Sonntag, 7. Oktober 2012

Bildungsfortschritt durch Uniformierung?

Man erwartet sich jetzt große Fortschritte im Bildungswesen durch Standardisierung, Zentralisierung und Normierung. Die bescheidenen Vorteile dieser Entwicklung dürften aber hinter den Nachteilen weit zurückbleiben. Als Autor von Schulbüchern für den Deutschunterricht bekommt man zu spüren, dass individuelle, kretive Konzepte nicht mehr geschätzt werden. Wenn ein Schulbuch von den Gutachtern des Ministerium approbiert werden soll, muss es in erster Linie einförmigen, "kompetenzorientierten"  Formaten in der Aufgabenstellung entsprechen. Die Inhalte sind sekundär, die Vielfalt ist tertiär. Ein breites Spektrum von Texten mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden wird meist unterbunden, weil alle alles nach denselben Handlungsanweisungen erfüllen sollen. Die Schüler/innen müssen bei jedem Denk- und Arbeitsschritt durch ein enges Korsett an Handlungsanweisungen (Operatoren) angeleitet werden, sind diese nach den Kriterien eines vorformulierten Erwartungsprofils erfüllt, kann der Lehrer eine "Kompetenzliste" abhaken und eine angeblich objektive Beurteilung erstellen. Schulbücher, Unterricht und Schülerkompetenz erhalten dadurch den Charakter einer fabrikmäßig hergestellten Ware - jedes Stück mit gleicher "Qualität" und Gestalt. Konrad Paul Liessmann nennt das sehr treffend die "Industrialisierung der Bildung". Auch wenn sich die Erfinder der Kompetenzorientierung und Standardisierung manches nicht so vorgestellt haben, wie es derzeit läuft, der Keim dazu ist im normierenden Ansatz einfach angelegt, und in der Hand von Menschen ohne pädagogische Vernunft wird das normative Prinzip zum Hauptprinzip. Sitzen sie an Machtpositionen im Bildungswesen, verwelken unter ihren Händen Vielfalt, Originalität, Kreativität und Individualität. Es wird aber noch Jahre dauern, bis dieser verhängnisvolle Trend kritisch hinterfragt und wieder abgedreht werden wird.

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