Sonntag, 5. Oktober 2014

philosophicum lech - kleine nachlese

Ich habe im September am Philosophicum Lech teilgenommen und eine kleine persönliche Nachlese dazu in den OÖN vom 27.9.14 veröffentlicht. Den Hauptartikel mache ich auch hier für Interessierte zugänglich.

Können wir nichts dafür?

„Schuld und Sühne“  - den Übertitel für das 18. Philosophicum Lech, das zwischen 17. und 21. September mehr als 600 Besucher zum Arlberg lockte, entlehnte dessen wissenschaftlicher Leiter Konrad Paul Liessmann Fjodor Dostojevskijs berühmtem Roman. Die Neuübersetzung spricht von „Verbrechen und Strafe“ und nimmt dadurch der Angelegenheit ein wenig von ihrer mythischen Schwere. Raskolnikow ist ein bettelarmer Jurastudent in Petersburg. Nicht zuletzt seine betrübliche materielle Lage verleitet ihn dazu, eine bösartige alte Wucherin zu ermorden. Er bewertet anfangs seine Tat als sittlichen Akt höherer Gerechtigkeit. Das Leben der herzlosen Wucherin erscheint ihm wertlos. Und er selbst fühlt sich dazu berechtigt, diese „Laus“ zu beseitigen. Nach dem Mord gerät aber Raskolnikow mehr und mehr in schwere Gewissensqualen. Letztlich übernimmt er die Verantwortung für sein Handeln.
Die ethische Komplexität des Romans „Verbrechen und Strafe“ analysierte die Literaturwissenschaftlerin Ekaterina Poljakova sehr eindrucksvoll. Vielschichtig sind die philosophischen Fragen, die man zum Themenkomplex Schuld – Verantwortung – Sühne stellen kann. Den provokanten Untertitel „Nach dem Ende der Verantwortung“ machte Konrad Paul Liessmann in seinem Eröffnungsvortrag plausibel. In unserer Gesellschaft wird die Verantwortung für Fehlverhalten häufig vom Betroffenen weggeschoben. Scheitert ein Schüler, sind die katastrophalen Lehrer schuld – oder „das System“. Betätigen sich Jihadisten als Mörder und Vergewaltiger, ist ihnen wahrscheinlich nicht genug Liebe entgegengebracht worden. Auf diese Weise, so Liessmann, wird der Mensch nicht mehr als bewusst handelndes Wesen betrachtet, sondern als bedauernswertes Opfer von Kräften, die stärker sind als er: frühkindliche Erfahrung, schlechte Gesellschaft, ungünstige Verhältnisse. Schuld sind immer andere.
Dschungel der Zuständigkeiten
Parallel zu solchen „Schuldverschiebungsstrategien“ behauptet sich die Frage nach der Verantwortlichkeit hartnäckig in unserer an Pannen und Pleiten nicht eben armen Gesellschaft. Wer ist schuld daran, dass täglich Kinder verhungern? Wer hat die Finanzkrise zu verantworten? Barbara Bleisch, Moderatorin von „Sternstunde Philosophie“ im Schweizer Fernsehen, erläuterte, welch komplexe Struktur globale Phänomene wie die Finanzkrise oder die haarsträubenden Unrechtszustände im Kongo haben, und wie schwierig es ist, im Dschungel der Zuständigkeiten die wahren Verantwortlichen zu erkennen und zur Rechenschaft zu ziehen. Friedrich Dürrenmatt fand für diesen Zustand schon vor einem halben Jahrhundert die ironische Formel: „Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt.“ Bleisch plädiert aber nicht für Resignation und Ignoranz, sondern für die sachliche Analyse globaler Probleme und eine darauf basierende „moralische Arbeitsteilung“.
Herr im eigenen Haus?
Mit besonderer Spannung wurden in Lech auch jene Vortragenden erwartet, die zum Thema Schuld und Verantwortung aus der Perspektive der Neurowissenschaften und des Strafrechts Position bezogen. Die Gehirnforschung hat in jüngster Vergangenheit unsere geläufigen Vorstellungen vom „freien Willen“ erschüttert. Es gibt Wissenschaftler, die den freien Willen als völlige Illusion demontieren. Die Folgen für unser Verständnis von Verantwortung und Schuld wären weitreichend, denn wenn nicht ich mithilfe meines Gehirns entscheide, sondern mein Gehirn für mich entscheidet, kann ich wirklich nichts mehr dafür. Ich bin nicht mehr Herr im eigenen Haus. So radikal positioniert sich der prominente Gehirnforscher Gerhard Roth allerdings nicht (mehr). Über den Rahmen seiner Persönlichkeit, die laut Roth zu einem erheblichen Teil schon in der pränatalen und frühkindlichen Lebensphase angelegt wird, könne sich der Mensch zwar nicht hinwegsetzen. Es sei ihm aber sehr wohl möglich, Affekte und Triebe zu steuern. Heribert Saß, Facharzt für Forensische Psychiatrie erläuterte das Problem der Zurechnungsfähigkeit von Straftätern am Beispiel unterschiedlicher Gewalttäter. Die Sprache kam auch auf extrem gewaltbereite Politiker. Saß stellte klar, dass Adolf Hitler alle Merkmale eines Psychopathen hatte. Das bringt uns ins Grübeln? Warum konnte ein Psychopath jahrelang so viele Menschen in seinen Bann ziehen? Philosophie zum Gruseln!

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