auch nicht sein. Dass sich die maschinelle Beurteilung auf „bestanden“ und „nicht bestanden“ beschränken muss, ist Frau Koenne auch klar. Welche Aussagekraft und welchen Wert solch eine schlichte Computer-Matura für dressierte (pardon, „gecoachte“) Nicht-Denker noch haben wird, dazu schweigt die Expertin allerdings. Und sie schweigt auch zu den Auswirkungen auf die inhaltliche Qualität der Aufgaben.
Wie, bitte, soll eine Aufgabenstellung für das Fach Deutsch beschaffen sein, die ein Computer beurteilen kann? Welche inhaltlichen und sprachlich-stilistischen Merkmale müssen Texte haben, deren Qualität ein Blechtrottel beurteilen kann? Es könnte sich beim gegebenen Stand der Technik nur um vollstandardisierte Textstrukturen handeln, und die „Kompetenz“ der Maturantinnen und Maturanten bestünde darin, einen sprachlichen Formelkanon auswendig zu lernen. Für solch charmante „Texte“ benötigte man allerdings auch im Entstehungsprozess keine Menschen mehr, denn Computerprogramme können so etwas besser. Das menschliche Maß besteht nun einmal in individuellen Abweichungen, in der Vielfalt, nicht in der Uniformität. Nur dadurch entfaltet sich das kreative Potenzial von Sprache und, so nebenbei bemerkt, auch der Reichtum des Lebens.
Verabschieden wir uns doch von der Vorstellung, Aussagekraft und Gerechtigkeit kämen durch landesweite formale Gleichheit zustande. Wenn man sich von dieser theoretisch falschen und praktisch schädlichen Vorstellung leiten lässt, muss man die Inhalte und Lernziele (um die es eigentlich gehen soll) so rabiat zurichten, dass sie fast unkenntlich werden. Erhellend erscheint mir in diesem Zusammenhang die Parabel vom Gärtner, der einem Lehrling aufträgt, ein Bäumchen in Kugelform zu schneiden. Der Lehrling schnipselt ziemlich lange herum, bis endlich die Kugelform entsteht. Und was sagt der Gärtner? Gut, Junge, wir haben jetzt eine Kugel, aber wo ist der Baum geblieben?

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