Dienstag, 2. Februar 2016

Nachruf auf meinen Freund Walter Wippersberg

„Ich bin ein Schriftsteller, der, damit ihm nicht langweilig wird, gern Ausflüge in benachbarte künstlerische Gebiete macht.“ Das sagte Walter Wippersberg in einem Interview, das ich vor vierzehn Jahren mit ihm führte. Wir saßen an einem Sommertag im Garten des Hauses, das die Familie Wippersberg in Losenstein bewohnt. Seine Frau Tonja Grüner kam dazu, selbst Autorin und für Walter fast fünf Jahrzehnte lang eine loyale, empathische, hilfreiche Gefährtin.
Walter Wippersberg war damals noch gesund, ideenreich, voller Pläne. Kurz nach seinem sechzigsten Geburtstag erlitt er den ersten gesundheitlichen Knick. In den zehn Folgejahren gab es dann bessere und schlechtere Phasen, aber so ganz hat ihn die Krankheit nie mehr verlassen. Eine lästige Hausgenossin, mit der man sich eben abfinden muss. So empfand er es wohl.
Ich habe mich, als ich die ernste Aufgabe übernommen habe, diesen Nachruf auf meinen Freund zu schreiben, sofort an seinen Satz aus diesem lange zurückliegenden Interview erinnert, denn kein Begriff bezeichnet diese Künstlerpersönlichkeit treffender als „Vielseitigkeit“, einerseits seine Neugier auf so vieles, andererseits auch seine Fähigkeit, seine Zeitgenossen in verschiedenen künstlerischen Sprachen und Medien anzusprechen, zu berühren, zu provozieren: Drama, Roman, Essay, Zeitschrift, Hörfunk, Foto, Film.
Walter Wippersberg war Dramatiker, Autor von Theaterstücken und Hörspielen. Vom Medium Rundfunk führte sein Weg zum Film. Er schrieb Drehbücher, vor allem für das Fernsehen, unterrichtete Dramaturgie und Drehbuch an der Wiener Filmakademie, und seine Doku-Fake „Das Fest des Huhnes“ (1992) ist längst Kult geworden. Walter Wippersberg war aber auch ein lebhafter Erzähler. Vor allem seit den Siebzigerjahren, als seine Tochter Julia und sein Sohn Marcus noch Kinder waren, schrieb er eine ganze Reihe erfolgreicher Kinderbücher, unter anderem „Der Kater Konstantin“. In den späten Neunzigern publizierte er eine spannende Romantrilogie („Die Irren und die Mörder“, „Ein nützlicher Idiot“, „Die Geschichte eines lächerlichen Mannes“), die man als literarische Bestandsaufnahme zur politischen Lage Österreichs bezeichnen kann.
Damit spreche ich eine weitere Facette des Autors, Regisseurs, Filmemachers und Fotokünstlers Walter Wippersberg an. Ohne jemals eine politische Funktion anzustreben, verstand er sich explizit als politischer Mensch, der sich einmischte, dem Geist der Aufklärung verpflichtet. Man denke an seine vielen Essays und Reden. Ich erinnere auch an sein Engagement für den Steyrer Wehrgraben oder an seine führende Rolle in der Interessengemeinschaft der Autor/Innen.

Nicht zuletzt seinem Selbstverständnis als engagierter Zeitgenosse verdanken das „Neue Forum Literatur“ (zu dem neben Wippersberg Tonja Grüner, Margit Schreiner, Thomas Baum und ich gehören) und die Zeitschrift „99“ ihre erstaunlich hartnäckige Existenz. Am Sonntag hat Walter Wippersberg für immer Abschied genommen. Auf so vielen Seiten setzte der Vielseitige markante Akzente, an allen Ecken und Enden wird er uns fehlen. Als Künstler. Als Bürger. Als Freund.
(Oberösterreichische Nachrichten 2.2.2016)

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