Montag, 26. Oktober 2015

Lesetipp im Oktober: Der Alltag der Welt

Am Mittwoch, 21.10.2015 erschien in den Oberösterreichischen Nachrichten meine Rezension zu Karl-Markus Gauß' neuem Buch in leicht gekürzter Form. Hier die vollständige Fassung:

Karl-Markus Gauß hat einen unverwechselbaren Stil entwickelt, einen narrativen Essayismus, in dem Reflexion und Erzählung einander wechselseitig bedingen und ein Textgeflecht der Sonderklasse hervorbringen, das die intellektuelle Anregung zum Lesevergnügen macht. Daran haben auch Gauß‘ Begabung für Ironie (und Selbstironie) ihren Anteil und eine Sprache, die man aus guten Gründen schön nennen kann.
Wir kennen diesen Gauß-Stil aus seinen Journalen, aus seinem wunderbaren Kindheitsbuch „Das Erste, was ich sah“, und sein neues Werk „Der Alltag der Welt“ steht dem bislang Publizierten in nichts nach. Es handelt sich um Aufzeichnungen aus den Jahren 2011 bis 2013, und wieder flaniert der wache, neugierige, kritische Autor durch die für ihn erfahrbare Welt. Er erzählt von Büchern, die er gelesen hat, von Menschen, denen er begegnet ist, von der kleinen Welt des Salzburger Grünmarkts und von der großen der Finanzmärkte. Er teilt uns seinen Ärger mit – zum Beispiel über das Bettelverbot in der Stadt Salzburg; seine Bewunderung – zum Beispiel für den aus Oberösterreich stammenden Seefahrer Christoph Carl Fernberger; seine Empathie – mit unschuldigen Opfern der Finanzspekulation ebenso wie mit dem Erfinder der Schreibmaschine, der von der Borniertheit und Arroganz der Macht um seinen Erfindererfolg gebracht worden ist.
Der nachdenkliche, aber auch von Gefühlen geleitete Mensch Karl-Markus Gauß bleibt als wahrnehmendes, erlebendes und beurteilendes Subjekt auf jeder Seite erkennbar. Nie lässt er sich zur Pose der ultimativen Welterklärung verführen. Seine skeptische Befragung der Dinge ist immer auch Selbstbefragung. Insbesondere dann, wenn sich Gauß kritisch mit Menschen auseinandersetzt, meistert er auf sehr sympathische Weise die schwierige Gratwanderung zwischen Wahrheit und Respekt. So erzählt er von einem gemeinsamen Abendessen mit dem alten Georg Kreisler, der leider zunehmend in schwer verständliche Verbitterung und Selbstbezogenheit verfallen ist. Dennoch wird das Bleibende und Großartige, das Kreisler für die österreichische Kultur geleistet hat, dadurch nie beschädigt. Gauß beschönigt nicht, aber er diffamiert auch nicht, ob es nun um Kreisler geht, um Hermann Broch, Stefan Zweig, Paul Celan.
Karl-Markus Gauß, der vor einem Jahr seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert hat, erfährt und erleidet auch immer öfter, dass Dinge verschwinden, die wir Älteren lange Zeit für selbstverständlich gehalten haben. Ohne die neuen Medien kulturpessimistisch zu verteufeln, betrachtet er ihre problematischen Seiten mit Skepsis und würdigt geradezu zärtlich den guten alten Brief, der sich nach und nach aus unserer Kultur verabschiedet. Im letzten der insgesamt fünf Kapitel widmet sich Gauß seinen „ungeschriebenen Büchern“. Wir hoffen sehr, dass sie in absehbarer Zeit zu geschriebenen werden.


Karl-Markus Gauß: „Der Alltag der Welt. Zwei Jahre und viele mehr“, Zsolnay, 333 Seiten, 23,60 Euro

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