Dienstag, 4. März 2014

Bildungsmessung - nicht nur ein EDV-Problem

Die peinliche EDV-Panne, die tausende geheime Bifie-Daten in die rumänische Freiheit entlassen hat, böte einen guten Anlass, nicht nur über Datensicherheit und politische Verantwortung nachzudenken, sondern auch über Sinn und Unsinn des Messens in Bildung und Pädagogik. Vor ungefähr fünfzehn Jahren hörte ich bei einem Bildungssymposion eine forsche deutsche Referentin, die uns erklärte, wie literarische Bildung gestaltet sein müsse, damit sie gemessen werden kann. Ich teilte der Referentin mit, dass ich derlei für groben Unfug halte, für ein Vergehen an der Literatur und an den Schülern. Sie erwiderte mir kalt lächelnd, dass in der Schule der Zukunft literarische Bildung messbar sein werde, und wenn nicht, dann werde sie eben gar nicht mehr sein.
Was ich damals für die krude Utopie einer armen Verblendeten gehalten habe, ist mittlerweile auf dem besten Weg, traurige Realität zu werden. PISA, TIMSS, PIRLS, Bildungsstandards, Lesescreening, standardisierte Reifeprüfung, Feldtestungen. Wir sind besessen von der Magie der Zahl und meinen, durch Messdaten die einzig gültige Wahrheit über die Qualität von Schulen und die Leistungsfähigkeit von Lehrern zu bekommen. Tatsächlich setzt sich Schulqualität aus sehr vielen Komponenten zusammen, und nur einige davon sind messbar. Daher wäre dort und da eine Kosten-Nutzen-Rechnung angebracht.
Seit einigen Wochen liegen die Daten der Bildungsstandardmessung 2013 vor. Was haben wir dadurch Neues erfahren? 1. Dass Gymnasiasten in der Regel besser Englisch können als Hauptschüler. Na, so eine Überraschung! 2. Dass die Neue Mittelschule ähnliche Ergebnisse bringt wie die Hauptschule. Das verblüfft wohl nur jene Gutgläubigen, die den Propagandaschriften des Ministeriums Schmied vertraut haben. 3. Dass Mädchen sprachlich etwas besser abschneiden als Burschen. Auch das wissen wir. 4. Dass die Kinder mit Migrationshintergrund im Schnitt schlechter abschneiden als die der Eingesessenen. Auch das ist bekannt. (Man darf es aber nur leise sagen, sonst gilt man als Rassist.) Auch die Schulergebnisse liegen – zumindest an meiner Schule – im Erwartungshorizont. Resümee: Nichts Neues. Großer bürokratischer und finanzieller Aufwand, wenig Effekt.
In dieser Woche mussten wir in unseren achten Klassen für das Bifie Feldtestungen zur standardisierten Reifeprüfung durchführen. Unser Maturajahrgang  wurde natürlich noch auf die alte Reifeprüfung vorbereitet, nicht auf die teilweise stark abweichenden Formate des nächsten Schuljahres. Die Schüler konnten mit einigen Aufgaben nichts anfangen, weil sie so etwas nie gelernt haben oder die neue Terminologie nicht verstanden haben. Welche Aussagekraft hat solch eine Testung?
Das Hauptproblem der Vermessungsideologie sehe ich aber darin, dass sie totalitäre Ansprüche erhebt und das Bildungsverständnis auf das Prinzip Messbarkeit verengt. Was nicht messbar ist, wird bestenfalls geduldet, schlimmstenfalls für überflüssig erklärt. Entweder etwas ist messbar oder es ist nicht. Wollen wir das?


Dieser Beitrag von Christian Schacherreiter erschien am Freitag, 28.2.14, als Gastkommentar in den OÖN

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