Sonntag, 24. April 2016

Lesetipp: Wieso Heimat, ich wohne zur Miete

Selim Özdogan, Sohn türkischer Eltern, wurde 1971 in Köln geboren. Er hat mehrere Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht. Sein neuer Roman „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ ist während eines längeren Schreibaufenthalts in Istanbul entstanden und gehört zum Witzigsten, das wir im reich bestückten Laden der neueren Migrationsliteratur finden. Wobei der Begriff Witz hier in jener traditionellen Bedeutung zu verstehen ist, die Intelligenz mit Humor verknüpft. Würden alle dem Thema Interkulturalität so entspannt begegnen wir Selim Özdogan, hätten wir viele Probleme gelöst.
Dass die Hauptfigur den ungewöhnlichen Namen Krishna Mustafa trägt, ist erklärbar. Seine Mutter, eine Deutsche mit Indien-Affinität, hat auf einer ihrer Reisen den Türken Recep kennengelernt. 1990 wird das Söhnchen aus dieser internationalen Begegnung geboren. Mutter Maria besteht auf der Übersiedlung nach Deutschland, weil sie dem türkischen Bildungssystem nicht traut. Die Ehe scheitert, Vater Recep geht zurück nach Istanbul, als sein Sohn zwölf Jahre alt ist. Dass Krishna Mustafa weitere zwölf Jahre später eine längere Reise in die Türkei antritt, ist weniger seinem eigenen Antrieb zu verdanken als dem Drängen seiner Freundin Laura. Denn Laura – typisch deutsche Gründlichkeit! – kann unmöglich mit einem Mann zusammen sein, der seine ethnischen Wurzeln ignoriert!
Was nun folgt, ist ein Istanbul-Aufenthalt, von dem Selim Özdogan in 30 Episoden erzählt. Dabei wählt er sowohl die Form als auch den epischen Gestus des guten alten Schelmenromans. Wie in Grimmelshausens „Simplizissimus“ werden uns am Beginn eines jeden Kapitels die Handlungshöhepunkte angekündigt: „Vierzehntes Kapitel, in dem Emre einen Akzent hat, die Miete nicht gezahlt wird und Polizisten aus Eiern schlüpfen“. Krishna Mustafa ist ein mehr oder weniger naiver Held, der von der Welt, in die er gerät, irritiert ist. So erwartet er in Istanbul die Dauerpräsenz des Islam, findet aber zunächst nur Kirchen und eine Art Weihnachtsbeleuchtung, die aus Geschäftsgründen das ganze Jahr leuchtet. Das Türkei-Bild, mit dem Krishna Mustafa aus Deutschland angereist ist, wir durch die Wirklichkeit dekonstruiert. Und er muss auch erfahren, wie schnell man im Internet zum Ex-Rapper erklärt wird, der zum Islamismus konvertiert ist. Märchen werden eben immer und überall erzählt.
Kurzweiligkeit, Einfallsreichtum und Komik machen die Lektüre dieses Romans zum Dauervergnügen, so zum Beispiel, wenn Özdogan seinen Antihelden an „Hymnosomnie“ leiden lässt-. Sobald eine Nationalhymne erklingt, schläft Krishna Mustafa sogar im Stehen ein. Mit dieser verdächtigen Krankheit schrammt man in Erdogans Türkei nur knapp am Hochverrat vorbei. Aber nicht nur das türkische Leben, auch das deutsche schildert der Autor aus ironischer Perspektive. „In der Türkei glauben wir ja, dass alles in Deutschland seine Ordnung hat. Aber wir wissen nicht, dass diese Ordnung genau so wenig Logik hat wie unser Chaos.“


Selim Özdogan: „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete.“ Roman, Haymon, 244 Seiten, 20,60 Euro

Oberösterreichische Nachrichten, 19. April 2016

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