Mittwoch, 15. Juli 2015

Sind die Leistungen der Lehrkräfte tatsächlich messbar?

Die Presse hat heute freundlicherweise meinen Gastkommentar (leicht gekürzt) abgedruckt. Die ungekürzte Version mache ich hier zugänglich.


Ob eine Zentralmatura grundsätzlich ein Fortschritt ist oder nicht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Jede Variante hat ihre Vor- und ihre Nachteile. Ich gehöre eher zu den Skeptikern, kann aber einigen Argumenten der Befürworter auch etwas abgewinnen. Ein Argument, das man immer wieder liest und das auch Frau Hamann in ihrer Kolumne (8. Juli) vertritt, möchte ich allerdings grundsätzlich in Frage stellen: „Die Leistungen der Lehrerschaft werden damit messbar und vergleichbar.“ Zunächst einmal sind es wohl doch die Leistungen der Maturant/innen, denn sie treten zur Matura an, nicht ihre Lehrer.
Und es wäre wohl eine allzu simple Milchmädchenrechnung, Schülerleistung und Lehrerleistung gleichzusetzen - nicht nur theoretisch falsch, sondern auch praktisch verhängnisvoll. Hinter diesem Argument steht nämlich die bei genauer Betrachtung menschenverachtende Vorstellung, jeder Schüler sei per se lernbereit, kooperativ und kognitiv begabt. Folglich müsse er nur nach den Regeln des didaktischen und methodischen Handwerks professionell bearbeitet werden, damit am Ende des Lernprozesses genau das Resultat zustande kommt, das man am Anfang als Zielsetzung vereinbart hat.
Solch eine Vorstellung halte ich für verhängnisvolle Anti-Pädagogik. Sie kommt auch ursprünglich nicht aus dem pädagogischen, sondern aus dem ökonomischen Diskurs, konkret gesagt: aus der Bildungsideologie der OECD, die sich seit einigen Jahren geradezu totalitär über das europäische Bildungswesen legt. Allein das Vokabular ist aufschlussreich: Schüler sind „Humankapital“, und die Schülerleistung ist der „Output“, der messbar gemacht werden muss. Aufgrund der Output-Messung werden dann die Produzenten des Outputs (= Lehrer), beurteilt.
Tatsächlich sind aber Schülerinnen und Schüler in erster Linie Menschen, die auch noch vielen anderen Einflüssen ausgesetzt sind, nicht nur denen ihrer Lehrkräfte. Es gibt genetisch bedingte Anlagen, ein Elternhaus, einen Freundeskreis, Medien und so weiter. Außerdem verfügen sie als Menschen über einen eigenen Willen. Wie frei dieser ist, darüber mag man streiten. Jedenfalls reicht er aus, um sich einem Lernprozess zu entziehen. Man kann sich als Schüler dafür entscheiden, während der Stunde an ganz etwas anderes zu denken, keine Hausübungen zu machen oder überhaupt nur sehr selten im Unterricht zu erscheinen. Sind Schüler volljährig, unterschreiben sie sich die Entschuldigungen selbst.
Natürlich gibt es gute und weniger gute Lehrkräfte, und ja – es gibt auch welche, die im falschen Job gelandet sind. Aber sie alle, selbst die hervorragenden, sind auf die Kooperationsbereitschaft der Schüler/innen, der Eltern, überhaupt der Gesellschaft angewiesen. Die Vorstellung jedenfalls, Lehrer/innen könnten Lernprozesse so souverän steuern, dass sie für das Ergebnis als Haupt- oder gar Alleinverantwortliche herangezogen werden können, entbehrt der realen Grundlage.
Ich will mir gar nicht ausmalen, zu welchen Fehden es an unseren Schulen käme, wenn die Lehrerleistung ausschließlich an den Messdaten von Standardüberprüfungen und Reifeprüfungen festgemacht würde. In jeder Schule gibt es bessere und schlechtere Klassenergebnisse. Das hat nicht nur etwas mit der Lehrkraft zu tun, sondern auch etwas mit der Schülerkonstellation, deren Heterogenität unvermeidbar ist. Wie motiviere ich denn eine Kollegin, eine Klasse mit schwächerem Leistungspotenzial zu übernehmen, wenn sie dadurch Gefahr läuft, in der internen Rankingliste der Lehrerqualität um acht Plätze abzurutschen?
Der Druck, dem Lehrkräfte ausgesetzt werden, führt erfahrungsgemäß nicht zwangsläufig dazu, dass sie mit ihren Schüler/innen solidarischer sind, sondern eher dazu, dass sie den Druck, der auf ihnen lastet, an diese weitergeben – oder dass sie das Handtuch werfen. In den USA gibt es Bildungsregionen, die so vorgehen, wie es Frau Hamann für wünschenswert hält. Man setzt die Schülerleistung mit der Lehrerleistung gleich. Das hat dazu geführt, dass die durchschnittliche Verweildauer im Lehrberuf nur mehr drei Jahre beträgt. Wollen wir das?

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