Montag, 23. September 2013

Lesetipp September: Daniel Kehlmann "F"

Christian Schacherreiter in den Oberösterreichischen Nachrichten vom 11.9.2013:

Daniel Kehlmann, einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren seit 1945, hat erneut ein Meisterstück abgeliefert. Ob sein neuer Roman „F“ die sagenhaften Verkaufszahlen von „Die Vermessung der Welt“ erreichen wird, ist zwar nicht vorhersehbar. Aber qualitativ steht „F“ auf vergleichbarer Höhe. Die Hauptakteure sind drei Brüder in einer nicht ganz alltäglichen Konstellation. Martin, der Älteste, stammt aus einer anderen Beziehung des Vaters als Eric und Iwan, die Zwillinge. Die drei Biografien könnten unterschiedlicher nicht sein. Martin wird katholischer Priester, Erec wird Vermögensberater, Iwan hingegen drängt es zur Malerei.
Jeder Stand hat seine Sorgen, jeder Stand hat seine Last. Martin glaubt nicht an Gott. Das verursacht ihm zwar keine Gewissensqualen, aber der Job im Pfarrhaus kann einem ganz schön auf die Nerven fallen, wenn die transzendentale Festigung fehlt. Zur Entspannung widmet er sich gerne dem guten Essen, und wir liegen wohl nicht ganz falsch, wenn wir uns Martin in den Dimensionen von Otfried Fischer vorstellen.
Der homosexuelle Iwan fühlt sich während seines Studiums plötzlich mit der Vermutung konfrontiert, nie über das Mittelmaß gefälliger Kunst hinauswachsen zu können, verzichtet auf die Künstlerkarriere und widmet sich – allerdings mit ungewöhnlichen Methoden – der Nachlassverwaltung des Werks von Heinrich Eulenböck. Erics Fassade duftet zwar nach Reichtum, Luxus und Erfolg. Dahinter stinkt es aber gewaltig. Das Vermögen eines anderen gegen die Wand zu fahren, nein, das ist kein Kavaliersdelikt.
Daniel Kehlmann beherrscht den Perspektivenwechsel und die Erzählung des inneren Erlebens ziemlich souverän, und er ist – das wissen wir spätestens seit „Ruhm“ – ein Meister der raffinierten Komposition. Es ist schon ziemlich elegant, wie er die Lebensfragmente der drei Brüder immer wieder zueinander in Beziehung setzt und sie an ein eher zwielichtiges Kernmotiv knüpft: an den (möglicherweise folgenschweren) Auftritt eines Hypnotiseurs, den Martin, Iwan und Erec gemeinsam mit ihrem Vater als Buben besucht haben. Man mag einwenden, dass Kehlmann in der Stretta die Verdichtung und Motivverknüpfung etwas zu virtuos anlegt – zugunsten der Spannung, zulasten des Realismus.
Aber letztlich geht es in diesem Plot nicht vorrangig darum, dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit gerecht zu werden, sondern um die Frage, auf welche Weise Zufall, Kausalität oder Schicksal jene Gemengelage hervorbringen, die wir unser Leben nennen. Beim Versuch einer zuverlässigen Erklärung stoßen wir bald an die Grenzen der Rationalität. Niemand weiß so recht, was ein Vorfall von heute übermorgen oder gar in einem Jahr bedeuten und bewirken könnte. Und wenn es ganz kurios zugeht, kann jemand auch auf die Idee kommen, Gott habe seine Hand im Spiel. Dass dieser Jemand in Kehlmanns Roman ausgerechnet ein Vermögensberater ist, hat einen besonderen Charme.

Daniel Kehlmann: „F“. Roman, Rowohlt, 380 Seiten, 23,80 Euro

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