Sonntag, 3. Juni 2012

Vermessung der Schulwelt (ungekürzt)


In den OÖN vom 1.Juni ist mein Kommentar "Die Vermessung der Schulwelt" in gekürzter Version erschienen. Das ist leider bei Tageszeitungen nicht zu vermeiden (also kein Vorwurf an den Redakteur!). Die ungekürzte Fassung mache ich hier zugänglich:

Wir haben sie hinter uns, die erste flächendeckende Standardmessung der österreichischen Bildungsgeschichte. Ihr Gegenstand war die Mathematik, ihre mediale Begleitmusik ist laut, ihr Erkenntniswert wird bescheiden sein. Viel bescheidener als der finanzielle und organisatorische Aufwand, den wir da betreiben und sicher noch so lange betreiben werden, bis die verantwortlichen Bildungspolitiker und die in ihrem (gut dotierten) Sog agierenden „Experten“ mutig und ehrlich genug sein werden, um einzugestehen: So bringt das nichts.
Ja, auch ich habe in der Woche vor der Standardmessung noch an unsere vierten Klassen appelliert, sich auf die Testung mit Ernst einzulassen und – bitte, bitte! – drei Dinge mitzubringen: Geo-Dreieck, Zirkel, Taschenrechner. Unsere Schülerinnen und Schüler waren, so sagen zumindest die Testleiter, fair zu uns. Obwohl die Testung für sie weder individuelle Vorteile noch Nachteile hat, waren die meisten mit dem vom Direktor beschworenen Ernst bei der Arbeit. Dafür danke ich ihnen.

Meine erste Meinungsumfrage bei den Schülerinnen und Schüler hat ein gleichförmiges Bild ergeben: Sie waren erstaunt über die niederen Anforderungen, die meisten waren schon nach der Hälfte der Testzeit fertig. Ich vermute, dass in vielen Gymnasien ein ähnlicher Eindruck entstanden ist. Dort, wo es anders gelaufen ist, wird man auch nicht besonders überrascht sein. Man kennt ja die hauseigenen Probleme. Wie gesagt, der Erkenntniswert für die Schulen ist bescheiden, aber die mediale Begleitmusik wird nach der Veröffentlichung der Ergebnisse im Dezember noch lauter sein als jetzt, und die Bildungspolitik wird vor allem eines tun: die Ergebnisse als „wissenschaftliche“ Bestätigung der eigenen Bildungsideologie verkaufen.

Es gibt tatsächlich gute Gründe, die Testergebnisse nicht im Detail zu veröffentlichen. Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern, zum Beispiel aus England und Norwegen, haben gezeigt, dass Rankinglisten für den Bildungssektor kontraproduktiv sind. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen, unter denen an unterschiedlichen Schulstandorten gearbeitet wird. Man kann weder eine Hauptschule noch eine „Neue Mittelschule“ in Wien-Favoriten mit dem Akademischen Gymnasium in Salzburg vergleichen. Das leuchtet jedem ein, dessen Gehirn nicht vom Gleichheitswahn umnebelt ist. Allerdings darf man dann auch die Frage stellen, welchen Sinn es hat, dass beide Schulen denselben mathematischen Leistungstest durchführen.
Wie immer die Testung ausgehen wird, Ministerin Claudia Schmied wird ganz sicher aus dem Ergebnis „wissenschaftlich“ ableiten, dass die Neue Mittelschule die einzig zukunftstaugliche Schulform ist und dass die AHS-Unterstufe augenblicklich aufgelöst werden muss. Die Assistenz von Bernd Schilcher & Co. ist ihr bei dieser messerscharfen Analyse gewiss, und sicher wird sich auch der in der Rolle des „Bildungsexperten“ dilettierende Hannes Androsch wieder zu Wort melden (sofern ihm bis dahin jemand den Unterschied zwischen Ganztagsschule und Gesamtschule erklären kann).

Dennoch, ich muss meine Scheltrede relativieren. Eine interessante Erkenntnis habe ich aus der Standardtestung schon gewonnen: Das Problem war nicht die Mathematik, das Problem bestand für einige Schüler darin, Geo-Dreieck, Zirkel und Taschenrechner mitzubringen – trotz intensiver Appelle. Immerhin, bildungswissenschaftlich nicht ganz irrelevant, diese Einsicht.

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