Sonntag, 29. Juli 2012

Beschneidung und Aufklärung

Der mediale Wirbel um die Beschneidung ist zwar ziemlich überzogen, wenn man das Problem mit anderen Verletzungen der menschlichen Integrität vergleicht, die tagtäglich weltweit passieren. Ungeachtet dessen - und bei aller Sympathie für ungestörte Religionsausübung - halte ich aber solch einen Eingriff schon für eine Verletzung der Integrität. Man kann diesen Vorgang nur bedingt mit der christlichen Taufe vergleichen, die ein symbolischer Akt ist, der zwar spirituelle Spuren hinterlassen soll, aber keine körperlichen oder psychischen Spuren hinterlässt. Die Beschneidung hatte ursprünglich - so wie manche religiöse Ernährungs- oder Kleidungsvorschrift - pragmatische Hintergründe. Wenn in der Wüste Wassermangel herrscht, ist die Sauberkeit des Gliedes ein heikles Thema. Die Substanz, die sich zwischen Vorhaut und Eichel ansammelt, ist vom medizinischen Standpunkt aus schädlich für die Frau, hat mir ein Arzt erklärt. In den meisten Ländern, schon gar nicht in den europäischen, ist aber dieses Problem vorhanden. Daher besteht für die Beschneidung kein pragmatischer Grund mehr. Wascht euch den Pimpel ordentlich, liebe Geschlechtsgenossen, das genügt! Was also bei der Beschneidung übrig bleibt, ist nur das formale Ritual.
Sollte ein Mann die Beschneidung vornehmen lassen wollen, kann er das ja das aufgrund eigener Entscheidung immer noch machen. Knaben solch einen Eingriff aufzuzwingen, lehne ich ab. Weder der jüdische noch der musilimische Gott machen ihre Sympathie für einen Mann davon abhängig, ob dieser beschnitten ist oder nicht. Ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass mir das Himmmelreich verwehrt bleibt, weil ich meine Vorhaut nicht rechtzeitig losgeworden bin.
Zu dieser rationalen, aufgeklärten Sicht der eigenen religiösen Traditionen (sei es die Beschneidung oder anderes) müssten sich alle Religionsgemeinschaften endlich einmal durchringen. Damit stehen wir beim Thema Beschneidung wieder einmal vor demselben Problem, vor dem wir häufig stehen im religionskritischen Diskurs der Gegenwart: Religion soll die Belästigung der Aufklärung nicht verweigern.

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