Samstag, 15. Juni 2013

Leserbrief und Zentralmatura

In den OÖN ist am Freitag, 14.6.2013, meine Glosse zu einer Aufgabenstellung für die Deutsch-Matura 2013 erschienen. Ich mache ihn gerne auch auf meiner Homepage zugänglich:

Die Leserbriefschreibperformanzkompetenz

In der OÖN-Redaktion wird man sich warm anziehen müssen, wenn in absehbarer Zeit jene Maturantengenerationen, die schon die neue, die „kompetenzorientierte“ Reifeprüfung in Deutsch absolviert haben, ihre Leserbriefe schicken werden. Eine Aufgabe aus dem diesjährigen Versuchsangebot für die neue Deutsch-Matura fordert nämlich die Kandidaten dazu auf, einen Leserbrief in der Länge von 405 bis 495 Wörtern zu schreiben... – O Pardon, wir sagen jetzt nicht mehr „schreiben“, sondern „Schreibperformanz“. Das ist ein wesentlicher Teil der Reform. Lassen wir einmal offen, warum der Rahmen für diese – äh, Schreibperformanz ausgerechnet von den Zahlen 405 und 495 abgesteckt wird und nicht etwa von 403 und 492. Dieser Entscheidung ist sicher ein langer, durch eine interne und externe Evaluation abgesicherter Entscheidungsprozess vorangegangen.
Was schwerer wiegt als die Zahl als solche, ist die Länge, die da gefordert wird. Ein Leserbrief mit 450 Wörtern umfasst (inklusive Leerzeichen) mehr als 3000 Zeichen. Ein Leserbrief mit 3000 Zeichen und mehr hat in einer Tageszeitung ähnlich große Chancen auf ungekürzte Veröffentlichung wie der LASK auf den österreichischen Meistertitel in der Bundesliga. Das heißt, dieser Leserbrief geht von vornherein an den Gesetzen des Mediums vorbei, für das er geschrieben wird.
Liest man die Arbeitsaufgabe im Detail, wird einem auch klar, wie die Länge dieser wortreichen Schreibperformanz zustande kommt. Zunächst einmal fordert der Aufgabensteller den Maturakandidaten dazu auf, den Zeitungsartikel, auf den sich der Leserbrief bezieht, zusammenzufassen. Dann soll er sich kritisch mit den Inhalten dieses Artikels auseinandersetzen und letztlich auch noch begründen, welche Maßnahmen zur Energiewende in Österreich ihm selbst Erfolg versprechend erscheinen. Das ist ja bekanntlich ein ganz simples Thema, das in wenigen Sätzen locker zu bewältigen ist.
Die Befürworter der Zentralmatura betonen immer wieder, dass die neuen Prüfungsformate die Maturanten endlich mit jenen Kompetenzen ausstatten, die sie da draußen im Leben wirklich brauchen. Na fein, bloß wäre es dann sachdienlich, wenn die Aufgabensteller für die Deutsch-Matura einmal nachschauen, wie denn das wirkliche Leben aussieht, in diesem Fall sprechen wir von der Medienrealität.

In meinen Sprachbüchern für die Oberstufe rate ich den Schülern, die eigene Meinung im Leserbrief in etwa 150-200 Wörtern klar und pointiert zu formulieren. Daran hat kürzlich ein ministerielles Gutachten Kritik geübt. Gemessen an der Medienrealität hätte ich zwar Recht, aber die Aufgabenstellung bei der Zentralmatura verlange eine deutlich höhere Wortanzahl. Und darauf seien die jungen Leute vorzubereiten. Früher hieß das: Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir. Aber heute sind wir da viel moderner: Nicht für das Leben, sondern für die Schreibperformanz der Zentralmatura werden wir kompetent gemacht.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen