Dienstag, 20. Mai 2014

Auf der Suche nach der gerechten Note

Ein Gespenst geht um in der Schuldiskussion: die Gerechtigkeit, und zwar die absolute. Bei der aktuellen Suche nach den Schadstellen der Zentralmatura hat man eine gefunden, die bisher unbeachtet geblieben ist: Auch bei der Zentralmatura liegen Korrektur und Beurteilung in der Hand des Lehrers, der die Klasse unterrichtet hat. Kritiker dieser Situation fordern, dass sich das ändern müsse. Um eine „gerechte“ Beurteilung zu gewährleisten, müssten „externe Experten“ eingesetzt werden.
Naja, warum nicht? Allerdings sollte man nicht der Illusion verfallen, dadurch in jedem Fall zur objektiv richtigen Note zu kommen. Denn wer ist denn dieser „externe Experte“, der angeblich über das ultimativ richtige Urteil verfügt? Wahrscheinlich ist es nicht der liebe Gott, sondern ein anderer Lehrer desselben Unterrichtsfachs, also auch nur eine Art Mensch – mit Stärken und Schwächen, subjektiven Sichtweisen und einer nicht immer berechenbaren Tagesverfassung. Würde ich die Deutsch-Klausuren des Bundesgymnasiums Braunau korrigieren, würden manche Noten vielleicht etwas besser oder etwas schlechter sein als beim prüfenden Kollegen. Aber wer von uns hat wirklich Recht?
Nicht einmal in der exaktesten aller Wissenschaften, der Mathematik, ist es möglich, ein Beurteilungssystem zu erstellen, durch dessen Anwendung alle Mathematiker dieser Welt zum selben Urteil über dieselbe Schülerleistung gelangen könnten. Wenn es um Sprache geht, um Texte, ist das noch schwieriger. Wir müssen zwar Klarheit darüber haben, nach welchen Kriterien wir eine Schülerarbeit beurteilen, aber kein noch so komplexer Beurteilungsraster kann absolute Gerechtigkeit gewährleisten.
Konfrontiert man Gerechtigkeitsideologen mit dieser belästigenden Tatsache, dann antworten sie meist, man müsse die Aufgaben eben so stellen, dass eine eindeutige Beurteilung möglich ist. Konsequent zu Ende gedacht, könnte man dann eine Schülerleistung vom Computer nach einem Falsch-Richtig-Schema beurteilen lassen. Wäre das gerecht? Mag sein, aber es ginge völlig an der Bildungsaufgabe des Deutschunterrichts vorbei. Die Matura könnte dann bestenfalls aus einem Diktat, einem formalen Grammatiktest und einem rein faktenorientierten Literaturtest bestehen (Wer schrieb den „Faust“? a) Johann Wolfgang von Goethe, b) Conquita Wurst, c) Andreas Salcher).
Der bildungspolitische Zeitgeist konzentriert sich auf die Optimierung messbarer „Kompetenzen“ und auf Ranglisten, hat also mehr mit Ökonomie und Sport zu tun als mit Pädagogik und Bildung. Es wäre an der Zeit, wieder zum menschlichen Maß zurückzufinden, das heißt: über Bildungsinhalte zu reden und über den Zusammenhang von Persönlichkeit, Wissen und Lebenssinn. So kämen wir vielleicht auch zur Einsicht, dass Gerechtigkeit zwar ein wichtiger Wert ist, dass er aber nicht durch Regulieren von allem und jedem realisiert wird. Weder in der Schule noch im Leben.

(Oberösterreichische Nachrichten, 20. Mai 2014)

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