Sonntag, 28. Februar 2016

Altmünster und das griechische Drama

So mancher Bildungsreformer stellt gerne die „verstaubten Klassiker“ an den Pranger, die „entrümpelt“ gehören. Diese lautstarke Fortschrittsrhetorik klingt recht schneidig, erweist sich aber bei genauer Betrachtung der Dinge meist als falsch, denn das Wesen eines Klassikers besteht eben darin, nicht „verstaubt“ zu sein, sondern eine Botschaft anzubieten, die über die Entstehungszeit hinaus interessant geblieben ist.
Derzeit kann man dies am Beispiel der Tragödie „Antigone“ nachweisen, die der griechische Dramatiker Sophokles im 5. Jahrhundert v. Chr. geschrieben hat. Sophokles zeigt darin das Schicksal der jungen Antigone, die ihren im Bürgerkrieg gefallenen Bruder Polyneikes begraben will, obwohl König Kreon dies per Gesetz verboten hat. Polyneikes gilt im Stadtstaat Theben als Hochverräter. So einer kriegt kein Grab. Das Hauptmotiv des Dramas ist der Konflikt zwischen dem staatlichen Gesetz und geschwisterlichem Mitgefühl, das sich auf göttliches Recht beruft. Hier Kreon, dort Antigone.
Die überragende Qualität des Dramas „Antigone“ besteht neben der künstlerischen Form darin, dass Sophokles keine simplen Freund-Feind-Bilder erzeugt. Antigones Schicksal berührt uns zwar, aber wir verstehen auch, dass Kreon einen verdammt harten Job hat. Nach dem Bürgerkrieg hat er die Aufräumungsarbeiten übernommen: Revolutionsschutt entsorgen, die Autorität des Staates sichern. Gesetze sind einzuhalten! Das ist eine Kernbotschaft seiner Regierung, und wer würde ihr leichtfertig die Zustimmung verweigern!
Was haben der mythische König Kreon und sein Sorgenfall Antigone mit Altmünster im Februar 2016 zu tun? Sehr viel. Das „Hauptmotiv“ ist nämlich das gleiche. Im Fall des Asylverfahrens einer armenischen Frau geht es um den Konflikt zwischen staatlichem Recht und menschlichem Mitgefühl, das sich auf göttliches Recht beruft („Kirchenasyl“). Formalrechtlich ist zwar der Anspruch auf Kirchenasyl bedeutungslos, der symbolische Wert ist aber nicht zu unterschätzen, auch nicht in einer säkularen Gesellschaft. Bewaffnete Polizisten, die eine weinende Frau aus einem Gotteshaus zerren – ein schlimmes Bild!

Der Kernfrage auszuweichen ist aber auch keine Lösung. Räumen wir der staatlichen Justiz in unserer Demokratie jene Autorität ein, die ihr laut Verfassung zusteht? Oder sollen richterliche Entscheidungen eher Vorschlagscharakter haben, während die letzte Entscheidung vom sozialen Umfeld der Betroffenen gefällt wird, vom Gerechtigkeitsgefühl der Freunde, Gemeindemitglieder, Arbeitskollegen? Ich weiß, solche Fragen sind unangenehm. Aber wir werden einer Antwort nicht ausweichen können. Entscheiden heißt in diesem Fall verzichten. Auf die Autorität des Rechtsstaats oder auf die humanen Ansprüche des zivilen Ungehorsams. Daran hat sich seit Sophokles nichts geändert. Altmünster ist ein Klassiker.

Oberösterreichische Nachrichten, 26.2.2016 

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