Freitag, 16. Januar 2015

Meinen Gott beleidige ich mir selbst

Ich bin Katholik, nicht nur aus Gewohnheit, sondern aus Überzeugung. Dergestalt  bin ich in den kulturellen Milieus, in denen ich mich bewege, eher eine kuriose Randexistenz. Der mehrheitsfähige österreichische Intellektuelle meiner Generation steht der katholischen Kirche grundsätzlich kritisch gegenüber. Manche haben unangenehme Erfahrungen gemacht, andere verweisen auf die „Kriminalgeschichte des Christentums“ (Deschner) und wieder andere folgen halt dem Mainstream des aufgeklärten Milieus. Nachvollziehbar ist das alles irgendwie.
Umgekehrt bemühen sich meine kirchenkritischen, laizistischen Freunde, Bekannten und Kollegen ehrlich darum, nicht islamophob zu wirken. Die religiösen Gefühle von Muslimen beleidigen sie nicht, natürlich auch nicht die der Juden, selbst über archaische Stammesreligionen aus dem Amazonasgebiet wird stets mit Respekt gesprochen. Das irdische Vergnügen an Blasphemie, Spott und Hohn, das ja auch irgendwo seinen Entfaltungsraum braucht, konzentriert sich daher ganz auf den Katholizismus. Wie gut, dass es ihn gibt!
Keine Angst, ich nehme jetzt nicht Opferhaltung an (obwohl ich als Katholik natürlich für die tägliche Kreuzeslast in der Nachfolge Christi prädestiniert wäre – hahaha!). Nein, ich fühle mich nicht beleidigt durch religionskritische Satire aus meiner Umgebung. Ich kann problemlos tolerieren, dass andere Menschen weder mit Religion noch mit Kirche etwas anfangen können, und ich für meine Person brauche daher den Blasphemie-Paragraphen 188 im österreichischen Strafgesetzbuch nicht. Gott – wer oder was immer das sein mag – braucht ihn schon gar nicht. Denn Gott, den man als aufgeklärter Mensch ohnedies nur als das verborgene Absolute noch einigermaßen sinnvoll denken kann, fühlt sich weder durch Gerhard Haderers Jesus-Satire noch durch Pussy Riot gekränkt. Über derlei Ulk müsste er eigentlich erhaben sein.
Ich stelle das Bürgerrecht des bekennenden Atheisten auf Blasphemie außer Streit. Ich frage mich aber, warum er es unbedingt braucht. Kann er Religion, sofern sie nicht politische Herrschaftsansprüche stellt, einfach nur in Ruhe lassen? Religiöse Menschen  haben einige Dinge, die ihnen heilig sind. Das ist für säkular denkende Menschen oft nicht nachvollziehbar. Gewisse Kulthandlungen, deren Inhalt das Heilige ist, erscheinen ihnen irrational und voraufklärerisch, also lächerlich, zum Beispiel die Wandlung, das zentrale Mysterium der katholischen Messfeier. Freilich kann man sich über so etwas lustig machen, aber wozu? Ich habe auch nie so recht verstanden, warum es Gerhard Haderer wichtig war, Jesus als kiffenden Freak darzustellen. Wirklich neu und aufklärerisch ist ja so etwas nicht mehr. Wer braucht es? Also ich nicht, meinen Gott beleidige ich mir notfalls selbst.

Oberösterreichische Nachrichten, 16.1.2015

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