Samstag, 26. September 2015

Der gute und der schlechte Mensch

Gestern, 25. 9.2015, erschien in den OÖN dieser Kommentar von mir:

Bertolt Brecht lebte im Exil, als er 1941 sein Drama „Der gute Mensch von Sezuan“ fertigstellte. In diesem Stück lässt er drei Götter inkognito auf die Erde reisen und nach einem guten Menschen suchen, der ihnen ein Nachtlager gibt. Nur die Prostituierte Shen Te ist dazu bereit. Die Götter danken Shen Te ihre gute Tat mit einem Geldbetrag, der für die Anschaffung eines kleinen Tabakladens reicht.
Auf diese Weise zu bescheidenem Besitz gelangt, wird Shen Te schnell zur Anlaufstelle für Arme. Ihr Ruf, ein guter Mensch zu sein, zieht aber so viele Arme an, dass die Kapazität des Tabakladens überfordert ist. In diese bedrohliche Lage geraten, wechselt Shen Te die Rolle. Sie verwandelt sich, um nicht unterzugehen, in den hartherzigen Vetter Shui Ta, den Mann für’s Grobe, der alle Armen aus dem Laden wirft – und ihn dadurch rettet. Nun kann Shen Te „zurückkehren“ und wieder Gutes tun – natürlich nur vorübergehend…
Brecht selbst bietet am Ende keine Lösung für dieses ethische Dilemma an. In einem Epilog bekennt einer der Mitspielenden: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Allerdings appelliert der Schauspieler an das Publikum: „Los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“ Bertolt Brecht bezeichnete sich als „Kommunisten ohne Parteibuch“. Er war aber zu intelligent, um auf die Frage nach Güte oder Härte eine stramm ideologische Antwort zu geben. Pathetische Floskeln bringen wenig, auch wenn sie noch so gut gemeint sind.
Die Aktualität von „Der gute Mensch von Sezuan“ muss man angesichts der vielen Flüchtlinge in Europa nicht erklären. Nächstenliebe ist schon gut, aber allein durch Nächstenliebe werden die Gutwilligen diese Herausforderung ebenso wenig meistern wie die bedauernswerte Shen Te. Eine für alle Einreisewilligen offene Grenze und gleichzeitig ein tragfähiger Sozialstaat? Dass sich das nicht ausgehen wird, muss auch der selbstloseste Menschenfreund zugeben.
Brauchen wir also den Mann fürs Grobe, den Herrn Shui Ta? Dass manch einer in unserer politischen Landschaft diese Rolle gerne übernimmt, ist hinlänglich bekannt. Aber so weit sollte es gar nicht kommen. Die ideale Problemlösung, die allen passt, gibt es nicht. Es wird nur Teillösungen geben, mehr oder weniger gute, Kompromisse, notfalls auch faule. Aber eines ist schon klar: Europa braucht in der Migrationsfrage realitätstaugliche Regeln, die für die Mehrheit der Bürger akzeptabel sind, und diese Regeln müssen umgesetzt werden. Sonst droht uns tatsächlich Shui Ta’s „Knüppel aus dem Sack“-Politik. Also, EU, los, such einen Schluss! „Es muss ein guter sein, muss, muss, muss!“. Und er besteht sicher nicht darin, Brechts „Guten Menschen von Sezuan“ zu verbieten, weil darin ein Tabakladen vorkommt, der uns zum Rauchen animieren könnte.

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