Freitag, 1. Mai 2015

Olga Flors neuer Roman "Ich in Gelb"

Am Montag, 27.4.15, ist in den OÖN eine gekürzte Rezension zu "Ich in Gelb" erschienen, gleichzeitig eine Veranstaltungsankündigung, Olga Flor war am Donnerstag im Linzer Stifterhaus zu Gast. Meine ungekürzte Besprechung veröffentliche ich hier. 

Ich gestehe, ich habe Olga Flors neuen Roman „Ich in Gelb“ von hinten nach vorne gelesen. Da sich ein Großteil meines Lebens noch in der Prä-Internet-Ära ereignet hat, hänge ich sentimental an antiquierten Dingen wie Chronologie und kausale Abfolge. Im Zeitalter digitaler Kommunikation lösen sich solche Sicherheiten auf, und Olga Flor hat eine Romanform kreiert, die der neuen Unübersichtlichkeit entspricht: die Erzählung in der Form eines Blogs. Als läge uns dieser Blog als Ausdruck vor, beginnt das Buch in der Gegenwart und führt zurück zu jenem 11. November, an dem sich die zu diesem Zeitpunkt noch zwölfjährige Alice entschlossen hat, als jüngste Modebloggerin ins Netz einzusteigen.
   Was sie dort unter dem Namen „nextGirl“ macht, hat einerseits etwas mit ihrem Alter zu tun, andererseits mit den Kommunikationsformen der Netz-Kultur. Dreizehnjährige stehen vor der Herausforderung, so etwas wie Identität und Persönlichkeit entwickeln zu müssen. Die Kindheit ist vorbei, das Erwachsenenalter noch weit weg – keine einfache Lebensphase. Das war vor fünfzig Jahren nicht anders als heute, aber das kulturelle Umfeld hat sich wesentlich verändert.
   Flors junge Bloggerin kann sich an ihre Kunstwelt der wechselnden Moden halten; Rollenspiel, Styling und Selbstinszenierung gehören dort zum Alltagsleben und ersetzen es zu einem großen Teil. Es wird aber auch klar, dass unter dieser medialen Oberfläche, die man so herrlich manipulieren kann, das physische Leben unbeeindruckt weitermacht. Die Eltern des Mädchens haben sich getrennt. Der Vater hat in relativ fortgeschrittenem Alter entdeckt, dass er schwul ist, und sein Arbeitsplatz wackelt. Manche Fakten behaupten sich hartnäckig.
   Ein Teil der Blog-Welt, aber auch eine Art Gegenerzählung zu ihr sind die Kommentare des Models Bianca. Der gestylte Körper ist ihr Arbeitsmittel, mit erwünschten und unerwünschten Folgen. Ihr wurde ein Darmwurm eingepflanzt, der gegen Allergien helfen sollte. Aber der Wurm entwickelt ein bedrohliches Eigenleben. Den Mythos vom Zauberlehrling, dem die Kontrolle über seine Hervorbringung entgleitet, kann man auch als moderne medizinische Fabel erzählen: die Geister, die ich rief...
   Olga Flors Bücher (U.a. „Talschluss“, „Kollateralschaden“) sind immer etwas Besonderes, spannend aufgrund des Themas, komplex in der inhaltlichen Ausführung, eigenwillig und virtuos in Sprache und Form. Das gilt auch für ihren neuen Roman „Ich in Gelb!“ Am Ende gibt es übrigens eine erhellende Überraschung, deshalb empfehle ich, das Buch unbedingt von vorne nach hinten zu lesen, nicht (so wie ich) umgekehrt!


Olga Flor: „Ich in Gelb“, Roman, Jung und Jung, 211 Seiten, 22 Euro

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