Samstag, 5. Januar 2013

Über Liessmanns Lob der Grenze


Notwendige Bücher sind solche, die Dogmen des öffentlichen Diskurses einer kritischen Prüfung unterziehen. Ein Dogma des Fortschrittsdiskurses lautet: Grenzen müssen aufgehoben werden, weil sie uns behindern, unsere Freiheit einengen, unsere Entfaltungsmöglichkeiten und Entwicklungschancen hemmen. Diesem Dogma setzt Konrad Paul Liessmann sein „Lob der Grenze" entgegen, ein notwendiges Buch, das zu differenziertem Nachdenken einlädt.

Der Wiener Kulturphilosoph analysiert Segen und Fluch der Grenze in ganz verschiedenen Bereichen. Unter anderem erläutert er das Thema im Hinblick auf klassische philosophische Fragestellungen. Was ist der Mensch? Wo liegt die Grenze zum Tier? Warum sind wir mit den Grenzen des Menschen unzufrieden? Und ist es immer sinnvoll, diese Grenzen zu erweitern? Der Traum vom vollkommenen Menschen hat schon in der Vergangenheit viel Unheil angerichtet. Nicht nur religiöse Eiferer wollten den Menschen ganz anders haben, als er nun einmal ist, auch totalitäre politische Ideologien machten ihre Bilder vom vermeintlich besseren Menschen zum pädagogischen Pflichtprogramm. Die sozialen Umerziehungsprogramme sind mittlerweile in den Hintergrund getreten, aber die Genforschung liebäugelt mit der genetischen Programmierung eines verbesserten Menschengeschlechts.

Das Thema „Grenze" ist in mehrfacher Weise ein politisches Thema. Konrad Paul Liessmann fragt, was denn von jenen Propagandisten der Marktfreiheit zu halten sei, die alle Eingriffe des Staates in die Wirtschaft als unzulässige Grenzüberschreitung ablehnen, aber die Ersten sind, die sich in der Krise um staatliche Bürgschaften anstellen. Und wo sind überhaupt die Grenzen staatlicher Machtausübung anzusetzen? Der Rechtsstaat setzt Grenzen, um den Bürgern Sicherheit zu gewährleisten. Aber wie viel Sicherheit braucht der Mensch? Wollen wir wirklich die totale Kontrolle, um auch noch das letzte bisschen Restrisiko einer terroristischen Aggression von uns abzuwenden?

Aktueller denn je ist das Thema Grenzziehung im gegenwärtigen, von der Krise heimgesuchten Europa. Hätte man gegenüber Ländern wie Griechenland schon früher Grenzen ziehen müssen, und was würde passieren, wenn wir sie in naher Zukunft zögen? Liessmann erläutert das europäische Problem auch unter einem anderen, oft vernachlässigten Aspekt. Er differenziert zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft. Europa ist nicht Gemeinschaft im Sinne eines organisch gewachsenen, emotional besetzten Heimatgefühls, sondern ein rationales Konstrukt. Das macht zwar die Funktion der EU durschaubar, erschwert aber für viele die emotionale Identifikation.

Alles hat seine Grenzen, zweifellos auch das menschliche Leben. Den letzten der zwölf Essays widmet Liessmann den Grenzen zwischen Leben und Tod, zwischen Jugend und Alter. „Lob der Grenze" hat wieder alle Qualitäten, die wir an Liessmanns Büchern schätzen: relevante Themen, stringente Argumentation und einen wunderbar klaren, durch elegante Ironie bereicherten Stil.

Konrad Paul Liessmann: „Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft", Zsolnay Verlag, 200 Seiten, 19,50 Euro

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen