Freitag, 16. Mai 2014

Das "träumende Blut" des Bifie


Das Bifie, zuständig für praktisch alles, was in der aktuellen Schuldiskussion als innovativ gilt, hat schon bessere Tage gesehen. Bei der Matura 2014 reihen sich die Pannen zur Serie. Nach dem Streit um den Punkteschlüssel für Englisch und die fragmentarische Übermittlung der Mathematik-Matura an einige Wiener Gymnasien muss sich das Bifie jetzt auch für die zentrale Aufgabenstellung für Deutsch prügeln lassen.
   Gegenstand der Kritik sind der literarische Text und die an ihn geknüpfte Interpretationsaufgabe. Der Prosatext „Die Schnecke“ stammt aus der Feder des Schriftstellers Manfred Hausmann (1898-1986). Die Themensteller des Bifie dürften sich über Hausmanns Biografie nur oberflächlich informiert haben. So ist ihnen vermutlich entgangen, dass Hausmann nachweisbare Sympathien für den Nationalsozialismus hatte, dass er Mitarbeiter der NS-Wochenzeitung „Das Reich“ war, dass er 1940 als Berichterstatter am Großdeutschen Dichtertreffen in Weimar teilgenommen hat, um nur zwei auffällige biografische Daten anzuführen.
   Dass ausgerechnet bei einer zentralen Maturaaufgabe der Text eines NS-Sympathisanten vorgelegt wird, ist natürlich ein Tritt in den großen Fettnapf. Unabhängig davon muss man aber einräumen, dass „Die Schnecke“ auf den ersten Blick nicht als Text mit NS-Ideologie erkennbar ist. Die Hauptfigur ist ein Mann, der sich über die Schnecken in seinem Garten ärgert, weil sie seinen Salat wegfressen. Als er gegen eine Schnecke vorgehen will, bemerkt er plötzlich ihre Schönheit, und ihm wird bewusst, dass es nur sein Nützlichkeitsdenken ist, das ihn gegen die Schnecke einnimmt, während in der Natur alles gleichwertig nebeneinander existiert. Dennoch zertritt er am Schluss der Geschichte die Schnecke. Das Herrschaftsinteresse des Menschen siegt über die Natur.
   Dieser Text, der auch in mehreren Lesebüchern der Nachkriegszeit vertreten war, wird von jüngeren Lesern heute vermutlich als eine Art Öko-Literatur gelesen, möglicherweise sogar mit Sympathie, und diese Lesart ist auch nicht ganz falsch. Befremden dürfte freilich bei heutigen Lesern die Wortwahl und Metaphorik des Texts auslösen. Alles Irdische ist „gleich lebensgierig und gleich todgeweiht“, der Mensch ist nicht nur „reiner Geist“, sondern auch „träumendes Blut“, und am Schluss erstarrt der Protagonist in „Sünde und heilloser Zerrissenheit“. Diese Wortwahl kommt teilweise aus dem ideologischen Diskurs der NS-Zeit und wäre, ähnlich wie das mythische Menschenbild dahinter, kritisch zu reflektieren.
   Das wäre zweifellos eine spannende intellektuelle Herausforderung, die aber Maturanten nur bei entsprechender Vorbereitung bewältigen könnten – und sicher nicht mit bescheidenen 450 Wörtern. Die Fragestellung des Bifie blendet diese Seite der „Schnecke“ aus. Damit geht sie allerdings an den Entstehungs- und Rezeptionsumständen des Texts vorbei. Für die Themenstellung 2015 ist den Verantwortlichen weniger „träumendes Blut“ und mehr „reiner Geist“ zu wünschen.
(Oberösterreichische Nachrichten, 16.5.2014)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen