Samstag, 5. Oktober 2013

Lesetipp Oktober: "Mortimer und Miss Molly" von Peter Henisch

Meine Rezension aus den Oberösterreichischen Nachrichten vom 25.9.

Es ist wieder allerhand Geglücktes erschienen in diesem österreichischen Literaturherbst, aber der Lorbeer für den besten Liebesroman der Saison ist Peter Henisch zu reichen. Er erzählt zwei Liebesgeschichten und setzt sie auf ziemlich raffinierte Weise zueinander in Beziehung. Aber nicht nur das. „Mortimer & Miss Molly“ ist nicht nur ein Roman über die Liebe, ihre Unberechenbarkeit, ihr Gelingen und ihr Scheitern, sondern auch ein anregender poetologischer Beitrag zum Thema Fakten und Fiktion – in der Literatur und im Leben.
Ach ja, das Leben! Es kümmert sich viel zu selten um unsere Pläne und trifft eigenwillige Entscheidungen. So bringt es am Beginn der achtziger Jahre eine Wiener Psychologiestudentin und einen angehenden Turnusarzt aus Turin aneinander heran – und zwar in San Vito, einem Örtchen in der südlichen Toskana. Die Toskana ist – rein liebesgeografisch betrachtet – ein ergiebiger Raum. Peter Henisch bereichert die Handlung mit allerhand Atmosphärischem, weicht aber der Gefahr von Landschaftskitsch und Stimmungskulisse elegant aus. Er vermeidet opulente Naturbilder zugunsten der impressionistischen Skizze, und wenn er vom guten Essen und Trinken in der Trattoria berichtet, vermeidet er die verbreitete Unart, gleich das ganze Kochrezept mitzuliefern.
Die Heldin heißt Julia, der Held heißt Marco, und die Genese ihrer Liebe folgt den Mustern, die wir „romantisch“ nennen. Dazu gehören nicht nur Leidenschaft, Erfüllung und Glück, sondern auch Gefährdungen, Missverständnisse und Irrtümer. Und der Großteil der Geschichte spielt in den achtziger Jahren, also im vordigitalen Kommunikationszeitalter. Da müssen zwischen Turin und Wien noch Briefe hin- und hergeschickt werden. Da gibt es keine Handys und keine Mails, sondern nur ein Festnetz und Telefonzellen.
Doch zurück nach San Vito. Im Hotel Albergo Fantini, einem Haus mit Geschichte, lernen Julia und Marco einen alten Amerikaner namens Mortimer kennen, der aussieht wie Ernest Hemingway und dem jungen Paar auch eine Liebesgeschichte erzählt, seine Liebesgeschichte. Sie beginnt im Sommer 1944, als Mortimer als junger Kampfflieger über San Vito abgeschossen wird und mit seinem Fallschirm in einem Renaissancegarten landet. Sein Treiben wird von einer englischen Gouvernante beobachtet, die den Fremden in ihr Haus nimmt, ihn mit Speis und Trank labt, ihn reinigt und bekleidet, als käme sie direkt aus dem Matthäus-Evangelium. Obwohl Miss Molly um 20 Jahre älter ist als der junge Soldat, entsteht eine ungewöhnliche Liebesbeziehung.
Da Mortimers Aufenthaltserlaubnis in Italien abgelaufen ist, verschwindet er, ohne seine Geschichte zu Ende zu erzählen. Julia und Marco wollen sich aber nicht mit der Exposition begnügen. Marco hat ohnedies eine ausgeprägte Leidenschaft für den Film, und so erzählen die beiden die Geschichte von Mortimer und Miss Molly als Drehbuch weiter und geben damit auch ihrer eigenen Liebesbeziehung einen ganz besonderen Reiz. Und so könnte alles sehr gut und sehr schön sein, wenn nicht das Leben immer wieder eigenwillige Entscheidungen träfe…


Peter Henisch: „Mortimer & Miss Molly“. Roman, Deuticke, 319 Seiten, 20,50 Euro

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