Freitag, 10. Juli 2015

Ich erwarte meine Suspendierung

In den OÖN vom 6.7.15 ist ein Kommentar von mir erschienen, der auf der OÖN-Homepage nicht zu haben ist. Da mich nun schon einige Interessierte darum gebeten haben, mache ich den Kommentar auf diese Weise zugänglich.


Baden bei Wien macht mir Sorgen. Der von seinen Schülern geschätzte Mathematik-Professor Zartl hat dort die Matura-Klausuren angeblich zu nachsichtig beurteilt und ist deshalb vom Dienst suspendiert worden. Wie die Sache aussieht, droht mir dasselbe Schicksal. Daher schreite ich sicherheitshalber gleich zur Selbstanzeige – und zwar in zwei belasteten Rollen: als Prüfer im Fach Deutsch und als Vorsitzender. Ich kann nicht ausschließen, dass ich die Klausuren meiner Klasse aus der Sicht mancher Fachkollegen zu milde beurteilt habe. Mein ganzes Lehrerleben lang habe ich nämlich nach dem Grundsatz „Im Zweifelsfall für den Schüler“ benotet, und an solchen Zweifelsfällen mangelt es nicht.
Die oft propagierte Vorstellung, dass durch die „standardisierte und kompetenzorientierte Reifeprüfung“ österreichweit für alle Arbeiten die eine objektiv richtige Beurteilung garantiert werden kann, ist eine abgrundtief dumme Illusion. Für das Fach Deutsch muss der Prüfer pro Arbeit zwar einen aufwändigen Beurteilungsraster mit 29 (!) Spalten ausfüllen, aber ob in einer Arbeit „alle Arbeitsaufträge erfüllt“ sind oder „alle Arbeitsaufträge umfassend erfüllt sind“ – nun ja, darüber mögen auch Fachmeinungen auseinandergehen. Und wo liegt nun wirklich die Grenze zwischen Arbeiten, die „grammatikalisch weitgehend korrekt“ und „grammatikalisch in hohem Maße“ korrekt sind?
Der Mythos, dass Aufsätze eher subjektiv, Mathematik-Schularbeiten hingegen objektiv beurteilt werden, widerlegt einer, der es wissen muss. Rudolf Taschner schrieb kürzlich in „Die Presse“, dass bei komplexeren Aufgabenstellungen immer ein „breiter Interpretationsspielraum der Beurteilung“ gegeben sei.
Bislang bestand das Problem meistens darin, dass Schüler oder auch die Schulaufsicht den Eindruck bekamen, eine Lehrkraft beurteile unangemessen streng. Das kommt natürlich vor, aber noch nie habe ich gehört, dass ein zu strenger Prüfer vom Dienst suspendiert worden wäre. Überhaupt gibt es Fälle von pädagogischer Unfähigkeit, die zu allem möglichen führen, aber kaum einmal zur Suspendierung vom Dienst. Selbst wenn die Kritik an der Beurteilungspraxis des Badener Mathematikers nachvollziehbar ist, seine Suspendierung ist Unfug.
Die Schüler, die in Baden dagegen protestieren, behaupten mit Recht, die Korrektur der Klausuren sei doch vom Vorsitzenden abgesegnet worden, den man auch zur Verantwortung ziehen müsse. Das ist aus juristischer Sicht richtig, praktisch haben wir da allerdings ein Problem. Als Vorsitzender am BRG Steyr lagen mir bei dieser Matura mehr als 200 Arbeiten vor, aus Deutsch, Mathematik, mehreren Fremdsprachen. Ich gestehe, dass ich – so wie alle Vorsitzenden – nicht jede Korrektur auf ihre objektive Richtigkeit überprüfen konnte, zumal ich der höheren Mathematik und einiger Fremdsprachen leider nicht mächtig bin. Wie gesagt, ich erwarte meine Suspendierung. Aber nicht nur ich. Wir alle sind Zartl.

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