Montag, 9. September 2013

Es geht doch um die Kinder!


Wenn das Schuljahr beginnt, häufen sich die öffentlich vorgetragenen Wortspenden zum Thema Schule, und der zeitgeistige Formel- und Propagandavorrat fliegt uns zum zwanzigsten Mal im Jahr um Augen und Ohren. Deckt sich der Schulanfang auch noch mit der Vorwahlzeit, potenziert sich das Ausmaß dieser Heimsuchung. An glanzvollen Ideen für die ganz andere Schule mangelt es nicht, und jeder wahlwerbende Zufallskandidat, der eine Art natürlicher Bildungsexperte ist, weil er selbst einmal zur Schule gegangen ist, versichert uns in berührendem Tonfall: Es geht doch um die Kinder!
Um die Kinder geht es zum Beispiel den Neos, die sich mehr Konkurrenz unter den Schulen wünschen, damit sich die Eltern, wie ich kürzlich gehört habe, „die beste Schule“ für ihre Kinder aussuchen können. Das Niveau der österreichischen Schuldiskussion leidet oft darunter, dass die Vorschläge nicht zu Ende gedacht werden. Man stelle sich einmal vor, wir wüssten, welche drei Schulen in Linz die besten sind. Dann hätten endlich alle Eltern die Möglichkeit, ihre Kinder dort anzumelden. Tausende Schüler besuchen dann die besten drei Schulen und alle anderen sperren wir zu. So einfach ist das.

In einem Interview sagte kürzlich Werner Faymann, das neue Lehrerdienstrecht sei unbedingt nötig, denn es sei „zum Besten unserer Kinder“. Ich gestehe, ich wusste nicht, dass die Schüler unter dem bestehenden Lehrerdienstrecht leiden. Aber wenn es so ist, dann freue ich mich, nächste Woche unseren Erstklasslern die erlösende Nachricht überbringen zu können: „Liebe Kinder, in Zukunft werden die Junglehrer nicht 20, sondern 24 Stunden wöchentlich unterrichten und auf Lebenszeit deutlich weniger verdienen!“ Na, da wird es aber einen Jubel geben! Was gibt es Schöneres als leuchtende Kinderaugen und ein befreites Jauchzen aus zarten Kehlchen!

Weil alle zum Schulbeginn so gute Ideen haben, möchte ich mich auch an diesem Kreativwettbewerb beteiligen. Hand auf’s Herz, liebe Kolleginnen und Kollegen, wir müssen es ja zugeben: Es gibt sie, die Lehrer, die für ihren Beruf ungeeignet sind, ihren Schülern, ihrem Chef und manchmal auch sich selbst zur Qual. Da die Hattie-Studie nachweist, dass die Lehrkraft der wesentliche Faktor für den Lernerfolg ist, und da man uns Schulmeistern immer rät, wir sollten uns ein Vorbild an der Wirtschaft nehmen, schlage ich vor, für diese Lehrer, die ihren Job verfehlt haben, aber aufgrund des Arbeitsrechts fest im Sattel sitzen, nach dem Vorbild der „Bad Bank“ eine „Bad School“ einzurichten.

Dort könnte man alle Kuriosa der Schulpädagogik sammeln – und hemmungslos unterrichten lassen. Als Publikum stelle ich mir natürlich nicht reale Kinder vor, sondern eher „Schülerdarsteller“. Wo soll man die hernehmen? Naja, da gibt es doch diese Idee, „freigestellte“ Postler in die Schulen zu versetzen. Bisher wussten wir ohnehin nicht so recht, was die dort tun sollen. Jetzt hätten wir ein verlockendes Anforderungsprofil: Schülerdarsteller in der „Bad School“. Und niemand sage mir, das sei zu teuer. Eine Bad School kostet nur einen Bruchteil dessen, was der Steuerzahler für die Rettung der Hypo Alpe Adria hinblättern muss, und der ist wahrscheinlich besser angelegt – denn es geht doch, bitte, um die Kinder!
(als Gastkommentar erschienen in den Oberösterreichischen Nachrichten am 6.9.13)

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