Sonntag, 10. August 2014

Viel Politik, wenig Bildung

Oberösterreichische Nachrichten vom 7. August 2014

ÖVP-Generalsekretär Reinhold Lopatka nützt die Sommerferien, um über die Schule nachzudenken. Er überlegt, ob man die Neue Mittelschule (NMS), das Prestigeprojekt von Ex-Ministerin Claudia Schmied, nicht aufgeben und zum System Hauptschule zurückkehren soll. Ein Schildbürgerstreich? Ja und nein. Das Kernproblem liegt (wieder einmal) in der mangelnden Sachlichkeit und Professionalität der österreichischen Bildungspolitik.
Die NMS war von Anfang an weniger ein pädagogisches als ein politisches Projekt, eine Strategie, mit der die Befürworter der Gesamtschule so nach und nach das differenzierte System Gymnasium – Hauptschule auflösen wollten. Die Lehrerpopulationen AHS und HS sollten in der NMS vermischt werden. Auch das neue Lehrerdienstrecht und die neuen Ausbildungsrichtlinien für Lehrkräfte gehen eindeutig in Richtung Vereinheitlichung. Diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Die Zahl der AHS-Lehrkräfte, die an NMS unterrichten, ist minimal geblieben, und die ÖVP hat am achtjährigen Gymnasium festgehalten. Ihr Zugeständnis an den Koalitionspartner bestand allerdings darin, grünes Licht für die flächendeckende Einführung der NMS zu geben – und zwar ohne seriöse Evaluation, was ja ursprünglich geplant gewesen war! Das war grob fahrlässig, wie sich herausgestellt hat.
Im Dezember 2013 brachte der Rechnungshofbericht zur NMS schlechte Nachrichten. Das System NMS ist teuer, wird aber den Versprechungen nicht gerecht, die Claudia Schmieds Propagandaapparat jahrelang hinausposaunt hat. In der NMS betrugen im Schuljahr 2011/12 die Lehrerpersonalkosten pro Schüler 7200 Euro, in der HS 6600 und in der AHS-Unterstufe nur 4700. Der Rechnungshof kritisiert auch, dass die Ex-Ministerin an eine private PR-Agentur für die Bewerbung der NMS mehr als 2 Millionen Euro ausgegeben hat.
Fragt man Lehrkräfte in den NMS, wie sie mit dem neuen System (keine Leistungsgruppen, Team-teaching) zurechtkommen, so hört man unterschiedliche Antworten. Manche bemühen sich mit bewundernswertem Engagement ums Gelingen, andere bleiben vorsichtig-skeptisch und wieder andere halten gar nichts davon. Vielleicht ist es nicht ganz fair, die Messung der Bildungsstandards 2013 (Englisch) jetzt schon als Kriterium für das Gelingen der NMS heranzuziehen. Aber ganz wegwischen kann man nicht, dass die NMS schlechter abgeschnitten haben als die HS. Von einer Annäherung an die AHS (auch so ein Schmied-Versprechen!) kann sowieso keine Rede sein.

Zurück zu Reinhold Lopatka. Angesichts der harten Fakten ist seine Frage, ob man an der NMS wirklich festhalten soll, nicht ungerechtfertigt. Andererseits wirkt das alles ziemlich irrwitzig, wenn man bedenkt, wieviel Arbeitsaufwand und finanzielle Mittel schon in das Projekt NMS geflossen sind. Schuld an diesem Dilemma ist eine Bildungspolitik, deren Priorität allemal die Politik ist, nicht die Bildung. 

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