Sonntag, 31. August 2014

Was nicht im STANDARD stand

Am 25. Juli erschien im STANDARD ein grantiger Leserbrief von mir, dessen Auslöser ein Interview mit Christoph Leitl zum Thema Schule war. Hannes Androsch hat darauf mit einem ausführlichen Kommentar reagiert und an mich drei Fragen gestellt. Ich habe Herrn Androsch und dem STANDARD umgehend meine Antworten geschickt. Leider sind sie nie erschienen, was ich - gelinde gesagt - nicht sehr fair finde. Für interessiertes Publikum veröffentliche ich meine Antwort hier:

Mein Leserbrief vom 25. Juli

Ich staune, wie oft Menschen, denen man ein gewisses Maß an kritischer Intelligenz zutraut, diese nicht unter Beweis stellen, sobald es um das Thema Schule geht. Da wimmelt es von hohlen, metaphorisch glitzernden Phrasen („Stillstand“, „Verkrustung“, „Schule aus dem bürokratischen Korsett lösen“), die nie befriedigend konkretisiert werden. Da hagelt es Urteile und Darstellungen, die schlicht und einfach falsch sind. Da werden Forderungen und Ansprüche formuliert, die irreal und widersprüchlich sind. Ein lehrreiches Beispiel dieser Art „Bildungsexpertentum“ hat (wieder einmal) Christoph Leitl geliefert. Ich greife nur einen grundlegenden Schwachpunkt seiner „Bildungsphilosophie“ heraus. Einerseits will er, dass individuelle Begabungsprofile viel stärker berücksichtigt werden. (Kommt sein Beispielfall eines Schülers, der mit lauter „Sehr gut“ und einem „Nicht genügend“ aus dem System fällt, irgendwo im wirklichen Schulleben vor?) Andererseits gefallen ihm „verbindliche Bildungsziele“, also standardisierte Vergleichsmodelle, die den „Wettbewerb unter den Schulen“ ermöglichen. Also was jetzt, Herr Präsident? Die Skala der „Bildungsexperten“ reicht in Österreich von Androsch über Schilcher und Salcher bis zu Leitl. Gemeinsam sind ihnen sachliche Inkompetenz, widersprüchliche, schlecht durchdachte, irreale Forderungskataloge und – gemessen an diesen Defiziten – eine erstaunlich große Klappe und zu viel mediale Aufmerksamkeit.

Die nicht veröffentlichte Antwort auf Hannes Androschs Fragen:

Sehr geehrter Herr Doktor Androsch, ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit, die Sie meinem Leserbrief vom 25. Juli 14 gewidmet haben und antworte gerne auf Ihre Fragen und Ihre Kritik. Sie behaupten, Österreich habe „eines der teuersten Bildungssysteme, aber zugleich eines mit den schlechtesten Ergebnissen“. Ich nehme an, Sie gehen dabei von PISA-Daten aus. Tatsächlich liegt Österreich bei PISA im Mittelfeld. Zur grundsätzlichen Problematik von Bildungsmessungen wäre auch einiges zu sagen, aber prinzipiell: Glauben Sie wirklich, dass ein wirtschaftlich erfolgreiches Land wie Österreich eines der schlechtesten Bildungssysteme haben kann?
Universitäten klagen über die gesunkene Qualifikation der Maturanten, die Wirtschaft klagt über mangelhaft qualifizierte Lehrstellenbewerber. Ich kenne diese Klagen seit 36 Jahren Schuldienst. Sie beruhen oft auf subjektiven Stimmungen und dem „Früher-war-alles-besser“-Reflex. Oder liegen Ihnen dazu seriöse Vergleichsuntersuchungen vor? Bemerkenswerter finde ich, dass viele Maturanten bei Aufnahmetests an der Rechtschreibung scheitern. Bemerkenswert deswegen, weil man uns Deutschlehrern seit vielen Jahren einbläut, Rechtschreibung sei in digitalen Zeiten keine wichtige Qualifikation mehr. Auch bei der künftigen Zentralmatura hat die Rechtschreibung wenig Einfluss auf die Benotung. Aber was tun tertiäre Bildungsinstitutionen? Sie überprüfen Rechtschreibkenntnisse!
Dieser Beispielfall ist kennzeichnend für die Zerfahrenheit des Bildungsdiskurses und die Hilflosigkeit und Desorientierung der Bildungspolitik, und damit komme ich zu Ihren drei Fragen:
Frage Nr.1: Ich bin so wie Sie davon überzeugt, dass ganztägige Schulformen dringend gebraucht werden. Es wäre hilfreich, wenn die Politik dafür einen seriösen Masterplan entwickeln würde. Zum Nulltarif wird das allerdings nicht möglich sein, denn allein der Ausbau der schulischen Infrastruktur wird viel Geld kosten, wenn man die hohe Qualität garantieren will, die in Sonntagsreden so gerne angekündigt wird.
Frage Nr.2: Sie vereinfachen den Zusammenhang zwischen sozialen Aufstiegsmöglichkeiten und „gemeinsamer Schule der 10- bis 14-jährigen“. So wie ja oft auch der Zusammenhang zwischen PISA-Erfolg und gemeinsamer Schule falsch dargestellt wird. Natürlich gibt es gut funktionierende Gesamtschulsysteme, es gibt aber auch ziemlich schlechte, die weder sozialen Aufstieg noch Leistung mit sich bringen. Den Weg, den die österreichische Bildungspolitik in den letzten Jahren gegangen ist, halte ich für problematisch. Die Hoffnung, über das umstrittene und teure System NMS, über eine Angleichung der Lehrerausbildung und des Dienstrechts irgendwie zu einem Gesamtschulsystem zu finden, erweist sich bisher als Illusion. Die Gefahr, dass hier mehr ruiniert als verbessert wird, ist groß.
Frage Nr.3: Auf die Frage, warum die Eltern in Österreich jährlich mit 150 Millionen Euro Nachhilfekosten belastet werden, gibt es nicht eine einzige Antwort. Die Linke macht oft reflexartig schlechten Unterricht dafür verantwortlich. In manchen Fällen wird das stimmen, aber in anderen nehmen auch Eltern ihren Teil der Verantwortung zu wenig wahr, und besonders in der Sekundarstufe II gibt es jenen Schülertypus, den progressive Bildungsideologen so gerne leugnen: keine Hausübungen, Schulbücher unauffindbar, 240 Fehlstunden, davon 77 unentschuldigt.
Sehr geehrter Herr Doktor Androsch, das Bildungsthema ist ein ziemlich weites Feld, und ich kann hier nur wenige Aspekte verkürzt anreißen. Was mich aber als „Praktiker“ oft stört, ist die unsachliche Pauschaldiffamierung der österreichischen Schule durch externe Experten und die Widersprüchlichkeit und Realitätsferne ihrer Ansprüche. Aber danke für Ihre Dialogbereitschaft.



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