Dienstag, 8. März 2016

"Deutschpflicht". Unsere Begeisterung für Nebenschauplätze


Der öffentliche Diskurs bringt es mit sich, dass wichtige Herausforderungen und Aufgaben der Gesellschaft an kunstvoll aufgeblasenen Nebenthemen abgehandelt werden. Nebenthemen sind oft einfacher zu verstehen und besser zu präsentieren als die allzu komplexen Hauptsachen. Als in Österreich über das Jahrhundertprojekt EU diskutiert wurde, stellte Jörg Haider ein spanisches Fruchtjoghurt vor die TV-Kamera und behauptete, dieses mit Läusen versetzte Zeug müssten die Österreicher in Zukunft essen. Joghurtlaus oder nicht Joghurtlaus, das war plötzlich die entscheidende europäische Frage!
Derzeit hören und lesen wir viel vom pädagogischen Jahrhundertprojekt „Deutsch als Pausensprache“. Da sind nun, wie das so geht hienieden, Urteil und Ansichten sehr verschieden. Befürworter erwarten sich nicht nur ein netteres Kommunikationsverhalten in der Pausenhalle, sondern auch verbesserte Deutsch-Kenntnisse von Kindern mit Migrationshintergrund, und angeblich soll der Schulversuch „Deutsch als Pausensprache“ in einer Berliner Schule sogar zur Besänftigung von Aggressionen geführt haben. Naja, wenn man ganz fest dran glaubt…

Umgekehrt stilisieren empörte Gegner das von ihnen unerwünschte Maßnamerl zum groben Verstoß gegen die Menschenrechte und fuchteln mit ihrer Lieblingsvokabel „Rohrstockpädagogik“ herum. Zugegeben, die deutsche Grammatik ist kompliziert, Italienisch klingt eleganter, und Arabisch ist exotischer. Aber so schlimm ist es nun auch wieder nicht, Deutsch sprechen zu müssen! Schon gar nicht, wenn man in Österreich leben will, dessen Landessprache nun einmal Deutsch ist.

Hand auf’s Herz, liebe Landes-ÖVP! „Deutsch als Pausensprache“ ist ein lästiges Anhängsel der Integrationsdebatte, ein Zugeständnis an den blauen Koalitionspartner, der reale Probleme gerne auf populistische Pointen reduziert. „Deutsch als Pausensprache“, diese Forderung versteht jeder, sie bedient das heimatliche Wir-Gefühl und ist stilistisch auf den schlichten Aufforderungssatz „Red’s deitsch!“ reduzierbar. Man wird ohnedies den Eindruck nicht los, die ÖVP folge ihrem Zugeständnis an die FPÖ eher halbherzig. Von einer „Verpflichtung“ kann man kaum reden, da es ja keine greifbaren Sanktionen gibt, wenn Schüler von der „Empfehlung“, in der Pause Deutsch zu sprechen, abweichen.

Die künstlich erhitzte Diskussion über dieses Nebenthema lenkt nur vom Hauptthema ab. Ein möglichst schneller und qualitativ überzeugender Spracherwerb ist die entscheidende Voraussetzung für die so oft beschworene Integration. Die Sprache ist das Medium der Verständigung, aber nicht nur das, sie ist auch das Herz der Kultur, die eine Region prägt. Wer sich an dem einen beteiligen und das andere verstehen und mitgestalten will, muss der Landessprache mächtig sein. Darum geht es. Halten wir uns also nicht allzu lange auf Nebenschauplätzen auf.
Oberösterreichische Nachrichten, 4. März 2016

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