Dienstag, 21. April 2015

A) ignorant B) verlogen C) einfach nur ein Trottel

Heute in den OÖN erschienen:

Man mag von der Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung für Lehrer halten, was immer man will. Dass diese „mutige Reform“ unter denen, die nicht davon betroffen sind, viele Sympathisanten hat, ist ebenso bekannt wie nachvollziehbar. Was ich aber wirklich unerträglich finde, ist diese abgrundtief verlogene Formulierung: „Die Arbeitszeit wird nicht erhöht. Die Lehrer sollen nur zwei Stunden mehr in der Klasse verbringen.“ Der als mutiger Reformer weltweit bekannte Werner Faymann hat es ausgesprochen, Finanzminister Schelling nachgeplappert, aber das Copyright dafür darf Ex-Ministerin Claudia Schmied beanspruchen, und zwar für ihre Formulierungsvariante in pädagogischem Zuckerlrosa: „Die Lehrer sollen doch nur zwei Stunden länger bei den Kindern sein.“ Bei den Kindern sein! Ach, wie süß!
Betrachten wir – als Kontrast zum modischen Schmiedrosa  – einen Realitätsausschnitt in Schwarzweiß: Eine Lehrkraft für Englisch und Geschichte an einem Gymnasium muss zwei Stunden mehr „bei den Kindern sein“. Was heißt das konkret? Damit sie diese zwei Stunden abdeckt, muss sie zumindest eine Klasse mehr in Geschichte unterrichten. Da es seit Unterrichtsministerin Gehrer (auch so eine „mutige Reformerin“) in einigen Jahrgängen auch einstündige Fächer gibt, könnte es sein, dass die Lehrkraft sogar zwei Klassen mehr in Geschichte übernehmen muss. Und jetzt überlegen wir einmal ganz rational die Folgen: Könnte es sein, dass dadurch der Vorbereitungsaufwand steigt? Könnte es vielleicht sein, dass dadurch mehr Tests zu korrigieren sind? Könnte es vielleicht sogar sein, dass die Lehrkraft fünfzig Schüler mehr unterrichten muss, sodass für die von allen Reformern mutig geforderte „Individualisierung“ nicht mehr die allergünstigsten Voraussetzungen da sind?
Wenn diese Regierung für Bildung weniger Geld ausgeben will, dann soll sie es, bitte, ehrlich sagen! Irgendein Kuriospolitiker der jüngeren Vergangenheit (war es Grasser?) sagte einmal sinngemäß: Ein mittelmäßiges Schulwesen genügt. Das könnte tatsächlich eine politische Entscheidung sein und die Schulen müssten sie, so problematisch sie auch wäre, letztlich akzeptieren. Inakzeptabel ist aber diese Verlogenheit, die in der Formulierung „Die Arbeitszeit wird nicht erhöht. Die Lehrer sollen nur zwei Stunden mehr in der Klasse verbringen“ ihren repräsentativen Ausdruck findet.

Zur Ehrenrettung jener Politiker, die diese Formulierung verwenden, könnte man anführen, dass sie vielleicht sogar glauben, was sie sagen. Um dies datenbasiert zu klären, schlage ich folgenden kompetenzorientierten Test vor: Ein österreichischer Politiker sagt: „Die Arbeitszeit wird nicht erhöht. Die Lehrer sollen nur zwei Stunden mehr in der Klasse verbringen.“ Ist er A) ignorant) B) verlogen – oder C) einfach nur ein Trottel?

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