Montag, 13. Mai 2013

Christoph Hein: Vor der Zeit

Christoph Hein liest am Dienstag, 14.5.2013 im Stifter-Haus aus seinem neuen Buch "Vor der Zeit". Ich freue mich, diesen Abend moderieren zu dürfen, und lade dazu hertlich an. (Stifter-Haus Linz, 19.30 Uhr)

Heute ist in den OÖN meine Rezension erschienen:

Mythen sind Versuche, die Welt zu erklären. Sie kommen von weit her, aus vorwissenschaftlicher Zeit. Heute erklären wir uns die Weltentstehung zwar nicht mehr durch Götterkämpfe, sondern durch die Urknalltheorie. Und um das Leiden des Menschen an sich selbst nehmen sich Psychotherapeuten an, nicht die Schicksalsgöttinnen. Aber der Mythos ist nicht tot. Auch im wissenschaftlichen Zeitalter beweist er eine erstaunliche Überlebenskraft, denn Mythen sind oft fiktive Modelle des Lebens, nicht „wahr“ im Sinne des Realismus, aber erhellend für den Menschenforscher.
Der deutsche Schriftsteller Christoph Hein erzählt in seinem neuen Buch „Vor der Zeit. Korrekturen“ seine Versionen griechischer Mythen und leuchtet auf diese Weise Themen und Probleme unserer Epoche aus. In vieler Hinsicht haben sich die Menschen nicht verändert seit den Tagen Homers. Liebe, Gewalt, Betrug, Leidenschaft, Gier und Todesfurcht sind hartnäckige Begleiter.
Den inhaltlichen Schwerpunkt in „Vor der Zeit“ bildet der Sagenkreis rund um Troja: der mit wachsender Erbitterung geführte Krieg, die kriegsentscheidende List des Odysseus, seine Irrfahrten und seine Heimkehr. Am Beispiel des Odysseus macht Christoph Hein klar, dass zehn Jahre Kampf und zehn Jahre Abenteuer einen Menschen verändern. Als Odysseus heimkehrt, bleibt er sich fremd in dieser Zivilgesellschaft – bis er die Freier seiner Frau Penelope abschlachtet. Beim Töten fühlt sich Odysseus plötzlich wieder daheim.
Christoph Hein versteht es hervorragend, die Aktualität mythischer Stoffe ohne billige Modernisierungsgags erkennbar zu machen. In der Erzählung „Hades klagt an“ beschwert sich der Gott des Totenreichs über die medizinischen Künste des Asklepios. Allzu oft holt der mythische Arzt einen Totgeweihten vom Styx zurück und stört auf diese Weise die Ordnung der Götter. Hades verlangt von Zeus die Todesstrafe für diesen Mann, der möglicherweise den Menschen noch zur Unsterblichkeit verhilft und damit die Welt zur geriatrischen Anstalt umformt. Hades bekommt Recht, Asklepios wird in das Totenreich abberufen, setzt aber dort seine Medizinerexistenz fort!
Behutsam, aber umso wirkungsvoller setzt Christoph Hein das Mittel der Ironie ein, so etwa, wenn Zeus bekennt, wie sehr ihm diese dummen Orakel auf die Nerven gehen. Wären da nicht die lukrativen Nebeneinnahmen für die Götter, denen die Orakel geweiht sind, hätte er sie schon längst verboten. Ob er aber für diesen Wirtschaftszweig alle Freiheiten der Marktwirtschaft gewähren soll, bleibt umstritten. In der Erzählung „Die schöne Helena“ – und nicht nur dort – dekonstruiert Hein das Mythische. Vier Versionen sind überliefert, eine poetischer als die andere, aber letztlich bleibt die nüchterne Erzählung von einer Frau, die nach ihrer Rückholung in Sparta alt und älter wird – und einsam stirbt.

Christoph Heins „Vor der Zeit“ ist ein sehr gescheites und stilistisch sehr schönes Buch, ein großartiges Beispiel für die kreative Weiterarbeit am guten, alten Mythos.

Christoph Hein: „Vor der Zeit. Korrekturen“, Insel Verlag, 185 Seiten, 20,60 Euro

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